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IS-Terror in Syrien : Droht ein neues Srebrenica?

  • -Aktualisiert am

Syrische Kurden an der Grenze zur Türkei Bild: AFP

An der syrischen Grenze zur Türkei kämpfen die Kurden um ihr Überleben. Milchpulver und Wolldecken allein helfen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ jedoch nur wenig. Europa und die Türkei müssen nun wählen.

          In den neunziger Jahren, als die Muslime Bosniens sowie des Kosovos von serbischer Aggression bedroht waren und in Orten wie Srebrenica zu Tausenden niedergemetzelt wurden, war die deutsche Linke gegen jegliches Eingreifen in jenen nur eine Flugstunde von München entfernten Krieg. Wäre es damals nach ihr gegangen, gäbe es heute keine Muslime mehr in Bosnien und im Kosovo. Nun, da die Kurden um ihr Überleben kämpfen, gehören sogar Abgeordnete der Linken zu den Fürsprechern einer Intervention – und dieses Mal haben sie recht.

          Denn Krieg und Kriegsgeschrei an der Grenze zur Türkei sind nicht so weit weg, dass sich die Lage mit einem behaglichen Hinweis auf den Frieden daheim abtun ließe. Der Anstieg der Asylbewerberzahlen hat Ausmaße erreicht, die Westeuropa zuletzt erlebte, als Menschen vom Balkan zu Millionen vertrieben wurden. Dabei hatte ganz Jugoslawien lediglich 22 Millionen Einwohner.

          Die Faszination des Primitiven hält an

          Nun ist eine ungleich bevölkerungsreichere Region betroffen, in weiter Ferne so nah. Zumal der Krieg mitten in die westeuropäischen Gesellschaften hineinführt. Zwar gab es auch in den neunziger Jahren einzelne radikalisierte Ausländer, die auf dem Amselfeld oder an der Drina unbedingt für irgendetwas sterben wollten, aber die Ausmaße waren andere. Jetzt präsentierten kurdische Kämpfer im Norden Syriens nicht zum ersten Mal junge Europäer, festgenommen bei dem Versuch, von der Türkei aus zu Einheiten des „Islamischen Staates“ vorzustoßen. Der Form nach waren es zwei Belgier und ein Franzose.

          Kobane

          Dass die Belgier marokkanischer Herkunft waren und der Franzose alles andere als einen urfranzösisch klingenden Namen trug, wird kaum verwundern. Es bestätigt nur, dass die Faszination des Primitiven, die der Terror des „Islamischen Staates“ auf manche europäische Jugendliche ausübt – nicht nur auf solche mit Migrationshintergrund –, offenbar anhält.

          Europa und die Türkei müssen nun wählen. Seit Beginn des Blutvergießens in Syrien weisen türkische Politiker darauf hin, dass sie keinesfalls eine autonome kurdische Region (oder gar einen Staat) in Syrien dulden wollen. De facto entstand diese Region aber dennoch. Die dazugehörende Stadt Kobane ist nun bedroht und auf militärische Hilfe angewiesen. Mit Milchpulver und Wolldecken lässt sich Kobane nicht halten. Dort steht mehr auf dem Spiel als eine Stadt. Es droht ein Srebrenica des Nahen Ostens – nur von weitaus größeren Ausmaßen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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