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Iran und Gaza : Wider die Heuchler der Ummah

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Irans Religionsführer Chameni wirft den arabischen Regierungen vor, Israel durch ihr Schweigen zu unterstützen Bild: picture-alliance/ dpa

Der Konflikt in Gaza spaltet die islamische Welt nicht in Schia und Sunna, sondern in Verbündete und Feinde Amerikas. Im Iran bekennt sich das Regime zu den „palästinensischen Märtyrern“ - und verliert dabei nicht die kommenden Wahlen aus dem Blick.

          Für die Schiiten fällt Israels Feldzug in Gaza in die heiligste Zeit des Jahres: den Trauermonat Moharram. An seinem Höhepunkt, dem Aschura-Fest, gedenken sie ihres Imam Hussein, der mit seinen wenigen Getreuen durch eine Übermacht von Feinden in der Schlacht von Kerbala den Märtyrertod erlitt. Welches Fest wäre besser geeignet, sich mit den bedrängten Palästinensern in Gaza zu solidarisieren? Und so waren die Aschura-Feiern im schiitischen Iran am vergangenen Donnerstag begleitet von Reden, die einmal mehr die „zionistischen Verbrechen“ anprangerten und die „palästinensischen Märtyrer“ priesen. Allein, Irans religiöser Führer Ali Chamenei nutzte diesen Tag auch, um in einer Ansprache in Ghom seine allzu opferbereiten Anhänger zu zügeln. Jene Zehntausende Freiwillige, die sich seit Beginn der Kämpfe in Gaza bereitgefunden haben, für die palästinensische Sache zu Märtyrern zu werden, schickte er nach Hause: Man könne ihnen leider nicht gestatten, an den Kampfplatz zu reisen. Die Botschaft war eindeutig: Iran möchte sich keinesfalls dem Vorwurf aussetzen, aktiv in das Kampfgeschehen in Gaza einzugreifen.

          Die Geschichte von Aschura ist aber auch eine Geschichte der Schuld: der Schuld der vielen, die Hussein und seinen Getreuen in der Bedrängnis nicht zu Hilfe eilten. Die Schiiten beklagen deshalb nicht nur den Tod ihres Imams, sondern auch die eigene Tatenlosigkeit im Angesicht seines Untergangs.

          Das „ermutigende Schweigen“ der arabischen Regierungen

          Im aktuellen Konflikt schreibt nun die iranische Führung diese Rolle den arabischen Regimen zu. So leidenschaftlich wie nie zuvor während einer gewaltsamen Eskalation des Nahost-Konflikts prangert Teheran die Tatenlosigkeit der arabischen Regierungen an und beschuldigt sie gar, mit Israelis und Amerikanern gemeinsame Sache zu machen.

          Eine Zeremonie des Ashura-Festes

          Der religiöse Führer Chamenei sprach von „Komplizenschaft zwischen den feindseligen Ungläubigen und den Heuchlern der Ummah“ und machte das „ermutigende Schweigen“ der arabischen Regierungen, „die behaupten, die seien Muslime“, als „schlimmste Katastrophe“ aus. Sogar der moderate frühere Präsident Mohammad Chatami warf den arabischen Regierungen vor, sie hätten „sich selbst erniedrigt, indem sie das zionistische Regime unterstützen“.

          Mit seiner harschen Kritik am Schweigen der arabischen Herrscher spricht Iran Millionen ihrer Untertanen aus dem Herzen: Mit Demonstrationen überall in der arabischen Welt protestierten sie in der vergangenen Woche nicht nur gegen Israels Vorgehen in Gaza, sondern auch gegen die Tatenlosigkeit der eigenen Regierungen. Sie gibt Teheran den willkommenen Anlass, sich als der einzige aufrechte Kämpfer für die palästinensische Sache und als wahrer Sprecher der Muslime zu profilieren.

          Der Feind in Washington

          Niemals, auch nicht unter Revolutionsführer Chomeini, war die Islamische Republik ihrer angestrebten Führungsrolle in der islamischen Welt so nahe wie heute, niemals bisher ist sie so erfolgreich darin gewesen, die konfessionelle Trennung, die sie von den weitgehend sunnitischen Arabern trennt, vergessen zu machen. Mehr und mehr scheint die Teilung in Sunniten und Schiiten überlagert durch einen ökumenischen Islamismus, eine Allianz der Islamisten beider islamischen Glaubensrichtungen, allen voran der schiitischen Hizbullah und der sunnitischen Hamas, angeführt von Iran.

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