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Iran : Rätselhafter Präsident

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Unbeständig in der Islam-Frage

Während der Wahlen hat Ahmadineschad, dem Gebot der Opportunität folgend, den Islam und die islamischen Werte in seinen Reden ausgeklammert. Doch vor kurzem druckten die iranischen Zeitungen eine Rede von ihm, die er vor den Wahlen in der nordostiranischen Stadt Maschad gehalten hatte. „Ein islamischer Staat bedeutet einen Staat, in dem alles Geschehen, alles Streben sich nach Gottes Gebot und nach dem Geheiß des Propheten zu richten hat. Jede Regierung muß überzeugt sein, daß der Islam für alle Bedürfnisse der Menschen eine Lösung hat“, sagte Ahmadineschad. Damals wurde der Rede keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt, nachdem Ahmadineschad überraschend zum Präsidenten gewählt worden ist, verbreiten die Worte in Maschad unter den Iranern, besonders unter den Intellektuellen, Angst und Schrecken.

Doch zunächst wird sich Ahmadineschad hüten, derlei fundamentalistische Reden zu halten. Das wäre für das westliche Ausland ein rotes Tuch. Diejenigen aber, die Ahmadineschad zum Sieg verholfen haben, erwarten von ihrem Zögling, daß er die privaten Freiheiten, welche die Frauen und die Jugend sich während der achtjährigen Regierung von Sejjed Mohammad Chatami erkämpft haben, ein weiteres Mal mit Peitschenhieben rückgängig macht. Vor allem ein Kleriker aus der heiligen Stadt Ghom erwartet von seinem Schützling Ahmadineschad, daß er den „verheißenen islamischen Staat“ errichtet. Für Ajatollah Mohammad Taqi Mesbah Yazdi ist der derzeitige Gottesstaat fast ein Sündenpfuhl.

Ein „Haufen schnapstrinkender Lumpen“

Der 71 Jahre alte Mesbah aus der Stadt Yazd war in den letzten zwei Jahren nur selten in Erscheinung getreten, denn seine Haßtiraden gegen die Reformer waren selbst dem Revolutionsführer Chamenei zuviel des Guten. Einmal hatte der hagere Theologe mit dem großväterlichen Lächeln die 22 Millionen Menschen, die Chatami gewählt hatten, als einen „Haufen schnapstrinkender Lumpen“ beschimpft. Yazdi propagierte stets die physische Gewalt gegen Andersdenkende mit der Begründung, auch der Prophet habe seine Feinde mit dem Schwert bekämpft. In Ahmadineschad denkt Yazdi den richtigen Mann gefunden zu haben. „Wir haben für unseren Bruder gebetet, und der verborgene Imam hat unsere Gebete erhört und ihm zum Sieg verholfen“, sagte Mesbah Yazdi während des Freitagsgebets in Ghom. Denn inzwischen darf er wieder die politische Bühne betreten.

Damit verlieh der Prophet der Gewalt dem Schmiedsohn aus Garmsar die göttliche Weihe. Freilich kann der vom verborgenen Imam ausgewählte Präsident nur sehr bedingt ein willfähriger Vollstrecker des Obskurantismus des „Philosophen von Ghom“ sein, der von sich sagt, er habe als einziger in der heiligen Stadt Aristoteles überwunden, indem er dessen „Hyle“, den Urstoff, als baren Unsinn widerlegt habe.

Doch Ahmadineschad kann seinen klerikalen Mentor, der zur Zeit Chefideologe der Islamischen Republik ist, mit anderen Mitteln zufriedenstellen. Mesbah Yazdi leitet in Ghom ein Institut mit Namen „Im Wege Gottes“. Sein wichtigster Posten ist allerdings die Leitung des Imam-Chomeini-Instituts für Lehre und Forschung. Die beiden Einrichtungen kosten Millionen Dollar pro Jahr. Geld und vielleicht ein Wink von Ajatollah Chomenei dürften ausreichen, den Aristoteles-Bezwinger milder zu stimmen.

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