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„Islamischer Staat“ : Dieser Krieg wird noch lange dauern

Ein IS-Mitglied Ende Juni in der syrischen Stadt Raqqa Bild: Reuters

Der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ ist noch lange nicht vorbei. Ohne weitere Bodentruppen kann er nicht gewonnen werden. Aber woher sollen diese Truppen kommen? Eine Analyse.

          Im Krieg gegen den „Islamischen Staat“ ist wenig klar, und gewonnen ist er noch lange nicht. Unmissverständlich ist lediglich der Aufruf des amerikanischen Präsidenten Barack Obama von Anfang September, den IS „zu zerstören“. Ein Konzept dazu ist in den drei Monaten seither nicht entwickelt worden, selbst wenn sich mehr als fünfzig Staaten unter Führung Washingtons zu einer Koalition gegen den IS zusammengeschlossen haben.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Ein konkretes Kriegsziel haben sie seither auch nicht definiert: Soll der „Islamische Staat“ wirklich völlig zerstört oder nur, da die Mittel nicht ausreichen, vorläufig geschwächt werden? Soll es nur im Irak geschehen oder auch in Syrien? Und was ist die Folge, wenn auf einen militärisch-taktischen Sieg kein strategischer folgt, wenn sich der IS nach einer Niederlage auf dem Schlachtfeld also bald - und das war seit 1999 ja wiederholt der Fall - wieder neu und noch brutaler formiert?

          Der IS ist mehr als eine Terrormiliz

          Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass der IS mehr ist als bloß eine Terrormiliz. Denn er kontrolliert auf jeweils einem Drittel Syriens und des Iraks ein Territorium, auf dem mehr als zehn Millionen Menschen leben, und er bietet diesen Dienstleistungen an, wie es herkömmliche Staaten tun: Er produziert Strom, bezahlt Sozialhilfen und betreibt Gerichte, die natürlich Recht nach der Scharia sprechen. Er finanziert seine Dienstleistungen mit dem Verkauf von geschmuggeltem Erdöl, mit Schutz- und Lösegeldern, auch mit Transitgebühren. Dazu hat der Führer des „Islamischen Staats“ ein Kabinett mit acht „Ministern“ berufen, für jede Provinz ernannte er einen Gouverneur - meist sind es erfahrene Leute aus dem Regime von Saddam Hussein -, und ein Militärrat aus 13 Kommandeuren steht ihm zur Seite. Sie befehligen eine Armee mit 31 000 Kriegern unter Waffen, und das sind schwere Waffen.

          Ein Mann beobachtet Ende Oktober nahe der türkischen Stadt Suruc nahe der Grenze zu Syrien das Kampfgeschehen in Kobane

          Was zunächst undenkbar erschien, ist heute Gewissheit: Dieser „Islamische Staat“ wird so rasch von der Landkarte nicht verschwinden. Alte Gewissheiten werden indes vom Krieg gegen den IS auf den Kopf gestellt: Da greifen nicht nur amerikanische Flugzeuge Stellungen des IS an, sondern, wenn auch verhalten, auch saudische und iranische. Da liefert das gar nicht mehr so pazifistische Deutschland Waffen an eine Kriegspartei, die Kurden, und an der Südflanke kämpfen von Iran unterstützte schiitische Milizen, die gestern noch wegen ihrer Menschenrechtsverstöße geächtet waren, mit dem Beifall des Westens gegen den IS.

          Der Westen darf nicht tatenlos zusehen

          Das ist nicht der Krieg des Westens, der in Syrien und im Irak tobt; allein eine Einigung unter den nahöstlichen Kriegsparteien wird ihn - und das nicht in naher Zukunft - beenden. Tatenlos darf der Westen aber nicht zusehen. Denn in Syrien wächst eine neue Generation von Terroristen heran, die gefährlicher sind, als es das Terrornetzwerk von Al Qaida vor mehr als einem Jahrzehnt war. Eine direkte Linie führte damals von Afghanistan zu den Terroranschlägen des 11. September 2001. Nach einer Inkubationszeit von mehreren Jahren könnte sich der terroristische Furor, der sich heute in Syrien auflädt, morgen im Westen entladen.

          Wie soll der Westen handeln? Er ist ratlos, kann nicht einmal Kriegsziele formulieren. Eigentlich hatte der Westen in Damaskus ja einen Regimewechsel angestrebt. Dann aber würde in dem bestehenden und furchteinflößenden Flickenteppich hybrider quasistaatlicher Gebilde der letzte große, berechenbare Ordnungsfaktor wegbrechen. Aus einem zweiten Grund ist dem Westen der Appetit auf einen baldigen Regimewechsel in Damaskus vergangen: Sollte Assad stürzen, würden die Stützen seines Regimes zum IS überlaufen. So war es im Irak geschehen, wo der „sunnitische Widerstand“ gegen die Besatzer und dann der erste „Islamische Staat“ ohne die baathistischen Leistungsträger nicht funktionsfähig gewesen wären. Die Lektion daraus lautet, zunächst den IS zu zerstören und erst dann an einen Regimewechsel in Damaskus zu denken.

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