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„Islamischer Staat“ in Syrien : Zweiter „Kalif“ in diesem Jahr getötet

Die Syrian Democratic Forces (SDF) während einer Offensice gegen den „Islamischen Staat“ in der Provinz Raqqa im Februar 2017 Bild: Reuters

Abermals hat der IS einen neuen „Kalifen“ bestimmt. Die Führung der Terrororganisation ist längst dezentralisiert. Ihre Gegner sind derweil abgelenkt.

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          Schon das zweite Mal in diesem Jahr gibt der „Islamische Staat“ (IS) den Tod seines Anführers bekannt. In einer Audiobotschaft am Mittwoch verkündete die Terrororganisation auf Telegram den Wechsel an der Spitze. Der neue „Kalif“ wird jemand mit dem Kampfnamen Abu al-Hussein al-Husseini al-Quraishi. Die Identität des bisherigen Dschihadistenführers war ebenfalls unbekannt geblieben. Das amerikanische Militär bestätigte dessen Tod und sprach von einem „weiteren Schlag“ gegen die Terrororganisation. Der IS-Anführer sei Mitte Oktober im Süden Syriens von nichtdschihadistischen Rebellen getötet worden, sagte ein Sprecher. Amerikanische Truppen, die in Syrien für den Kampf gegen den IS stationiert sind, seien nicht an der Aktion beteiligt gewesen.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Vor Jahren hätten solche Meldungen noch die Schlagzeilen bestimmt. Aber die IS-Anführer haben längst nicht mehr die Bedeutung eines Abu Bakr al-Bagdadi, der sich 2014 zum „Kalifen Ibrahim“ erklärte. Damals kontrollierte seine Terrororganisation weite Landesteile in Syrien und im Irak, hielt die Welt mit Schreckensbildern und Terroranschlägen in Atem. Heute agiert der IS aus entlegenen Gegenden und im Untergrund als eine widerstandsfähige Guerillatruppe, deren Nachschub- und Kommunikationswege unter stetigem Druck stehen.

          Technokraten des Terrors

          Auch die Art der Führung hat sich verändert. Schon Bagdadi galt seinerzeit eher als das Gesicht denn das Gehirn des IS. Viele der Befehlshaber an der Spitze waren ehemalige Militärs und Geheimdienstfunktionäre des irakischen Regimes von Saddam Hussein; skrupellose, aber gewiefte Technokraten des Terrors, die eine straffe Bürokratie führten. Von diesem Führungskreis, der den Aufstieg des IS orchestrierte, ist nach Angaben von Fachleuten kaum noch etwas übrig.

          In einem Bericht der „Crisis Group“ aus dem Sommer heißt es, die IS-Führung gebe allgemeine Anweisungen, nicht mehr Kommandos im Tagesgeschäft. „Die Gruppe scheint nun auf zwei Ebenen zu operieren: Ein Kern von Kämpfern, die auf Anweisung der Führung handeln, führt komplexe Anschläge aus, während eine zweite, größere Gruppe dezentralisierter Zellen kleinere, häufigere Angriffe verübt, die Öffentlichkeit einschüchtert und das Geld verwaltet.“ Der IS habe Kommunikations- und Transitnetze aufgebaut, die verschiedenen Regionen Syriens miteinander verbinden.

          Bild: FAZ

          Laut „Crisis Group“ werden in der Badia-Wüste, dem zentralsyrischen unwirtlichen Hinterland, die meisten Rekruten ausgebildet. Im Norden und Nordwesten unterhält der IS demnach Verstecke für mittlere und höhere Befehlshaber, die unter den Hunderttausenden Binnenvertriebenen wenig auffallen.

          Anschläge im Nordosten

          Viel Bewegung scheint es zwischen den von Baschar al-Assad beherrschten, zentralsyrischen Regionen und dem Nordosten des Landes zu geben, wo eine von der kurdischen PKK dominierte Autonomieregierung das Sagen hat. Männer und Material werden zwischen beiden Einflusszonen verlegt. Im Nordosten wird Geld gesammelt und Nachschub gelagert. Zugleich verübt der IS immer wieder Anschläge auf Sicherheitskräfte oder führende Persönlichkeiten, um das Vertrauen in die lokale Regierung zu untergraben.

          Ende Januar griff der IS ein behelfsmäßiges Gefängnis in der Stadt Has­sakeh an, die mehrere Tage lang von heftigen Gefechten erschüttert wurde. Der Versuch, die dort einsitzenden Dschihadisten zu befreien, scheiterte. Aber die Kämpfe waren eine Warnung. Der IS hat ein gefährliches Erbe hinterlassen: Tausende gefangene Kämpfer und Zehntausende internierte Familienangehörige von IS-Dschihadisten. Das riesige Lager von al-Hol ist eine gefährliche Brutstätte, wo es regelmäßig zu Morden und Enthauptungen kommt. Die von kurdischen Milizionären dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) beklagen seit Jahren, mit diesen Problemen alleine gelassen zu werden.

          Misstrauen gegenüber Kurden

          Dabei verschweigen sie, dass die erfolgreiche Infiltrierungskampagne vor dem spektakulären Großangriff in Has­sakeh auch Ausdruck großer Ressentiments in der arabischen Bevölkerung gegenüber den machtbewussten Kurden ist. In Raqqa, der früheren IS-Bastion, weit jenseits des kurdischen Kernlandes, empfinden viele die kurdische Führung als diktatorisch. Ein Stammesführer unkte dort im Frühsommer, ein erstarkter IS würde es angesichts der Entfremdung vieler arabischer Stämme nicht schwer haben, die Stadt einzunehmen.

          Derzeit droht den SDF allerdings in erster Linie Gefahr aus der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigt seit Monaten eine Militäroperation im kurdischen Nordosten Syriens an. Diese Drohung untermauerte er zuletzt mit heftigen Artillerie- und Luftangriffen. Einer davon brachte auch dort stationierte amerikanische Soldaten in Gefahr. Der Verteidigungsminister in Washington, Lloyd Austin, hob am Mittwoch gegenüber Ankara seine „starke Ablehnung“ einer neuen türkischen Militäroperation in Syrien und seine Besorgnis über die Eskalation hervor. Die kurdischen Kräfte haben die Operationen gegen den IS laut SDF-Kommandeur Mazloum Abdi nach den türkischen Luftangriffen erst einmal ausgesetzt.

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