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Iran : Heideggers Stunde hat geschlagen

  • -Aktualisiert am

Iranische Journalisten protestieren gegen das Zeitungsverbot Bild:

Gedankenfreiheit? Fehlanzeige. In Iran werden kritische Stimmen zum Schweigen gebracht. Immer öfter werden Medien gleichgeschaltet und liberale Professoren aus den Universitäten verbannt. Die neue Kulturrevolution ist in vollem Gange.

          Im „Club diplomatique“ im Norden Teherans, einer privaten Einrichtung, sind mehr als 300 Gäste zusammengekommen. Die meisten sind aus dem Lager der Reformer: ehemalige Minister, einstige Abgeordnete, Parteiführer, Professoren und Journalisten. Anwesend sind auch säkulare Autoren und Künstler. Die renommierte Zeitung „Sharq“, auf deutsch „Der Osten“, feiert ihr dreijähriges Bestehen.

          Niemand ahnt an diesem fröhlichen Abend, daß die Zeitung eine Woche später verboten sein wird. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, schrieb Chefredakteur Mohammad Qudschani vor zwei Jahren. Als einzige nichtstaatliche Tageszeitung hatte „Sharq“ eine Auflage von 130.000 Exemplaren, das ist für iranische Verhältnisse eine beeindruckende Zahl.

          Ahmadineschad, der beleuchtete Esel

          Durch umsichtige Berichterstattung, die bisweilen an Selbstzensur grenzte, konnte „Sharq“ drei Jahre lang alle Wechselfälle der iranischen Politik überstehen. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen halfen nicht. Anfang September wurde das renommierte Blatt verboten, etwa 300 Mitarbeiter wurden arbeitslos. Die Kommission zur Kontrolle der Presse, eine Troika, die sich aus Vertretern der drei Gewalten zusammensetzt, hatte das Verdikt gesprochen: Bis auf weiteres darf die Zeitung nicht erscheinen. Der Vorwand lautete, die Zeitung habe hohe staatliche Amtsträger beleidigt.

          Stein des Anstoßes: Ahmadineschad Karikatur

          Stein des Anstoßes war eine Karikatur: Auf einem Schachbrett stehen als einzige Figuren ein Pferd und ein Esel. Der letztere ist von einem Lichtstrahl umgeben. „Ich verstehe gar nicht“, sagt der Satiriker Ebrahim Nabawi, der früher für Reformzeitungen in Iran arbeitete und heute in London lebt, „warum sich die iranische Staatsführung beleidigt fühlt, wenn irgendwo in Iran eine Karikatur mit einem Esel erscheint.“ Schließlich sei die heutige Welt voll von Eseln.

          Politischer Machtkampf um „Sharq“

          Indes wußten die Zeitungsleser, wer mit dem beleuchteten Esel gemeint ist: Staatspräsident Mahmud Ahmadineschad hatte nämlich vor einem Jahr nach seinem Auftritt bei den Vereinten Nationen vor einem Ajatollah in Ghom behauptet, während seiner Rede sei er von einem Licht umgeben gewesen, „so daß die Vertreter aller Nationen nicht ein einziges Mal mit der Wimper zuckten“. Von dem erleuchteten Esel bekam das einfache Volk allerdings kaum etwas mit, denn die armen Leute geben kein Geld für Zeitungen aus. An der Karikatur ergötzt haben sich hingegen die Reichen im Norden Teherans und der gebildete Mittelstand.

          Bei dem Verbot spielt auch ein politischer Machtkampf eine Rolle. Denn hinter „Sharq“ steht, so vermutet man, kein Geringerer als der einstige Staatspräsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani. Der steinreiche Politiker soll für die finanzielle Ausstattung der Zeitung gesorgt haben. Der Verbindungsmann von Rafsandschani zu „Sharq“ war sein Vertrauter Mohammad Atrianfar, früher Mitglied des Staatsrates und einer der Gründer der Partei der „Diener des Staates“. Atrianfar bestimmte die politische Richtung der Zeitung mit. Da zwischen Rafsandschani und Ahmadineschad ein unausgesprochener Krieg tobt, bekam der Staatschef, wenn sich Gelegenheit bot, von der Zeitung kräftige Seitenhiebe. Als Ahmadineschad den Holocaust als ein „Märchen“ bezeichnete, veröffentlichte „Sharq“ einen Beitrag über die Ermordung von Millionen Juden während der Naziherrschaft.

          Angriff auf die Medien

          Die Gleichschaltung der Presse geht weiter. Drei Zeitschriften, „Hafes“, „Name“ und „Khatere“, wurden kürzlich ebenfalls verboten. Herausgegeben wurden die drei Magazine von säkularen Autoren. Warum? Über das Verbot von „Name“ weiß man etwas Genaueres. Der Anlaß war ein Gedicht von der Grande Dame der persischen Lyrik, Simin Babahani. Das Gedicht mit dem Titel „Bahar“ - „Der Frühling“ - handelt vom Irak-Iran-Krieg und stammt aus dem Frühjahr 1986. Damals führten Ajatollah Chomeini und Saddam Hussein einen erbitterten Kampf gegeneinander. „Zwei Verrückte haben zwei Reiche in Schutt und Asche verwandelt“, schrieb die beherzte Dichterin. Die Verse waren in den achtziger Jahren mit dem Segen des Ministeriums für Kultur und islamische Erziehung schon einmal veröffentlicht worden, ihr Nachdruck war also legal. „Man hat damals unter ,zwei Verrückte' die Russen und die Amerikaner verstanden“, rechtfertigte sich das Ministerium.

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