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Islamischer Staat : „Frauen sollen nicht leben, sondern funktionieren“

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Screenshot eines Propagandavideos der IS-Miliz zeigt voll verschleierte Frauen der Al-Chansaa-Brigade mit Gewehren, die angeblich in der syrischen Stadt Al-Rakka operieren. Bild: dpa

Die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi hat das Manifest von IS-Kämpferinnen untersucht. Sie sagt: Die Hoffnung auf die ideale Gesellschaft locke die Frauen in den Islamischen Staat. Ein Interview.

          Die potentiellen Kandidatinnen für den Islamischen Staat werden mit romantisierten Vorstellungen vom Leben unter ihrer Herrschaft infiziert. Setzt die Empfänglichkeit dafür eine gewisse Naivität voraus?

          Ja, ich denke schon, aber auch gewisse Vorstellungen über eine ideale Gesellschaft. Wenn jemand durch das Manifest überzeugt wird, dass es tatsächlich diese ideale Gesellschaft irgendwo gibt, dann ist er anfällig und empfänglich für dieses Gedankengut.

          Welchen Verhaltenskodex sieht die IS-Frauenbrigade Al-Chansaa für Frauen vor?

          Ein moralisch und sittliches Leben wird vorgeschrieben. Die Frau muss sich strikt an Vorschriften halten und wird aus der Öffentlichkeit verbannt. Sie soll sich nur im Haus aufhalten, weil sie angeblich dafür erschaffen wurde. Nur in ganz besonderen Fällen darf die Frau das Haus verlassen.

          Die Frauen sollen also nicht leben, sondern funktionieren?

          Richtig. Der Islamische Staat erwartet von den Frauen, dass sie eine dem Staat wohlgefällige Existenz führen und eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft einnehmen, wodurch das Denken für sie nicht mehr notwendig ist.

          Der IS verkauft Entmündigung der Frauen als Befreiung. Wie gelingt ihnen das?

          Das Manifest der IS-Frauenbrigade al-Chanssa ist mit einem ausführlichen Kommentar im Herder Verlag erschienen

          Meiner Beobachtung nach sind die Frauen in der westlichen Welt durch den Druck verschiedene Rollen einnehmen zu müssen, überfordert. Sie müssen eine gute Ausbildung haben, einen guten Job, sollen neben der Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau noch Karriere machen. Hier bringt der IS das Gegenkonzept eines Lebens, indem die Frau sich keine Sorgen und Gedanken machen muss, weil sie in einer Gemeinschaft gut aufgehoben ist und mit allem versorgt wird. Ihre zugewiesenen Rollen bekommen dann besondere Wertschätzung. Darin liegt ein gewisser Reiz.

          Wie begegnen Sie dem Vorwurf, dass Sie mit der Herausgeberschaft des IS-Manifests bei der Verbreitung der Ideologie und der Propaganda des Islamischen Staats mithelfen?

          Das war auch die kritische Frage, die ich mir vor dem Beginn meiner Arbeit an diesem Buch gestellt habe. Dass die Kommentierung und das auf Deutsch übersetzte Manifest dadurch für einen größeren Kreis zugänglich wird, darf man kritisieren. Aber als ich von diesem Manifest gehört habe und mich damit befasst habe, habe ich gemerkt, dass in den sozialen Netzwerken darüber diskutiert wird und diese Darstellungen idealisiert werden. Ich wollte dann durch meinen Kommentar dem Manifest theologisch etwas entgegensetzen und ihm den Wind aus den Segeln nehmen.

          Wie kommt es überhaupt zur Herausbildung eines solchen Frauenbildes, das als Leitbild im Manifest dominiert?

          Es basiert nicht auf primären Quellen, sondern auf einigen wenigen Überlieferungen und Auslegungen in der islamischen Tradition, die durchaus von starken patriarchalischen Strukturen geprägt sind. Einige Tendenzen findet man auch bei den Konservativen, aber die konservative Sichtweise ist im Gegensatz zum IS nicht militant und brutal. Die strikte Rollenverteilung gibt es in der traditionellen Auslegung des Islams auch, sie wird aber nicht als Einschränkung, sondern als Schutz der Frau angesehen. Die Position kann natürlich dazu ausarten, dass man der Frau alle Freiheiten nimmt, wenn man für sie eine konkrete Lebensform vorbestimmt.

          In radikal-islamistischen Ideologien findet sich oftmals Vertröstung auf das Jenseits. Welche Rolle spielt das Diesseits im Leben dieser Menschen?

          Das Diesseits wird als Übergangsphase angesehen, in der man die Möglichkeit hat, sich auf das Jenseits vorzubereiten. Das Leben hier ist wie ein Saatfeld und alles, was man hier sät, wird man im Jenseits ernten. Diesseits bedeutet für diese Menschen, das man sich akribisch an Gesetze hält und freies Denken meidet.

          Könnte man sagen: Man muss hier in den sauren Apfel beißen, damit man im Jenseits ein schönes Leben genießen darf?

          Ja, es ist tatsächlich so, dass das Leben hier nicht schön sein muss. Von der Schönheit des Lebens darf man erst im nächsten Leben kosten. Es muss einem nicht gut gehen. Es kann auch ein schlechtes Leben mit Aussicht auf das Jenseits sein. Das kann dann auch zu einem fatalistischen Denken führen, das nicht gut für diese Welt ist.  

          Ihnen gemäß wird die Botschaft des Korans vom Manifest mit Füßen getreten. Was konkret läuft dem koranischen Geist zuwider?

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