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Iran : Seitenhieb auf den Präsidenten

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Das Gemetzel um die Ermordung Husseins wird während des Festes nachgespielt Bild:

Während des Aschura-Festes huldigt die islamische Welt Hussein, den ermordeten Enkel des Propheten. Irans Prediger nehmen die Feierlichkeiten zum Anlass, die Diplomatie Ahmadineschads zu kritisieren.

          Von weitem leuchten vier Minarette und eine Kuppel in der Farbe des Goldes. „Haram-e Motahar“, das „reine Mausoleum“ des Imam Chomeini, des Führers der islamischen Revolution, liegt im äußersten Süden der Millionenstadt Teheran unweit der Autobahn in Richtung der heiligen Stadt Ghom. Die Ruhestätte von Ajatollah Chomeini, der im Sommer 1989 im Alter von 87 Jahren starb, gilt inzwischen als ein Heiligtum.

          Eine neu errichtete U-Bahn verbindet das Zentrum der iranischen Hauptstadt mit dem Grabmal. Die Halle der Grabstätte ist karg eingerichtet. Die Decke ist nicht wie in anderen Heiligtümern mit Mosaiken oder Spiegeln bedeckt, sondern mit grauem Metall. Die Pracht war auch zu Lebzeiten des Ajatollahs nicht dessen Sache.

          „Träne um Hussein“

          Um halb neun ist der riesige Saal, in dem der Sarkophag steht, brechend voll. In schwarzer Kleidung sitzen die Männer und Frauen unter einem Dach, freilich getrennt. Es ist der heiligste aller Abende der schiitischen Welt - der neunte Tag des islamischen Monats Moharram. Dann folgt Aschura, der zehnte Tag, an dem Hussein, der Sohn des ersten schiitischen Imams Ali und Enkel des Propheten, mit einer kleinen Gefolgschaft in der Nähe von Kerbela im Irak von einem mächtigen Heer der Omaijaden niedergemetzelt wurde.

          Aschura-Fest in Bahrain: Erinnerungen an eine blutige Schlacht

          Das Drama am Euphrat ist das Paradigma der schiitischen Geschichte: „Jeder Tag ist Aschura, jeder Ort ist Kerbela“, skandierten die Massen in den Tagen der islamischen Revolution. Aschura bestimmt nach 1327 Jahren noch immer Brauchtum und Ritus der Schiiten. Der Tag ist die Quelle des schiitischen Märtyrertums. „Eine Träne um Hussein, und alle deine Sünden werden dir vergeben“, heißt es in der schiitischen Überlieferung.

          Wörter rollten wie Erbsen über seine Zunge

          Scharen von jungen Leuten, meist aus dem Süden Teherans, marschieren mit wehenden Fahnen in Schwarz und Rot als Zeichen der Trauer und des Martyriums am Heiligtum vorbei. Sie singen Klagelieder vom „Schicksal des Prophetenhauses“, begleitet von Trommeln und Pauken.

          Drinnen hat der Prediger auf der fünften Stufe der Kanzel Platz genommen. Er sitzt im Schneidersitz. Der Gastredner ist kein Geringerer als Hodschatoleslam Hassan Rohani, der frühere Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates und Chefunterhändler im Atomstreit mit dem Westen. Dem Pragmatiker war es unter dem damaligen Präsidenten Chatami mit diplomatischem Geschick gelungen, die Weiterleitung des Atomstreits mit Iran an den Sicherheitsrat zu verhindern.

          Der Mann im geistlichen Gewand beeindruckte die europäischen Gesprächspartner mit Kenntnissen der nuklearen Fachbegriffe. Wörter wie „Yellow Cake“, „Zentrifuge“ und „angereichertes Uran“ rollten wie Erbsen über seine Zunge, als hätte er in Ghom, der Hochburg der schiitischen Gelehrsamkeit, nicht arabische Grammatik, Exegese des Korans oder die Überlieferung der Worte und Taten des Propheten studiert, sondern Atomphysik.

          Die Wahrheit liegt dazwischen

          Heute, in der Nacht der Nächte, ist das Mitglied des höchsten Entscheidungsgremiums der Islamischen Republik, der Versammlung zur Feststellung der Staatsräson, in seinem eigentlichen Element. Er spricht über das Mysterium von Aschura. Schon nach einigen Minuten merken die Zuhörer, aus welchem Holz der Doktor der Philosophie mit grauem Bart, weißem Turban und schwarzem Gewand geschnitzt ist.

          Über die Geschehnisse von Kerbela gebe es verschiedene Meinungen, sagt Rohani. Manche meinten, Hussein habe sich nach dem Martyrium gesehnt. Mit seinem sicheren Tod habe er die Omaijaden bloßstellen wollen, die es wagten, den Enkel des Propheten zu ermorden. Andere seien der Ansicht, so Rohani, dass Hussein mit seinem Tod die „Schiat Ali“ von ihren Sünden erlösen wollte. Und zuletzt gebe es auch die Vorstellung, Hussein habe es nach politischer Herrschaft gelüstet, denn er habe die Einladung der Leute von Kufa angenommen, die ihn zum Kalifen erheben wollten. Doch die Wahrheit liege dazwischen.

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