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Zentralasien : Politischer Sprengstoff auf Wanderung

Bild: F.A.Z.

Es ist kein Zufall, dass die Attentäter von Stockholm, St. Petersburg und Istanbul aus Zentralasien stammen. Der IS rekrutiert dort massiv für sich – und autoritäre Machthaber wissen die Gefahr für sich zu nutzen.

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          Die Anschläge von Stockholm und St. Petersburg haben eine Gemeinsamkeit: die Herkunft der mutmaßlichen Täter aus einer Region, die in den vergangenen Jahren nur wenig beachtet worden ist. Der Fahrer des Lastwagens in der schwedischen Hauptstadt soll ein 39 Jahre alter Usbeke aus Samarkand sein, bei dem Selbstmordattentäter in der Petersburger Metro handelte es sich nach Angaben der russischen Sicherheitskräfte um einen 22 Jahre alten Mann, der in Osch im Süden Kirgistans geboren wurde. Und auch der Mann, der in der Silvesternacht im Nachtclub „Reina“ in Istanbul ein Massaker angerichtet hat, stammte nach Angaben der türkischen Sicherheitskräfte aus Usbekistan.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Diese Häufung ist vermutlich Zufall – aber in ihr kommt eine Entwicklung zum Ausdruck, die sich seit einigen Jahren abzeichnet. Nach amerikanischen Schätzungen kämpfen im Syrien-Krieg mehr als 4000 Männer aus den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion in verschiedenen islamistischen Gruppen. Nach dem Nahen Osten und Westeuropa ist die Region damit das drittwichtigste Rekrutierungsgebiet für ausländische Dschihadisten in Syrien.

          Angeworben wurden die meisten von ihnen aber vermutlich nicht in ihrer Heimat, sondern in Russland. Alle verfügbaren Quellen zeigten, „dass die Rekruten fast ausschließlich von außerhalb der Grenzen der zentralasiatischen Staaten kommen“, heißt es in einer 2015 im Auftrag der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation Usaid veröffentlichten Studie – Terrorismus als Migrationsphänomen. Mehr als sieben Millionen Menschen aus Zentralasien, überwiegend Männer, arbeiten nach verschiedenen Schätzungen in Russland. Ihre Überweisungen in die Heimat machen einen bedeutenden Teil der Wirtschaftsleistung dieser Länder aus – in Tadschikistan etwa, dem ärmsten Land der Region, sind sie sogar mit deutlichem Abstand die wichtigste Einnahmequelle.

          Über Radikalisierung liegen wenige Informationen vor

          Die Arbeitsmigration nach Russland und – in wesentlich geringerem Ausmaß – nach Westeuropa ist ein Grund dafür, dass es in Zentralasien selbst trotz der verheerenden wirtschaftlichen Lage in den vergangenen Jahren relativ ruhig geblieben ist. Sie hat aber einen hohen Preis: den Zerfall traditioneller familiärer und sozialer Strukturen, die einerseits Kontrollinstanzen sind, die junge Männer von Radikalisierung abhalten können, und andererseits auch eine gewisse Form sozialer Sicherheit bieten. Die meisten der Wanderarbeiter leben in Russland unter äußerst schwierigen Umständen: Sie arbeiten oft illegal und sind daher der Willkür ihrer Arbeitgeber und korrupter Sicherheitskräfte ausgesetzt, die Geld dafür wollen, dass sie beide Augen zudrücken. Hinzu kommt die Konfrontation mit einer fremdenfeindlichen, oft rassistischen Stimmung in Russland. Laut der Usaid-Studie trägt das maßgeblich dazu bei, dass die Migranten Kontakte in sozialen Netzen im Internet suchen, wo Dschihadisten sie gezielt ansprechen.

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          Darüber, wie sich die Attentäter von Stockholm und Petersburg radikalisiert haben, liegen in der Öffentlichkeit bisher wenige gesicherte Informationen vor. Schwedische und russische Medien zitieren Bekannte der Männer, die sie als hart arbeitende Menschen und „gute Jungs“ beschreiben, die ihren Verwandten in der Heimat helfen wollten. Beide sollen nicht als besonders gläubig aufgetreten sein und auch Alkohol getrunken haben.

          Das, was von ihren Werdegängen bekannt ist, sagt indes einiges über die Lage in ihren Heimatländern. So hat der Stockholmer Täter in seinem Asylantrag in Schweden behauptet, er sei als Gegner des Regimes für neun Tage in Haft gewesen und dabei misshandelt worden, aber freigekommen, nachdem sein Bruder den Sicherheitskräften zehntausend Dollar gezahlt habe. Die schwedischen Behörden haben ihm nicht geglaubt, weil ihnen die Angaben nicht detailliert genug waren und weil der Mann versucht hat, mit falschem Namen einzureisen.

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