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Islamistischer Terror : Einzeltäter und Al-Qaida-Filialen

Ein Denkmal entsteht: Erinnerungsstücke an die Opfer des Terroranschlags von Boston auf der Boylston Street, in der Nähe des Explosionsorts Bild: dpa

Seit dem 11. September wurde viel Energie und Geld in den Kampf gegen den Terror investiert. Doch solange der religiöse Fanatismus giftige Blüten treibt, Gewalt predigt und dafür wie in Boston Vollstrecker findet, wird es keine wirkliche Ruhe geben.

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          Sicherheitsfachleute schätzen, dass sich mittlerweile rund 500 europäische Staatsbürger den Aufständischen in Syrien angeschlossen haben. Sie fürchten, dass einige dieser „Kämpfer“ sich Terrorgruppen anschließen und nach der Rückkehr in ihre Heimatländer dort Terroranschläge verüben könnten.

          Mit anderen Worten: Syrien ist der neue Magnet für die Radikalisierung und „Dschihadisierung“ junger Islamisten, so wie das bis vor kurzem, in einem viel größeren Umfang, der Irak und Afghanistan waren. Die europäischen Sicherheitsbehörden sind jedenfalls besorgt, schließlich grenzt Syrien an das Nato-Land Türkei (und an Israel), es ist Mittelmeeranrainer. In Syrien trifft der europäische Dschihad-Nachwuchs unter anderem auf kampferprobte tschetschenische, irakische und maghrebinische „heilige Krieger“.

          Zu einem anderen Schauplatz: Noch immer wird in den Vereinigten Staaten über die Motive der mutmaßlichen Bombenleger von Boston und die Hintergründe der Tat gerätselt. Man hat Kenntnis von einem längeren Aufenthalt des älteren der Tsarnaev-Brüder, bei denen es sich um ethnische Tschetschenen handelt, im vergangenen Jahr im Nordkaukasus. Es gibt Mutmaßungen über Kontakte zu Leuten aus dem islamistischen Untergrund; man hält eine Radikalisierung per Internet für möglich, dort gibt es praktische Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen.

          „Den Islam vor Angriffen schützen“

          Neuenglische Zelle einer größeren, transnational operierenden Terrorgruppe waren Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev mutmaßlich nicht. Sie waren Einzelgänger. Dem überlebenden der Brüder, Dzhokhar, wirft die Anklage den Einsatz von „Massenvernichtungswaffen“ vor. Er soll sich dahingehend geäußert haben, dass er und sein strengreligiöser Bruder „den Islam vor Angriffen schützen“ wollten. Indem sie Teilnehmer und Zuschauer einer großen Sportveranstaltung töteten und verletzten? Aus jungen Männern mit gebrochener Identität wurden islamistisch-verdrehte, nichtorganisierte, aber höchst gewaltbereite Amateur-Terroristen, wurden Mörder.

          Wie die Beispiele Amerika und Kanada, Spanien und Großbritannien - auch Deutschland kann genannt werden - zeigen, gibt es in vielen westlichen Ländern radikalisierte oder radikalisierungsbereite junge Muslime. Wenn sie in den Sog von Hasspredigern und Terrorapologeten wie dem im Jemen getöteten Anwar al Aulaqi kommen, kann die extremistische Saat aufgehen. So stand der amerikanische Major Nidal Hasan in Kontakt mit Aulaqi, bevor er 2009 in Fort Hood ein Massaker anrichtete.

          Das vom FBI veröffentlichte Foto der Boston-Attentäter Tamerlan (r,) und Dschochar Zarnajew. Bei dem Bombenanschlag während des Boston-Marathons waren drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden.
          Das vom FBI veröffentlichte Foto der Boston-Attentäter Tamerlan (r,) und Dschochar Zarnajew. Bei dem Bombenanschlag während des Boston-Marathons waren drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden. : Bild: dpa

          Eine ähnliche Wirkung geht offensichtlich von jenen Schauplätzen aus, auf denen innerislamische Bürgerkriege toben, wo eine islamische Bevölkerung sich gegen westliche und nichtwestliche Mächte auflehnt oder dschihadistische Gruppen eine vom Islam durchdrungene, antiwestliche Ordnung zu errichten suchen. Der direkte oder virtuelle Radikalisierungsimpuls ist früher von Afghanistan oder vom Palästina-Konflikt ausgegangen, neuerdings geht er von der Erhebung gegen den syrischen Diktator Assad aus.

          Es ist schwer zu sagen, wer inzwischen die größere Gefahr darstellt: Kleingruppen und Einzelgänger, sogenannte „homegrown terrorists“, oder Al-Qaida-Filialen im nordafrikanischen Maghreb oder auf der Arabischen Halbinsel. Deren Angehörige sind Unternehmer des Terrors, die zumeist über militärische Erfahrung verfügen. Offenkundig sind sie auch ohne ein strategisches „Oberkommando“ handlungsfähig.

          Seit dem „11. September“ haben die westlichen Sicherheitsbehörden viel Geld und Energie in die Terrorabwehr investiert; der Personaleinsatz wurde verstärkt, die innerstaatliche und die zwischenstaatliche Zusammenarbeit sind erheblich besser geworden. Nicht zuletzt deshalb ist es gelungen, Anschläge zu vereiteln.

          In der freien Gesellschaft bleibt ein Restrisiko

          Man muss daran erinnern, dass die Attentäter von Boston die ersten waren, die seit 2001 in den Vereinigten Staaten „Erfolg“ hatten. Vieles funktioniert also; dass ein Restrisiko bleibt, gerade in Zeiten knapper Mittel, dass nicht jeder auch nur vage Verdächtige in einer freien Gesellschaft unablässig überwacht werden kann, sagt schon der gesunde Menschenverstand. Der sagt auch, dass Pannen, so tragisch die sein können, nie völlig auszuschließen sind.

          Weil der islamistisch inspirierte Terrorismus viele Facetten hat, müssen auch viele Instrumente zu seiner Bekämpfung eingesetzt werden: kriminalpolizeiliche und geheimdienstliche, zivile wie militärische. Hätte Frankreich in Mali nicht militärisch interveniert, wäre das Land womöglich heute Rückzugsraum und Operationsbasis für Al Qaida. Es gibt Bedrohungen, die eine militärische Reaktion erfordern; in der Regel jedoch kommt es auf den Staatsschutz und auf aufmerksame Einwanderungsbehörden an.

          1993 wurde der erste Anschlag auf das World Trade Center in New York verübt - mittlerweile sieht sich somit der dritte amerikanische Präsident mit dem Phänomen des islamistischen Terrorismus konfrontiert. Vermutlich wird Obama nicht der letzte sein. Solange die islamische Welt derart aufgewühlt ist, solange der religiöse Fanatismus giftige Blüten treibt und immer wieder Anlässe findet, Gewalt zu predigen und dafür Vollstrecker findet, wird es keine wirkliche Ruhe geben.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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