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Mehr als nur Handel : Iran liefert Treibstoff an Venezuela

Iranisch-venezolanische Freundschaft: Flaggen der beiden Länder am 22. Oktober auf einer Wand in Caracas. Bild: EPA

Iran greift Venezuela mit Treibstofflieferungen unter die Arme. Die beiden Staaten, die von Amerika mit Sanktionen belegt sind, schließen sich immer enger zusammen – und Venezuela wird zur Drehscheibe für illegale Aktivitäten.

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          Wenn sich Venezuela derzeit auf einen Partner verlassen kann, dann auf Iran. Wiederholt legten in diesem Jahr iranische Tanker in Venezuela an, um den Krisenstaat mit Treibstoff zu beliefern. Allein im Oktober waren es mehr als 800.000 Fass. Wären die iranischen „Hilfslieferungen“ nicht, dann säße das erdölreichste Land der Welt wohl auf dem Trockenen. Beglichen wird die Rechnung mit venezolanischem Schweröl und mit Gold. Vor wenigen Tagen landete ein von Washington sanktioniertes iranisches Transportflugzeug in Venezuela. Zu welchem Zweck, ist bislang unklar.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Iran und Venezuela haben den bilateralen Handel in diesem Jahr ausgebaut. Neben Treibstoff liefert Iran Ausrüstung für Raffinerien sowie Lebensmittel nach Venezuela. Sinnbildlich für den Austausch steht ein riesiger iranischer Supermarkt, der im Juli in der Hauptstadt Caracas eröffnet wurde. Während unzählige Läden im Land wegen der Versorgungskrise dichtmachten, sind die Regale im iranischen „Megasis“ gefüllt. Die meisten Produkte sind für Venezolaner nur schwer zu identifizieren, da sie auf Persisch etikettiert sind.

          „Blockade durch Amerika überwinden“

          Bei einem Treffen zwischen Beamten beider Regierungen im Oktober in Caracas, bei dem die Handelsbeziehungen erörtert wurden, beschrieb Venezuelas Außenminister, Jorge Arreaza, Iran als einen Lehrer, um der „Illegalität der einseitigen Zwangsmaßnahmen“ zu trotzen. Gemeint waren die Sanktionen Washingtons, denen Venezuela seit geraumer Zeit ausgesetzt ist und die das Land zum „Leidensgenossen“ Irans machen.

          Irans Wirtschaft hat die amerikanischen Sanktionen bisher überstanden. Auch in Venezuela haben die Sanktionen bisher nicht zum politischen Umsturz geführt. Die Wirtschaft liegt zwar am Boden, doch der Kollaps bleibt weiterhin aus – auch dank der Hilfe aus Iran. Arreaza sagte, Venezuela und Iran strebten eine Koalition von Ländern an, die von ähnlichen Sanktionen betroffen seien, um „Erfahrungen auszutauschen und die Blockade zu überwinden“.

          Iran sichert sich Zugang zur Region

          Die Partnerschaft der beiden Länder ist allerdings älter als die venezolanische Krise. Unter der Regierung von Hugo Chávez zwischen 2001 und 2013 kam es zu Dutzenden Regierungstreffen und wurden rund 300 Vereinbarungen geschlossen. Selbst eine gemeinsame Entwicklungsbank wurde gegründet. Im Jahr 2012 betrugen die iranischen Investitionen in Venezuela rund 15 Milliarden Dollar. Viele der Projekte liefen jedoch ins Leere. Und einige der Initiativen dienten nachweislich auch der Verhüllung illegaler Aktivitäten.

          Chávez dienten die Beziehungen auch für seine antiimperialistische Agenda. Iran seinerseits sicherte sich durch die Beziehungen mit Venezuela Zugang zur Region. Chávez ebnete den Weg für Vereinbarungen zwischen Teheran und den Regierungen von Ecuador, Bolivien und Nicaragua. Als Iran durch die amerikanischen Sanktionen in zunehmende Isolation geriet, konnte es weiterhin auf die Länder der von Venezuela angeführten „Bolivarianischen Allianz für Amerika“ zählen.

          Venezuela ist nicht nur ein Brückenkopf für Iran. Vieles deutet auch auf Aktivitäten der libanesischen, von Iran unterstützten Schiitenmiliz Hizbullah hin. Als der venezolanische Außenminister Arreaza im vergangenen Jahr nach Beirut reiste, soll er sich dort laut verschiedenen Medienberichten auch mit dem Hizbullah-Führer Hassan Nasrallah getroffen haben. Die Hizbullah gehörte zu den Ersten, die sich nach der Ausrufung des venezolanischen Oppositionsführers Juan Guaidó zum Übergangspräsidenten auf die Seite des Maduro-Regimes stellten.

          Hinweise auf Drogenschmuggel

          Die Präsenz der Schiitenmiliz in Lateinamerika ist keine Neuheit. Das Zentrum der Aufmerksamkeit hat sich in den vergangenen Jahren jedoch zunehmend vom Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay nach Venezuela verlagert. Schon im Jahr 2007, als Chávez und der damalige iranische Präsident, Mahmud Ahmadineschad, eine Flugverbindung zwischen ihren beiden Ländern mit Zwischenhalt in Damaskus aufbauten, sollen laut Aussagen früherer venezolanischer Regierungsmitarbeiter „islamische Terroristen“ über Iran und Syrien nach Venezuela geflogen sein – ausgestattet mit echten venezolanischen Pässen.

          Über die genauen Aktivitäten der Hizbullah in Venezuela herrscht bislang keine Klarheit. In Washington gibt es Stimmen, die behaupten, die Schiitenmiliz unterhalte in der Karibik Trainingscamps für Attacken in den Vereinigten Staaten. Dafür gibt es jedoch keine Beweise. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich Venezuela zu einer Drehscheibe für illegale wirtschaftliche Aktivitäten, Geldwäsche und damit für die Finanzierung der Organisation entwickelt hat. Laut Washington ist die Hizbullah am Handel mit illegal abgebautem Gold aus Venezuela beteiligt. Auch Hinweise auf Drogenschmuggel gibt es.

          Besorgnis gilt jedoch seit kurzem vor allem einem anderen Umstand. Washington befürchtet, dass Iran mit dem Ende des UN-Waffenembargos den Export von Waffen in verschiedene Länder anstrebt – vermutlich auch nach Venezuela. In einem Interview warnte der amerikanische Sonderbeauftragte für Venezuela und Iran, Elliott Abrams, kürzlich vor einem solchen Handel. Ein Transfer iranischer Langstreckenraketen nach Venezuela würde nicht toleriert, sagte Abrams. Lieferungen würden unterbunden. „Und wenn sie irgendwie nach Venezuela gelangen, werden sie dort eliminiert.“

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