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IS-Fanatiker in Australien : Das Grauen in alle Länder tragen

Vorläufiges Ende eines teuflischen Plans: Einer der festgenommenen mutmaßlichen Dschihadisten am Donnerstagmorgen in Sydney Bild: Reuters

In Australien haben Einwanderer Enthauptungen von Bürgern geplant. Die Festnahme der IS-Fanatiker erschüttert die ganze Gesellschaft. Ohnehin bereiten sich australische Soldaten auf mögliche Kampfeinsätze gegen den „Islamischen Staat“ vor.

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          Zur Nachricht des Tages lieferte die australische Polizei den Agenturen gleich die Videobilder mit. Die Bilder zeigten junge Männer, die im nächtlichen Scheinwerferlicht der Kamera abgewandt auf dem Rasen knieten, die Hände mit Plastikbinden hinter dem Rücken verschnürt, und Polizisten, die mit schusssicheren Westen bekleidet einen Verdächtigen mit einem blauen T-Shirt und der Aufschrift „Geronimo 33“ abführten. Auf anderen Aufnahmen waren Einsatzkräfte zu sehen, die an einem Haus Spuren sicherten und auf der Veranda eine verschleierte Frau befragten.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Nach Angaben der Polizei war es der größte Einsatz gegen mutmaßliche Terroristen in der Geschichte Australiens. In Sydney und Brisbane seien Dutzende Häuser untersucht worden, mehr als 800 Beamte waren dabei. Die Sicherheitskräfte nahmen 15 Menschen fest, gegen zwei Personen wurde Anklage erhoben. Wie die Polizei berichtete, lautete die Anklage in einem Fall auf unerlaubten Waffenbesitz, im anderen auf Vorbereitung einer Terrorattacke. Neun der Festgenommenen seien wieder auf freien Fuß gesetzt worden, berichtete die Polizei am Abend. Es werde aber weiter gegen sie ermittelt. Die Verdächtigen sollen Sympathisanten der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) sein, die in Syrien und dem Irak ein islamistisches „Kalifat“ errichtet haben will.

          Die Einwanderer sollen geplant haben, in Australien auf der Straße wahllos Bürger zu entführen, diese in die schwarze Flagge des IS zu hüllen und vor laufenden Kameras zu enthaupten. Die Videos sollten dann zu Propagandazwecken in den Nahen Osten geschickt werden. Die Person, gegen die Terroranklage erhoben worden war, ist der 22 Jahre alte Domarjan Azari. Er stammt aus dem südwestlich von Sydney gelegenen Guildford. In den westlichen Vororten der australischen Hafenstadt gibt es einen hohen Ausländeranteil, viele soziale Probleme und eine hohe Kriminalitätsrate.

          Der Mann habe mit dem in Afghanistan geborenen Muhammad Ali Baryalei, einem der mutmaßlich wichtigsten australischen Mitglieder des IS, einen „grauenerregenden“ Terrorakt geplant, berichtete die Zeitung „Sydney Morning Herald“ unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Hinweise auf den Plan soll es laut dem Sender ABC schon seit Mai gegeben haben. Der Plan habe unter anderem vorgesehen, „Personen willkürlich auszusuchen, um sie auf ziemlich grauenvolle Weise zu exekutieren“, hieß es in der Zeitung.

          Das Ziel dürfte sein, den Schrecken, den der IS durch die Enthauptung amerikanischer und britischer Staatsbürger im Westen schon verbreitet hat, nun auch in diese Länder selbst zu tragen. Nach Angaben des Staatsanwalts Michael Allnut sollte die Tat „die Gesellschaft schockieren, entsetzen und verängstigen“. Es gehe um extrem schwere Vergehen, sagte der Staatsanwalt, der dem Angeklagten ein „ungewöhnliches Maß an Fanatismus“ attestierte.

          Nach Angaben von Australiens Premierminister Tony Abbott waren die Verdächtigen offenbar drauf und dran, es auch in die Tat umzusetzen. Wie der Regierungschef berichtete, war Abbott in der Nacht zuvor über den bevorstehenden Einsatz in Kenntnis gesetzt worden. Schon vor einer Woche hatten die australischen Behörden die Terrorbedrohung zum ersten Mal von „mittel“ auf „hoch“ gestuft, auf die zweithöchste Gefahrenstufe überhaupt. Landesweit wurden daraufhin die Sicherheitsvorkehrungen erhöht.

          Dem Sender ABC zufolge hatte der 33 Jahre alte Baryalei den Anstoß zwei Tage vor der Razzia persönlich in einem Telefonat mit Azari gegeben, das von den Sicherheitsbehörden abgehört worden war. Premierminister Abbott bestätigte nun, dass ein Australier, der offensichtlich über Einfluss innerhalb der Terrormiliz verfüge, die Unterstützer in Australien zu demonstrativen Tötungen „ermuntert“ habe.

          Potentielles Terrorziel

          Australien gilt als potentielles Terrorziel, weil die Regierung in Canberra den Vereinigten Staaten stets besonders treu zur Seite steht. Das Land hat sich bisher an so gut wie jedem internationalen Einsatz der Amerikaner beteiligt. Der konservative Regierungschef und seine Außenministerin Julie Bishop gehören außerdem zu den wenigen Vertretern auf der internationalen Bühne, die kaum ein Blatt vor den Mund nehmen. Das hatten sie auch dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gegenüber so gehalten. Besonders scharfe Worte hatten sie auch für die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ gefunden. Abbott verglich deren Taten mit den Greueltaten von Nazis und Kommunisten. Er fügte jedoch hinzu, dass diese Regime wenigstens versucht hätten, ihre Verbrechen unter den Teppich zu kehren. Der „Mob“ des IS stelle dagegen alles sofort ins Internet, echauffierte sich Abbott.

          Australien war schon in der Vergangenheit von Terroranschlägen betroffen, wenn auch weniger auf eigenem Territorium. So waren die meisten Opfer der Bombenanschläge auf der Ferieninsel Bali im Jahr 2002 australische Staatsbürger. In Australien geht die Gefahr wie in Europa und Asien derzeit zunehmend von Sympathisanten des IS aus, sowie von Extremisten, die mit Kampferfahrungen aus Syrien und dem Irak in ihre Heimatländer zurückkehren. So haben sich nach Angaben aus Canberra etwa 60 australische Staatsbürger dem IS und anderen Terrorgruppen im Nahen Osten angeschlossen. Etwa die Hälfte von ihnen sollen von Muhammad Ali Baryalei rekrutiert worden sein.

          In Brisbane waren in der vergangenen Woche zudem zwei Männer festgenommen worden, die für den „Islamischen Staat“ Kämpfer angeworben haben sollen. Bei einigen Beschuldigten sollen am Donnerstag laut ABC Macheten, Sturmhauben und Tarnkleidung gefunden worden sein. „Es gibt leider Netzwerke von Menschen in diesem Land, die uns schaden wollen, obwohl sie hier leben und den australischen Lebensstil genießen“, sagte Tony Abbott der australischen Presse. Es sei daher wichtig, dass die Polizei und Sicherheitsorgane ihnen stets einen Schritt voraus seien. „Ich denke, dass sie es heute Morgen waren“, sagte der Premierminister.

          Beteiligt am internationalen Kampf gegen den „Islamischen Staat“

          Abbotts Regierung beschränkt sich nicht auf die Bekämpfung des Terrors innerhalb der Grenzen Australiens. Ohne zu zögern hatte sie sich auch zur Verlegung von Truppen in den Nahen Osten bereit erklärt, um mögliche Kampfeinsätze gegen den „Islamischen Staat“ vorzubereiten. Am Tag der Razzia gegen die IS-Fanatiker verabschiedete Abbott auf einer Luftwaffenbasis im Bundesstaat New South Wales 600 australische Soldaten auf dem Weg in die Vereinigten Arabischen Emirate.

          Der Premierminister wies dabei Spekulationen zurück, wonach der Einsatz im Irak das Risiko der am Donnerstag durch die Razzia offenbar vereitelten Attacken noch erhöhen könnte. Australien und Amerika seien schon Opfer von Terroranschlägen gewesen, lange bevor es die Kampfeinsätze im Nahen Osten gegeben habe, sagte Abbott. „Diese Leute hassen uns nicht für das, was wir tun, sondern dafür, wer wir sind und wie wir leben“, sagte Abbott.

          Allerdings bekamen die Sicherheitsbehörden am Donnerstag nicht von allen Seiten Applaus für ihren Einsatz. Australische Muslime beklagten am Abend auf einer Demonstration in Lakemba in Westsydney Diskriminierung, „Dämonisierung“ und Polizeibrutalität. Ein Mann, der nicht einmal festgenommen worden war, warf den Polizisten vor, ihn ins Gesicht geschlagen zu haben. Zudem gab es Befürchtungen, dass Muslime nun Opfer von Racheakten werden könnten. Von anderer Seite wurden Rufe nach einem Burka-Verbot in Australien laut. Dies lehnte Abbott sogleich ab. Australien ist ein traditionelles Einwanderungsland und Heimat für eine große Zahl von Muslimen.

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