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Irischer Staatsbesuch bei der Queen : Dinner für alte Feinde

Higgins bei seiner Ankunft in London Bild: AP

Königin Elizabeth II. empfängt mit Michael Higgins den ersten irischen Präsidenten als Staatsgast. Auch Martin McGuinnes, früherer IRA-Kommandant und ehemaliger Staatsfeind Londons, ist geladen.

          3 Min.

          Wenn der irische Präsident Michael Higgins an diesem Dienstag mit einer Kutsche vor Schloss Windsor hält und Königin Elisabeth II. begrüßt, wird alles nach einem prachtvollen Staatsbesuch aussehen. Aber die irische Republik, die noch keine hundert Jahre frei von der Krone ist und über eine von vielen als unnatürlich betrachtete Grenze zum (britischen) Norden verfügt, ist kein normaler Nachbar. Das zeigt sich schon daran, dass Großbritannien in Higgins den ersten irischen Präsidenten als Staatsgast empfängt – und mehr noch an der Einladungsliste für das Dinner: Darauf steht auch Martin McGuiness, der als früherer IRA-Kommandant lange Jahre zu Londons Staatsfeinden zählte.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Als die Queen 2011 erstmals nach Dublin reiste, war die Zeit für eine Geste noch nicht reif gewesen; McGuiness schlug eine Einladung zum Staatsbankett aus. Der erste Handschlag datiert aus dem Sommer 2012, als die Monarchin Belfast besuchte. Dass es nun zu einer weiteren Begegnung mit McGuiness kommt, begrüßte der irische Premierminister Enda Kenny am Sonntag als „Teil der sich entwickelnden Beziehungen“. Nordirland täte gut daran, „nach vorne zu blicken und sich nicht länger von der Vergangenheit blockieren zu lassen“, sagte er.

          Diese Sicht teilen in Belfast nicht alle. Die tägliche Gewalt, vor allem der Terror, ist eingedämmt, aber nicht nur gelegentlich ausbrechende Straßenkämpfe zeigen, wie langsam die Wunden verheilen. Auch 16 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen ist die Teilung der Provinz sichtbar und prägt das Leben der Menschen. Belfast ist gepflastert von Gedenktafeln, die an die Anschläge und Morde während der dreißig Jahre währenden „Troubles“ erinnern.

          „Mörder nicht davonkommen lassen“

          Mehr als 3600 Menschen fanden im Kampf der (katholischen) Nationalisten gegen die (protestantischen) Unionisten den Tod. Aufrufe für einen juristischen Schlussstrich haben kaum Chancen. Als der nordirische Generalstaatsanwalt John Larkin im vergangenen Jahr eine Amnestie für die Gewalttaten vor 1998 forderte, erreichte die Empörung höchste politische Ebenen. Man dürfe „Mörder nicht davonkommen lassen“, sagte Peter Robinson, der die Provinz als „Erster Minister“ – sein (katholischer) Stellvertreter ist McGuiness – regiert.

          Ähnlich dürfte es dem Vorschlag des früheren Nordirland-Ministers Peter Hain ergehen, der kurz vor Higgins’ Staatsbesuch eine Wahrheitskommission ins Gespräch brachte, die die Strafverfolgung ablösen sollte. Er nahm die Reaktionen gleich vorweg, indem er seine Initiative mit den Worten flankierte, sie würde die Opfer und Hinterbliebenen sicher „hochgradig ärgerlich machen“. Aus Downing Street 10 hieß es nur knapp: „Der Premierminister unterstützt die Amnestie-Idee nicht.“

          Zur Überraschung mancher Beobachter nehmen Ermittlungen und Verfahren gegen frühere Täter seit einiger Zeit wieder zu. Dabei schlagen die Emotionen hoch. Im Februar wurde der frühere IRA-Kämpfer John Downey im Londoner Old Bailey freigesprochen, weil er ein Schreiben vorweisen konnte, in dem ihm Straffreiheit zugesagt worden war. Nach Meinung der Londoner Staatsanwaltschaft war Downey an den Bombenanschlägen im Londoner Hyde Park und im Regent’s Park beteiligt gewesen, bei denen im Sommer 1982 elf Soldaten getötet wurden.

          Der Brief führte zu einiger Unruhe, weil bis dahin nur Eingeweihten bekannt war, dass die nordirische Polizei in den späten neunziger Jahren 187 untergetauchten IRA-Kämpfern sogenannte „on-the-run letters“ ausgestellt hatte. Aus Sicht der Verfasser begründen sie keine Amnestie – gleichwohl beendete das Dokument den Prozess vorzeitig.

          Neu aufgerollt werden gerade drei der blutigsten Vorfälle aus den siebziger Jahren. Im Februar nahm die Polizei in Belfast einen Mann fest, der an dem Bombenanschlag der „Ulster Volunteer Force“ auf die von Katholiken frequentierte „McGurk’s Bar“ beteiligt gewesen sein soll; 15 Menschen fanden dabei den Tod. Untersucht werden auch wieder die Hintergründe des „Bloody Sunday“ von 1972, als britische Soldaten in eine Demonstration in Derry hineingeschossen und 14 Menschen getötet hatten. David Cameron entschuldigte sich dafür vor vier Jahren im Namen Großbritanniens.

          Der dritte Fall strahlt bis in die königliche Dining Hall aus: die Entführung, Folterung und Hinrichtung von Jean McConville, in der IRA-Kämpfer eine Spionin der Briten sahen. Im März wurde Ivor Bell, der damals zusammen mit McGuiness in der Führung der IRA saß, unter dem Verdacht festgenommen, an der Planung des Mordes beteiligt gewesen zu sein. Indizien sprechen auch für eine Verwicklung des seit mehr als dreißig Jahren amtierenden Präsidenten der Sinn Fein, Garry Adams, der die Vorwürfe bestreitet. Am Freitag soll Bell erstmals vor Gericht erscheinen. Am Tag zuvor wird der Staatsbesuch beendet sein.

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