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Iran : Der Schock sitzt tief

Studenten unterstützen Rafsandschani Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Vor der Stichwahl in Iran werden von den Anhängern des früheren Präsidenten Rafsandschani alle Register gezogen. Selbst eine SMS-Kampagne soll Wähler mobilisieren. Ein Erfolg des radikalen Ahmadineschads wäre ein Rückfall in die frühen Jahre der Revolution.

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          Das Ergebnis der ersten Runde sei ein Schock gewesen, sagt Wahlkampfmanager Ismail Pairuz und atmet tief durch. Immerhin müsse man die Iraner jetzt nicht mehr sonderlich mobilisieren, damit sie bei der Stichwahl am Freitag für Rafsandschani stimmen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Denn den Menschen sei klar, daß ein Politiker wie Ahmadineschad, der überraschende Herausforderer Rafsandschanis, Iran nicht regieren könne. An der weißen Wand hinter Pairuz verkündet ein großes Poster in elegant geschwungenen persischen Buchstaben: „Eine große Nation, ein großer Staatspräsident“. Unter einem weißen Turban lacht Rafsandschani verschmitzt.

          Hohe Wahlbeteiligung erwartet

          Ismail Pairuz ist Unternehmer, wenn er nicht Wahlkampf für Rafsandschani macht. In vielen Provinzen baut seine Firma Safran an und verarbeitet das wertvolle Gewürz. In diesen Tagen aber hat er seinen Teheraner Firmensitz in ein Wahlkampfzentrum für Rafsandschani verwandelt.

          Den energischen Unternehmer unterstützen 128 Mitarbeiter. Auf der Straße verteilen sie CDs und Internetkarten, bringen Rafsandschanis Wahlkampfprogramm unters Volk und organisieren Gesprächsgruppen für Frauen, Jugendliche und Rentner - alles geht auf Kosten des Safran-Unternehmers.

          So tief sei der Schrecken über den Erfolg des radikalen Teheraner Oberbürgermeisters Ahmadineschad den Menschen in die Glieder gefahren, daß die Wahlbeteiligung noch höher als im ersten Wahlgang sein werde, sagt Pairuz voraus.

          Dann zieht er ehrfurchtsvoll einen Brief der zentralen Wahlkampfleitung aus den Unterlagen auf seinem Schreibtisch und liest die Namen aller jener Kandidaten aus der ersten Runde vor, die nun öffentlich Rafsandschani unterstützen: die Reformer Moin und Mehralizadeh, ebenso der frühere Parlamentspräsident Karrubi und der frühere Polizeichef Ghalibaf.

          Gut organisierte Divisionen

          Befriedigt legt Pairuz den Brief aus der Hand und lächelt zuversichtlich: „Rafsandschani wird also die Stichwahl gewinnen.“ Denn die Iraner wollten heute doch Freiheiten und gute Beziehungen zur Außenwelt, sie wollten Unterhaltung und ein gutes Leben. Unter Rafsandschanis bekämen sie das alles, unter Ahmadineschad aber nichts davon, meint Pairuz.

          Der radikale Teheraner Oberbürgermeister hat aber alle seine gut organisierten Divisionen in Bewegung gesetzt - allen voran die Revolutionsgarden (Pasdaran) und die Volksmiliz (Basidsch), der er selbst entstammt, auch seine Stadtverwaltung. Gegen sie kämpft Rafsandschani mit einzelnen Initiativen wie der von Ismail Pairuz.

          Wahlkampf per SMS

          Noch lasse sich nicht sagen, ob jene Iraner, die sich vor Ahmadineschad fürchteten, weiter in Resignation verharren oder sich doch noch rechtzeitig fangen, sagt Farsin Banki, Professor für Philosophie an der Universität Teheran. Eine SMS-Kampagne soll einen Rückfall in die Ideologie der frühen Jahre der Revolution verhindern.

          Häufiger als sonst ertönen in Teheran die Mobilfunkgeräte. Dann blinken Meldungen auf, die alarmieren und mobilisieren sollen. „Bin Ladin gratuliert Ahmadineschad“, heißt es dann. Auch ist vom Le-Pen-Effekt die Rede, also davon, die Stimme einem Mann der Mitte zu geben, um die Machtergreifung eines Faschisten - so nennt die Partei des Reformers Moin Ahmadineschad - zu verhindern.

          Ahmadineschads Aufbegehren gegen Nepotismus

          Einfach macht es Ahmadineschad seinen Gegnern aber nicht. Denn er hatte die verhaßte Korruption zum Thema gemacht, die nicht wenige Iraner auf die erste Präsidentschaft Rafsandschanis von 1989 bis 1997 zurückführen. Als Oberbürgermeister Teherans hat er sie schon eingedämmt.

          Auch ist er zum Fürsprecher jener geworden, die gegen den „rant-chari“ aufbegehren, also gegen den Nepotismus oder - wörtlich übersetzt - gegen das „Essen von Geld“, zu dem einer allein aufgrund der Macht seiner Position gekommen ist.

          Ahmadineschad sei zudem mit den Stimmen der „religiösen Rechten“ Irans gewählt worden, gibt Banki zu bedenken. Die drei Kandidaten der islamischen Hardliner in der ersten Runde - Ahmadineschad, Ghalibaf und Laridschani - verkörperten eine neue Generation der Islamischen Republik, sagt der Philosoph.

          Er sieht in ihnen den innerislamischen Versuch, die Regierungsverantwortung an eine Gruppe von Laien zu übertragen, die von den Idealen der Revolution überzeugt sind. Denn die schiitische Geistlichkeit sei zur Erkenntnis gelangt, daß sich die Bevölkerung nicht länger von Turbanträgern regieren lassen wolle.

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