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Journalistin zündet sich an : „Schuld an meinem Tod hat die Russische Föderation“

Sie hinterlässt Kinder und Ehemann: Irina Slawina. Bild: AP

Nach der Selbsttötung der russischen Journalistin Irina Slawina formiert sich am Tatort ein Protest. Und auch Kremlkritiker Alexej Nawalnyj meldet sich zu Wort.

          4 Min.

          Eine Frau sitzt auf einer Bank, zündet sich an. Die Flammen wandern ihren linken Arm hinauf, sie schiebt noch ihre Tasche weg. Ein Mann eilt hinzu, sie weist ihn zurück. Die Flammen umhüllen sie immer mehr, er zieht die Jacke aus, will die Flammen löschen, aber die brennende Frau stößt ihn weg. Er muss zusehen, wie sie ganz in Flammen aufgeht, von der Bank fällt, noch am Boden weiterbrennt. Die Frau, wird später mitgeteilt, stirbt noch an Ort und Stelle, das Video wird wenig später auf einem Telegram-Kanal veröffentlicht.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das Opfer der Selbstverbrennung am Freitagnachmittag in der Stadt Nischnij Nowgorod 400 Kilometer östlich von Moskau ist die Journalistin Irina Slawina. Den Ort hat sich offenkundig bewusst gewählt: den Sitz des Innenministeriums des Gebiets. Denn Slawinas letzter Eintrag auf ihrer Facebook-Seite lautet: „Ich bitte darum, die Schuld an meinem Tod der Russischen Föderation zu geben.“ Dem Staat, der die Hintergründe des Suizids aufklären will. Aber die Leute, die noch am Freitag an den Ort der Selbstverbrennung kamen und dort vor einem Schwarz-Weiß-Foto der Toten Blumen niederlegten und Kerzen aufstellten, äußerten sich überzeugt davon, dass es Maßnahmen des Staates waren, die Slawina in die Verzweiflung getrieben und zerbrochen haben.

          Denn die 47 Jahre alte Chefredakteurin der örtlichen, unabhängigen Internetzeitung „KozaPress“, die Mann, Tochter und ihre Mutter hinterlässt, stand seit Jahren unter dem Druck des Repressionsapparats. Erst am frühen Donnerstagmorgen hatte es eine Razzia in der Wohnung der Familie gegeben. Solche Durchsuchungen finden meist morgens statt, um die Zielpersonen unvorbereitet zu erwischen. Zwölf Personen aus mehreren Behörden seien um sechs Uhr morgens in ihre Wohnung gekommen, beschrieb Slawina die Szene. Sie sei nackt gewesen, habe sich unter den Blicken „einer mir unbekannten Dame“ angezogen. Einen Anwalt durfte die Familie nicht hinzuziehen.

          Kollegen beschreiben sie als furchtlos

          Die Ermittler hätten Broschuren, Flugblätter, Konten von „Offenes Russland“ gesucht, „womöglich eine Ikone mit dem Gesicht von Michail Chodorkowskij“, schrieb Slawina. „Offenes Russland“, die Organisation des zehn Jahre inhaftierten und nun exilierten Gegners von Präsident Wladimir Putin, ist in Russland seit 2017 als „unerwünscht“ eingestuft; die Arbeit für sie kann mit Haftstrafen geahndet werden, aber es können auch 240 Stunden gemeinnützige Arbeit werden wie im Fall von Jana Antonowa aus dem südwestrussischen Krasnodar, deren Schuld in einigen Facebook-Posts und Mahnwachen bestand.

          Auch in Nischnij Nowgorod läuft ein solches Verfahren um „Offenes Russland“, in dem die Journalistin nur als Zeugin geführt wurde. Doch dieser Status wird missbraucht, um Druck auf unbotmäßige Bürger aufzubauen. Slawina schrieb, Material über „Offenes Russland“ habe sie nicht gehabt, aber die Ermittler hätten dennoch mitgenommen, was sie gefunden hätten: USB-Sticks, Laptops der Journalistin und ihrer Tochter, den Computer, Telefone, Notizblöcke.

          Freunde und Kollegen beschrieben Irina Slawina als engagiert, mitfühlend, furchtlos. Letzteres ist die wohl wichtigste Eigenschaft für unabhängige Journalisten gerade in der russischen Provinz. Die Lage im Gebiet von Nischnij Nowgorod beschrieb Slawina in einem Interview als „totale Zensur“. Daher habe sie, als sie zum dritten Mal ihre Stelle verloren habe, im Frühjahr 2015 ihr eigenes Online-Medium gegründet, „KozaPress“. Es finanziert sich über Spenden, denn Leute wollen unabhängige Informationen.

          Slawina schrieb über die Verfolgung Oppositioneller, Übergriffe des Sicherheitsapparats, illegale Machenschaften der Stadt, Korruption, Umwelt – Tabuthemen. Eine Mitarbeiterin von „Offenes Russland“, die Slawina kennengelernt hatte, beschrieb sie nun als „sehr freien und leidenschaftlichen Menschen“. Solche Menschen kennen und finden einander, werden zeitgleich zum Ziel: Am Donnerstagmorgen fanden noch Durchsuchungen bei fünf weiteren Bewohnern von Nischnij Nowgorod statt, unter ihnen sind ein Mitglied der liberalen Partei Jabloko und der Koordinator des örtlichen Stabs des Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj. Auch sie sollen Zeugen sein in dem Strafverfahren um die „Tätigkeit einer unerwünschten Organisation“.

          Es war nicht die erste Razzia

          Die Razzia war nicht die erste bei Irina Slawina und die Durchsuchungen waren nicht die einzige Schikane. In den vergangenen Jahren wurde die Journalistin ständig wegen Ordnungswidrigkeiten vor Gericht gezerrt und mit Bußgeld belegt. 20.000 Rubel wegen eines Gedenkmarschs für den 2015 erschossenen Oppositionellen Boris Nemzow; 5000 Rubel wegen eines Facebook-Posts über ein Oppositionsforum namens „Freie Menschen“; 70.000 Rubel wegen eines kritischen Facebook-Posts über die Eröffnung einer Erinnerungstafel an Sowjetdiktator Stalin; 65.000 Rubel wegen eines laut Gericht „wissentlich unzutreffenden“ Artikels über einen Kampfsporttrainer, der trotz Coronavirus-Infektion weiter Leute kontaktiert habe.

          Das Ermittlungskomitee, das nun eine „postmortale psychologisch-psychiatrische Expertise“ Slawinas anfertigen will, teilte schon kurz nach deren Selbstverbrennung mit, es gebe „keinerlei Grundlage“ anzunehmen, dass der Suizid in Zusammenhang mit der letzten Razzia stehe. Sie sei ja nur Zeugin gewesen, keine Verdächtige.

          Menschen reagierten unterschiedlich darauf, wenn man sie „Jahr für Jahr verfolgt, martert und erniedrigt“, schrieb Nawalnyjs Stabschef Leonid Wolkow: Niemand könne fordern, dass ein Mensch das aushalte. Nawalnyj selbst schrieb auf Twitter mit Blick auf einen Tatbestand des russischen Strafgesetzbuchs, der es unter Strafe stellt, jemanden zum Suizid zu bringen, genau das sei in diesem Fall geschehen. Nicht nur diejenigen, die Irina Slawina „ununterbrochen belästigt“ hätten, müssten sich verantworten, sondern auch „die im Kreml, die ihnen Befehle gegeben haben“.

          Auch die Wahlbeobachter von Golos (Stimme), der Chefredakteur des Radiosenders Echo Moskwy und eine unabhängige Journalistengewerkschaft forderten ein solches Ermittlungsverfahren. Die Gewerkschaft sprach von einem „tragischen, nicht zu rechtfertigen, aber verständlichen Akt der Verzweiflung“. In Nischnij Nowgorod zogen am Freitagabend Dutzende Menschen von dem Ort der Selbstverbrennung durchs Zentrum. „Der Staat tötet“, riefen sie.

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