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Islamismus an englischen Schulen : Zusammenprall der Kulturen

Bildungsminister Michael Gove Bild: AFP

Geraten englische Schulen mit überwiegend muslimischen Schülern unter islamistischen Einfluss? Die Schulaufsicht schaut nun genau hin – und sieht sich Rassismusvorwürfen ausgesetzt. Doch ihr Bericht gibt Grund zur Sorge.

          4 Min.

          Am Zaun der „Oldknow Academy“ hängt ein Plakat, das der Schulaufsichtsbehörde Ofsted Rassismus vorwirft: „Ofsted – Islam angreifen, Muslime verunglimpfen“ steht darauf. Die muslimisch dominierte Grundschule in Birmingham wehrt sich dagegen, dass sie schärfer kontrolliert werden soll. Wo sie dem Staat Verleumdung und Intoleranz vorhält, vermuten die Aufseher die islamische Indoktrination einer öffentlichen Bildungseinrichtung.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Die „Oldknow Academy“ steht zusammen mit vier weiteren Schulen im Zentrum einer Affäre, die seit nunmehr sieben Monaten das Königreich beschäftigt. Im November war ein Brief in die Hände der Stadtverwaltung von Birmingham geraten, in dem ein anonymer Autor unter dem Stichwort „Operation Trojanisches Pferd“ den Plan entwickelte, staatliche Schulen mit einem hohen Anteil muslimischer Kinder systematisch unter islamischen Einfluss zu bringen.

          Bis heute wird gerätselt, ob der Brief echt ist, aber seine Wirkung hat er nicht verfehlt. Die Aufregung über den „Trojan Horse Letter“ zwang Ofsted, seine Kontrollen an 21 verdächtigen Schulen zu intensivieren. In fünf Einrichtungen – eine sechste war schon vorher auf der schwarzen Liste gelandet – fand sie nun „beunruhigende“ Zustände vor. In einer Schule sitzen die (überwiegend verschleierten) Mädchen getrennt von den Jungs, in einer anderen wird über Lautsprecher zum regelmäßigen Beten aufgerufen, in einer dritten schürten Lehrer antichristliche Ressentiments und etablierten Arabisch als Pflichtfach.

          Weihnachtskarten waren ihr Ende

          Die „Oldknow Academy“ ließ die muslimischen Schüler regelmäßig mit Sponsorengeldern nach Mekka reisen und kappte zugleich die Verbindungen zu den Kirchen in der Umgebung. Die wenigen Mädchen, die kein Kopftuch tragen, werden von Lehrern offenbar als „unislamisch“ beschimpft. „Wir versuchen, zu Hause ein Gegengewicht zu bilden, aber das arme Mädchen ist gefangen zwischen der Schule und uns“, erzählte Mohammed Zabar, der Vater einer zehn Jahre alten Schülerin an der „Oldknow Academy“, unlängst einer Zeitung.

          Zabar zählt zu den wenigen Betroffenen, die die Zustände offen und mit vollem Namen kritisieren. Viele Eltern, aber auch Lehrer und selbst Schulleiter lebten in einer „Kultur der Angst und Einschüchterung“, stellten die Inspekteure von Ofsted am Montag fest. Anfang des Jahres hatte die langjährige Direktorin der „Oldknow Academy“, Bhupinder Kondal, die Schule verlassen. Sie war das sechste nichtmuslimische Mitglied des Lehrerkollegiums, das binnen eines halben Jahres die Segel strich. „Quellen“ aus dem Schulumfeld, die von britischen Zeitungen zitiert werden, wollen wissen, dass ihr Festhalten am Schreiben und Versenden von Weihnachtskarten das Ende besiegelt habe.

          Lehrer lobt Al-Qaida-Ideologen

          Frau Kondal verlor den Kampf gegen das einflussreiche Governor-Gremium, in dem Eltern, Angestellte der Schulverwaltung und Geldgeber über die Schulgeschicke bestimmen dürfen. Von „unerträglichem Druck“ auf die Direktorin war die Rede. Der Vorsitzende der Governors, Achmad da Costa, hatte das Lehrerkollegium mit strenggläubigen Muslimen besetzt. Zunächst wurde der Direktorin in Jahangir Akbar ein Islamlehrer als Stellvertreter an die Seite gestellt. Wenig später wurde dessen jüngerer Bruder Khalil ins Kollegium aufgenommen. Keine der beiden Stellen war ausgeschrieben worden. Quellen berichteten, dass weiße Frauen im Unterricht als „Prostituierte“ bezeichnet und Lieder gegen christliche Feste einstudiert wurden.

          In der „Park View School“, auch sie steht in Birmingham, soll es sogar Verbindungen in extremistische Kreise geben. Der „Daily Telegraph“ berichtete unlängst, dass ein Lehrer der Schule den Al-Qaida-Ideologen Anwar al-Awlaki öffentlich gelobt und DVDs über Usama Bin Ladin auf Schulcomputern kopiert hat. Zudem lud er den Hassprediger Shady al Suleiman in die „Park View School“ ein. Der Lehrer soll gute Chancen haben, die Direktorin zu beerben, wenn sie demnächst in den Ruhestand geht.

          Die angegriffenen Lehrkräfte sehen sich zu Unrecht in den Mittelpunkt einer öffentlichen Kontroverse gezogen. Jahangir Akbar, der inzwischen die kommissarische Leitung der „Oldknow Academy“ übernommen hat, dementiert die meisten Vorwürfe. Gegenüber der „Sunday Times“ sprach er kürzlich von einer „Hasskampagne“ und warf den Journalisten vor, einseitig zu recherchieren. „Warum sind Sie rassistisch?“, fragte er. Auch viele Eltern beklagen sich über die mediale Aufmerksamkeit und fürchten um den Ruf der Schulen. Schützenhilfe erhalten sie von linksliberalen Kreisen und Zeitungen wie dem „Guardian“, der ausländerfeindliche Ressentiments vermutet und dem konservativen Bildungsminister Michael Gove eine „Hexenjagd“ vorhält.

          Gove steht auch von anderer Seite unter Druck. Er befindet sich nicht nur im Kulturkampf mit denen, die das multikulturelle Treiben Großbritanniens mit naivem Wohlwollen begleiten, sondern in einer persönlichen Fehde mit Innenministerin Theresa May. Unlängst wurde aus ihrem Haus ein Brief bekannt, der Gove vorwarf, das Problem an muslimisch dominierten Schulen viel zu lange ignoriert zu haben.

          Der Verdacht, dass bestimmte Schulen religiös-autoritäre Tendenzen entwickeln, ist nicht neu. Aber frühere Inspektionen der Aufsichtsbehörde haben keine Belege finden können – im Gegenteil: Die „Park View School“, spezialisiert auf Mathematik und Naturwissenschaften, wurde noch vor zwei Jahren als „ausgezeichnet“ prämiert. Nun erhielt sie von Ofsted die Note „ungenügend“. Die Risiken des Extremismus würden „in unzulänglicher Weise“ vermittelt, hieß es zusammenfassend in dem Bericht der Behörde. Ähnlich äußerten sich die Aufseher über die „Oldknow Academy“ und die anderen drei Schulen, an denen zum Teil mehr als neunzig Prozent der Schüler muslimischen Glaubens sind.

          Streit im konservativen Lager

          Fachleute vermuten, dass die Schulleitungen die lange Vorankündigungszeit früherer Inspektionen genutzt haben, um Lautsprecher für Gebete abzustellen, die Kinder wieder zusammenzusetzen und kurzfristig die Curricula zu verändern. Das will Gove nun ändern. In Zukunft sollen die Schulen erst unmittelbar vor der Inspektion über den Besuch informiert werden. Der Chef von Ofsted, Michael Wilshaw, goss am Montagabend Öl ins Feuer, als er in der BBC sagte, Gove habe vergleichbare Vorschläge noch vor zwei Jahren in den Wind geschrieben.

          Angriffe „von rechts“ muss Gove als besondere Pointe erleben. Bisher war er derjenige im Kabinett Cameron, der gerade beim Thema Einwanderungsgesellschaft für eine harte Linie bekannt war. Erst kürzlich flog ein Pfeil aus seinem Haus gegen Theresa May und deren Maßnahmen gegen islamische Extremisten. May würde einzelne Krokodile bekämpfen, anstatt den Sumpf trockenzulegen, wurde ein enger Mitarbeiter zitiert.

          Vor allem in der konservativen Presse wird beklagt, dass der Streit zwischen den Ministern die Bilanz der Regierung zu überschatten droht. Das härtere Vorgehen gegen Extremisten, das in zahlreichen Gesetzen und Initiativen Niederschlag gefunden hat, soll im kommenden Wahlkampf zu einem Schlager der Tories werden. Nach einem Donnerwetter Camerons zeigten sich die beiden Minister am Montag einstweilen wieder vereint, als sie auf der engen Regierungsbank ostentativ nebeneinander Platz nahmen.

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