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Kampf um Mossul : Mit der Wut der Verzweiflung

Wahrzeichen: Noch vor wenigen Wochen erhob sich das schiefe Minarett der Al-Nuri-Moschee in Mossul. Bild: AFP

Die verbliebenen Kämpfer des IS im irakischen Mossul sind eingekreist. Die Lage der Dschihadisten wird immer aussichtsloser. Nun haben sie die berühmte Al-Nuri-Moschee der Großstadt zerstört.

          Die irakische Flagge, die über der großen Moschee von Mossul weht, feiernde Soldaten vor dem berühmten windschiefen Minarett. Und das alles an jenem Ort, an dem sich der Anführer des „Islamischen Staates“ (IS), Abu Bakr al Bagdadi, nach dem Siegeszug seiner Männer im Sommer 2014 zum Kalifen Ibrahim erklärte. Für die irakische Armee und die Zentralregierung in Bagdad wären Bilder wie diese von großem Nutzen gewesen. Doch ein solcher Moment des Triumphes ist den ausgezehrten Streitkräften nach mehr als acht Monaten erbitterter Gefechte gründlich verdorben worden. Auch der wohl symbolträchtigste Bau der nordirakischen Großstadt ist der Zerstörungswut der Dschihadisten zum Opfer gefallen. Luftaufnahmen zeigen, dass er weitgehend dem Erdboden gleichgemacht wurde. Das schiefe Minarett, das auch „die Bucklige“ genannt wurde, hatte Jahrhunderte überdauert und die Silhouette Mossuls geprägt. Es ist auf dem 10.000-Dinar-Schein verewigt. Aus dem Stadtbild von Mossul ist es jetzt ausradiert.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die irakische Armee sprach von einem „historischen Verbrechen“. Regierungschef Haider al Abadi deutete die Zerstörung der Moschee als „offizielles Eingeständnis“ des IS, die Schlacht um Mossul verloren zu haben. Die sogenannte Nachrichtenagentur Amaq, ein Sprachrohr des IS, beschuldigte hingegen amerikanische Bomber, Schuld an der Zerstörung der großen Moschee zu sein. Die amerikanisch geführte Koalition gegen den IS stellte allerdings klar, es seien keine Luftangriffe in der Gegend um das altehrwürdige Gebetshaus geflogen worden. Der Kommandeur der Mossul-Operation teilte mit, die Dschihadisten hätten „einen der größten Schätze Mossuls und des Iraks“ zerstört, als die irakischen Kräfte sich dem Gebäude näherten. Es trägt den Namen „Al-Nuri-Moschee“. Nur al Din al Zenki, ein berühmter muslimischer Eroberer und Widersacher der Kreuzfahrer aus dem zwölften Jahrhundert, hatte den Bau des Gebetshauses im Jahr 1172, zwei Jahre vor seinem Tod, angeordnet.

          Dschihadisten leisten erbitterten Widerstand

          Die Schlinge um den Hals der IS-Kämpfer in Mossul zieht sich immer weiter zu. Sie sind in der Altstadt der Großstadt eingekreist. Am Wochenende hatten die irakischen Streitkräfte eine neue Offensive gegen die Dschihadisten gestartet, die in den engen Straßen erbitterten Widerstand leisten. „Die Stunde der Erlösung ist nah“, tönte es aus den Lautsprechern der Regierungskräfte. Sie riefen die Zivilbevölkerung auf, sich in die Arme der Armee, „ihrer Brüder“, zu retten. Zehntausende sind noch im Kampfgebiet eingeschlossen.

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          Doch es gibt Misstrauen gegenüber den Kräften der schiitisch dominierten Bagdader Regierung – und erst recht gegenüber den Amerikanern. Es war gelungen, bei der Eroberung des Ostteils von Mossul das Leid der Zivilisten sowie die Zerstörungen zu begrenzen. Im Westteil, wo in den verwinkelten Unterschichtenvierteln viele IS-Sympathisanten leben, sind ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht worden. Hunderttausende wurden vertrieben, zahlreiche Zivilisten bei Luftangriffen getötet. Vor einigen Wochen hatten heftige Vorwürfe an die Adresse der Sicherheitskräfte Aufsehen erregt, die auch Eliteeinheiten betrafen – es ging um Folter, Morde und Vergewaltigungen.

          Hat der IS mit der Zerstörung der großen Moschee einen verzweifelten Propagandaschlag geführt, um Frust und weiteres Misstrauen zu schüren? Die Dschihadisten haben auf ihrem Eroberungszug viele bedeutende historische Stätten zerstört. Die Geschichte – auch die islamische – auszuradieren, um sie mit den eigenen extremistischen Mythen zu ersetzen, war Teil der Strategie.

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