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Vor seinem Tod : Wie Samuel Paty von seinen Kollegen angefeindet wurde

In Erinnerung an den ermordeten Lehrer Samuel Paty Bild: AFP

Der Franzose Samuel Paty wurde nach dem Zeigen einer Mohammed-Karikatur von einem Islamisten enthauptet. Es hieß, er sei zuvor von seinen Lehrerkollegen verteidigt worden. Das Gegenteil ist richtig, wie nun aufgetauchte E-Mails zeigen.

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          Als er am 16. Oktober in Conflans-Sainte-Honorine nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty eine kurze Ansprache hielt, dankte Präsident Emmanuel Macron ausdrücklich dem Lehrerkollegium und der Schulleitung, die „jeglichen Druck mit bemerkenswerten Mut standgehalten“ hätten. Doch die Erzählung von einer heroisch die Presse- und Meinungsfreiheit verteidigenden Lehrerschaft, die geschlossen hinter dem Geschichtslehrer Samuel Paty stand, hat sich im Laufe der Ermittlungen verflüchtigt.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Paty musste sich, so steht inzwischen fest, den Anfeindungen mehrerer Kollegen erwehren. So hielt ihm ein anderer Lehrer vor, dass er die Mohammed-Karikatur aus der satirischen Wochenzeitung „Charlie Hebdo“ den Schülern im Unterricht gezeigt habe. Ein anderer Lehrer warf ihm vor, „den Islamisten in die Hände gespielt“ und „Schüler diskriminiert“ zu haben. Auch die Schulleiterin trat nicht als eindeutige Anwältin auf, sondern tadelte Paty für seine „Ungeschicklichkeit“. Das zeigt der E-Mail-Austausch zwischen Samuel Paty, der Schulleitung und des Lehrerkollegiums in den zehn Tagen zwischen der Unterrichtsstunde über Pressefreiheit am 6. Oktober und der Enthauptung des Geschichtslehrers am 16. Oktober.

          Schulleiterin sprach von „Ungeschicklichkeit“

          Der Zeitung „Le Monde“ wurde jetzt Zugang zu den E-Mails gewährt, die über eine für jeden Schulbezirk zur Verfügung gestellte interne Mail vom Bildungsministerium verwaltet werden. Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hat sich wiederholt vehement gegen die in der Lehrerschaft stark verbreitete linksgerichtete politische Strömung ausgesprochen, Muslime prinzipiell als Opfer von Diskriminierung und sozialer Benachteiligung anzusehen und deshalb Rücksichtnahmen zu fordern. In Frankreich gibt es dafür den Begriff „Islamo-gauchisme“, dem Blanquer kürzlich in einem Radiogespräch den Kampf ansagte.

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          Der Email-Austausch im Lehrerkollegium beginnt am 8. Oktober, zwei Tage, nachdem Paty die Unterrichtseinheit Pressefreiheit mit seinen Schülern der 8. Klasse durchnahm. „Ein Individuum hat uns damit gedroht, Muslime vor die Schule kommen zu lassen und die Presse zu alarmieren“, schreibt die Schulleiterin an Paty. „Madame, vielleicht fehlen mir da Einzelheiten“, erwiderte Paty. „Wenn ich es richtig verstehe, droht eine Person damit, Muslime vor die Schule zu holen, damit ihre Kinder (die vermutlich auch Muslime sind) die Karikaturen des Propheten anschauen müssen (und mich nebenbei zwingen, was ich sagen darf oder auch nicht, was wirklich nicht der Laizität entspricht). (…) Diese Situation ist so absurd, dass sie fast komisch ist“, schrieb der Lehrer.

          Da „Charlie Hebdo“ zum Prozessbeginn zu den Attentaten von 2015 die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt hatte, hatte er eine Zeichnung aus der Satirezeitung in den Klassenraum mitgenommen. Er bot den Schülern an, die Augen zu schließen oder den Klassenraum zu verlassen, falls sie befürchteten, von der Karikatur schockiert zu sein. Zu keinem Zeitpunkt erwähnte er, dass er sich nur an muslimische Schüler richtete, wie ihm hinterher fälschlicherweise unterstellt wurde.

          Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 21. Oktober nahe des Sargs von Samuel Paty
          Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 21. Oktober nahe des Sargs von Samuel Paty : Bild: Reuters

          Eine pädagogische Hilfskraft hatte sich zuvor bereit erklärt, die Schüler, die den Raum verlassen wollten, während dieser Zeit zu beaufsichtigen. Diese vorgebliche „Segregation“ zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Schülern wurde ihm hinterher von dem Vater einer Schülerin vorgehalten, der ein Video aufnahm und es in den sozialen Netzwerken verbreitete.

          Auch die Schulleiterin wertete das Vorgehen als „Ungeschicklichkeit“. In einer Rundmail an das gesamte Kollegium teilte die Schulleiterin am 9. Oktober mit: „Monsieur Paty hat seine Ungeschicklichkeit sofort eingestanden. (…) Wir sind uns bewusst, dass er niemanden diskriminieren wollte.“  Sie schloss mit der Bemerkung: „Monsieur Paty hat eine schwierige Woche hinter sich und es ist wichtig, dass wir ihn alle unterstützen.“

          Doch einen Tag später schrieben zwei Lehrer eine Rundmail, um sich von Patys Vorgehen zu distanzieren. „Ich schreibe Ihnen heute diese Nachricht, weil ich das Bedürfnis habe, Ihnen mitzuteilen, dass ich unseren Kollegen nicht unterstütze“, schrieb eine Lehrerin. „Ich will mich durch mein Schweigen nicht zur Komplizin machen. Aus meiner Sicht hat die Lage die Vertrauensbeziehung unterbrochen, die wir jeden Tag mit den Familien aufzubauen versuchen, die eine staatliche Schule für ihre Kinder gewählt haben“, führte sie aus.

          Viele muslimische Familien schicken ihre Kinder auf katholische Schulen oder lassen sie häuslich unterrichten, weil sie der Meinung sind, dass ihre Religion an den staatlichen Schulen diskriminiert werde. Diese Entwicklung hat sich seit dem sogenannten Kopftuchverbot in staatlichen Klassenzimmern im Jahr 2004 stark beschleunigt. Das ist der Grund, warum mit dem neuen Gesetzwerk zum Kampf gegen den islamistischen Separatismus der häusliche Unterricht stark eingeschränkt und nur noch für Notfälle wie schwere Krankheiten erlaubt werden soll. Das Gesetzwerk ist am Mittwoch von Innenminister Gérald Darmanin und Justizminister Dupond-Moretti in der Kabinettssitzung vorgestellt worden.

          Geschichtslehrer Paty wurde in dem E-Mail-Austausch auch von einem anderen Kollegen scharf zurechtgewiesen. „Unser Kollege hat der Meinungsfreiheit einen schlechten Dienst erwiesen, er hat den Islamisten Argumente verschafft und gegen die Laizität gearbeitet, indem er ihr einen Aspekt der Intoleranz gab“, schrieb der Lehrer. Er habe zudem die Schüler diskriminiert. „Man schickt Schüler nicht raus, auf welche Weise auch immer, weil sie dieser oder jener Religion angehören oder dieser oder jener Herkunft sind“, schrieb der Lehrer.

          Betreff: „Furchtbare Neuigkeit“

          Paty gab in mehreren Mails zu erkennen, wie sehr ihm die Hetzkampagne in den sozialen Netzwerken zu schaffen machte. Er verstehe nicht, warum sich der Vater von Z. so aufrege, seine Tochter habe in der fraglichen Unterrichtsstunde gefehlt und wisse gar nicht, was vorgefallen sei. „Sie hat ihrem Vater irgendetwas erzählt, ohne am Unterricht teilgenommen zu haben“, schrieb er. In einer Rundmail an die Kollegen gab sich Paty reuig: „Die Affäre wird jetzt von der Schulaufsicht bearbeitet. Ich habe einen ernsthaften Zweifel, was man während der paar Sekunden machen sollte, als ich diese Zeichnung gezeigt habe. Darf man nicht verärgern oder muss man total neutral bleiben? (…) Ich hätte diese menschlichen Fehler vermeiden müssen.“

          Die Projektion einer Karikatur der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an einer Fassade in Montpellier nach dem Tod von Samuel Paty
          Die Projektion einer Karikatur der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an einer Fassade in Montpellier nach dem Tod von Samuel Paty : Bild: EPA

          Gegen den Vater, der die Hetzkampagne begann, erstattete Paty Anzeige. Auch die Schulleitung erstattete Anzeige. Doch Paty reagierte auch bitter: „Nächstes Schuljahr arbeitete ich über die Freizügigkeitsregeln oder vielleicht die Internetzensur in China.“ „Ich werde die Unterrichtseinheit nicht mehr der Pressefreiheit widmen. Ich wähle ein anderes Thema zur Freiheit“, schrieb er.

          Der Email-Austausch endete am 16. Oktober mit einer Nachricht der Schulleiterin. Betreff: „Furchtbare Neuigkeit.“ Ein 18 Jahre alter radikalisierter Islamist tschetschenischer Herkunft hatte wenige Stunden zuvor Paty enthauptet.

          „Der Kampf, den wir gegen den Terrorismus und den radikalen Islamismus führen, ist ein europäisches Anliegen“, sagte Macron in seinem jüngsten Gespräch mit „Le Grand Continent“. „Die Tatsache, dass diese Debatte in Europa so wenig Resonanz hatte, oder dass sie mit so viel Verlegenheit geführt wurde, sagt etwas über die moralische Krise aus, in der wir uns befinden“, sagte der Präsident. „Der Kampf unserer Generation in Europa wird ein Kampf um unsere Freiheiten sein. Weil sie gerade kippen“, schloss er.

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