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Iran : Per Charter zur Revolution

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Ikonografie der Revolution: Die Massen sucht den verehrten Führer Chomeini zu erreichen Bild: REUTERS

Am 1. Februar 1979 entthronte ein greiser Ajatollah den mächtigsten Herrscher des Orients. An die Macht kam der politische Islam. Dreißig Jahre danach mischen im Kampf um die Deutungshoheit die Nachkommen Chomeinis weiter kräftig mit.

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          Man schätzte die Menge auf sechs, vielleicht sogar sieben Millionen. Sie füllte alle Plätze und Zufahrtsstraßen zum Teheraner Flughafen. Sie säumte die Straße zum Friedhof Beheschte-Sahra, wo er als Erstes die Toten der bisherigen Kämpfe ehren wollte. Auf halbem Weg musste er den Hubschrauber nehmen, weil kein Durchkommen mehr war. Und als er später in die Stadt hineinfuhr, standen sie auf den Dächern ihrer Häuser und riefen: „Allahu-akbar. Chomeini ist unser Führer“ und „Chomeini, du bist meine Seele“. Nachts auf den Dächern der Häuser zu stehen war in den Monaten zuvor zu einem Ritual des Widerstands geworden. Nicht wenige waren überzeugt, dass dann in den Kratern und Hügellandschaften des Mondes das bärtige Antlitz des fernen Ajatollahs aufschien.

          Sie gaben ihm den Ehrentitel „Imam“, den sonst nur die zwölf schiitischen Imame aus der Zeit der Religionsstiftung tragen. Die geradezu biblische Erscheinung Chomeinis, hochbetagt mit langem weißen Bart und amimischen Gesichtszügen, umwehte eine Aura der Entrückung. Bei seiner Rückkehr aus dem Exil richtete sich auf ihn eine Heilserwartung, wie sie sonst nur Mehdi, dem 12. und letzten Imam, zuteil wird. Die Schia glaubt, dass er im 10. Jahrhundert in die Verborgenheit entrückt wurde und am Ende aller Zeiten als schiitischer Messias erscheinen wird, um die Herrschaft der Sünde zu beenden und den Entrechteten Gerechtigkeit zu bringen. So hat es auch der Ajatollah versprochen. 15 Jahre lang hatte er in der Verborgenheit in der Türkei, im Irak und in Frankreich ausgeharrt. Dass der Mehdi nun einen Charterflug der Air France genommen hatte, tat der Verklärung keinen Abbruch. Die historische Größe des einen, so heißt es bei Jacob Burckhardt, baut sich aus der Phantasie der vielen auf.

          Die „islamische Revolution“ hatte gesiegt

          „Chomeini ist nicht da. Chomeini sagt nichts außer nein: zum Schah, zum Regime, zur Abhängigkeit“, schrieb damals Michel Foucault. Es war diese an Starrsinn grenzende Beharrlichkeit, die Chomeinis Charisma begründete und ihn von den anderen Schah-Gegnern unterschied. Seit Anfang der sechziger Jahre hatte er mit einer Unerbittlichkeit und Klarheit, die der flexiblen, auf Kompromisse bedachten iranischen Kultur eigentlich fremd ist, an der einen Überzeugung festgehalten: „Der Schah muss weg!“

          Am 1. Februar 1979 kam Chomeini mit einer Boeing von Air France aus dem französischen Exil nach Teheran

          Zehn Tage nach der Rückkehr Chomeinis am 1. Februar 1979 gab Ministerpräsident Bachtiar auf, den der Schah bei seiner Flucht Mitte Januar als Statthalter zurückgelassen hatte. Das, was man später die „islamische Revolution“ nannte, hatte gesiegt. Sie war nicht einfach ein gewaltsamer Umsturz, wie sie sich im vergangenen Jahrhundert zahllos in der Dritten Welt ereignet haben, sondern eine Revolution, deren Wirkung bis heute in der islamischen Welt und über sie hinaus widerhallt. Neben Lenin, Mao, Fidel Castro steht Ruhollah Chomeini als einer der großen Revolutionsführer des 20. Jahrhunderts, das er mit seiner Lebensspanne fast ganz umfasste.

          Die Regierung Gottes: Widerstand ist Blasphemie

          Mit den Vorstellungen, die er während Jahrzehnten des Widerstands von einer islamischen Herrschaft entwickelte und an deren Umsetzung er sich nun machte, trat der Islamismus in die Reihe der wirkmächtigen Ideologien. „Politik und Religion sind eins“ - lautete Chomeinis radikale Absage an den westlichen Säkularismus. Und als er wenige Tage nach seiner Rückkehr seinen Ministerpräsidenten vorstellte: „Dies ist keine normale Regierung, es ist die Regierung Gottes.“ Wer der göttlichen Regierung in den Weg trat, dem drohte er mit drakonischen Strafen. Widerstand sei Blasphemie.

          Chomeini war der Führer, jene große historische Persönlichkeit, die sich an die Spitze einer Bewegung stellte, die die iranische Gesellschaft erfasst hatte. Es ging um viel mehr als eine soziale Revolte. Im Zentrum stand die Auseinandersetzung der islamischen Kultur mit dem Westen und der als westlich angesehenen Moderne. Als Kind hatte Chomeini die konstitutionelle Revolution in Iran erlebt, den ersten Versuch einer iranischen Moderne, der gegen die absolute Herrschaft des Schahs, aber auch gegen den traditionellen Klerus gerichtet war. Er erlebte die forcierte Modernisierung unter den beiden vom Westen gestützten Pahlewi-Schahs, die Entschleierung der Frauen, den Verfall traditioneller Sitten, die „Westoxication“. Aus dieser Erfahrung wurde er zum Protagonisten der Gegenbewegung. Aus der Ablehnung, dem „Nein!“ entwickelte er die betörende und weit ausgreifende Mischung aus messianischen und sozialrevolutionären Verheißungen und dem Kampf um Unabhängigkeit von westlicher Einflussnahme und Bevormundung.

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