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Iran : Am „Tag der Trauer“ Warten auf Chameneis Predigt

Protest in Teheran: An diesem Donnerstag hat die Opposition einen „Trauertag” angekündigt Bild: AFP

Die iranische Opposition trauert als Zeichen des Protests in Teheran um die Toten. Der Wächterrat hat indes ein Treffen mit Mussawi und den beiden anderen unterlegenen Kandidaten angekündigt. Mit Spannung wird die Freitagspredigt von Ajatollah Chamenei erwartet.

          Die Opposition in Iran hat sich am sechsten Tag in Folge zu einer nicht genehmigten Massenkundgebung versammelt. Der Expertenrat, das höchste religiöse Gremium der Republik, äußerte sich am Donnerstag lobend über die hohe Wahlbeteiligung von 85 Prozent, der Rat äußerte sich aber nicht zum verkündeten Ergebnis der Wahl.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die hohe Wahlbeteiligung habe die „Größe und Würde der Islamischen Republik“ in alle Welt getragen, äußerte der Expertenrat, an dessen Spitze der frühere Staatspräsident Rafsandschani steht. Der Rat machte den „Feind“ für die Unruhen der vergangenen Tage verantwortlich. Am Samstag will der Wächterrat Vertreter der drei unterlegenen Kandidaten zu den 646 eingereichten Beschwerden und Einwänden hören. Danach will er innerhalb von zehn Tagen über die Gültigkeit der Wahl entscheiden. Der Wächterrat hatte schon zugesagt, in einigen Wahlbezirken die Stimmen nachzählen zu lassen.

          100.000 Demonstranten ziehen vor UN-Gebäude

          Mehr als 100.000 Demonstranten versammelten sich am Donnerstag erst auf dem Platz vor dem Gebäude der Repräsentanz der Vereinten Nationen in Teheran. Von dort marschierten sie zum „Platz Imam Chomeini“, der nahe des Basars liegt, und in die umliegenden Straßen. Der unterlegene Präsidentschaftskandidaten Mussawi hatte die Teilnehmer aufgefordert, wieder schweigend zu demonstrieren und auf Beleidigungen des amtierenden Präsidenten Ahmadineschad zu verzichten.

          Musswai hat weitere Proteste seiner Anhänger angekündigt

          Er forderte abermals Neuwahlen, die nicht den „schändlichen Betrug“ wiederholen sollten. Auf einem Banner war zu lesen: „Wir haben um Gaza geweint, doch wer weint ums uns?“ Viele Demonstranten trugen als Zeichen der Trauer für die in den Vortagen Getöteten Schwarz und darüber hinaus - als Zeichen für den angestrebten Wandel - noch grüne Bänder.

          Chamenei will Freitagspredigt halten

          An diesem Freitag will der religiöse Führer Ajatollah Chamenei das Freitagsgebet auf dem Gelände der Universität Teheran führen und auch die Freitagspredigt halten. Die Freiwilligenmiliz der Basidsch rief ihre Anhänger auf, in großer Zahl daran teilzunehmen. Die Miliz forderte von den Herausforderern Ahmadineschads bei der Präsidentenwahl, sich öffentlich von „den Aufständischen“ distanzieren. Mit den „Aufständischen“ meinte die Basidsch-Miliz die Anhänger Mussawis.

          In einem gemeinsamen offenen Brief forderten derweil Mussawi und der frühere Staatspräsident Chatami die Freilassung aller Anhänger ihrer Bewegung, die seit vergangenem Freitag festgenommen worden sind. Jeden Tag finden neue Verhaftungen statt. Nach Medienberichten sollen rund 100 Personen wegen der Proteste, die sich auch auf andere Städte neben Teheran ausgebreitet hatten, in Haft sein. Die Zeitung „Etemad-e Melli“, die der Präsidentschaftskandidat Karubi herausgibt, berichtete, zuletzt seien der liberale Oppositionspolitiker Ebrahim Jazdi und der Dissident Mohammed Tawassoli verhaftet worden. Mussawi und Chatami äußerten sich besorgt über die „beunruhigende Lage“ im Land und forderten ein Ende der Gewalt gegen friedliche Demonstranten.

          Chatami und der Präsidentschaftskandidat Karrubi, ebenfalls ein Geistlicher, forderten den Chef der iranischen Justiz, Shahroudi, in einem Brief auf, wegen der Übergriffe gegen Personen zu ermitteln, die sich mit Rufen „Allahu akbar“ als Kritiker der Spitze der Republik äußern. Mussawi kündigte für Samstag die nächste Großkundgebung an.

          Mussawi ruft zu „Tag der Trauer“ auf

          Mussawi hatte den Donnerstag im Gedenken der sieben Opfer vom Montag zu einem „Tag der Trauer“ ausgerufen. Nach der Kundgebung zogen viele Teilnehmer in Moscheen. Mussawi forderte auf seiner Internet: „Ich bitte die Menschen, ihre Solidarität mit den Familien zu zeigen, indem sie in die Moscheen kommen oder sich an friedlichen Demonstrationen beteiligen.“ Der Donnerstag ist im schiitischen Islam traditionell ein Trauertag. Zudem treffen sich in Iran Angehörige und Freunde eines Toten am dritten Tag nach dem Tod in einer Moschee, um Kondolenzbesuch entgegenzunehmen. Durch den Tag der Trauer versuchte die Bewegung Mussawis auch, die Geistlichkeit auf ihre Seite zu ziehen. Der Toten wird ferner am siebten und am vierzigsten Tag nach ihrem Tod gedacht.

          Der Verband der reformorientierten Geistlichkeit beantragte beim Innenministerium, am Samstag eine Kundgebung abhalten zu dürfen. An der Kundgebung, die wie die Demonstration vom Montag vom „Enghelab-Platz“ zum „Azadi-Platz“ führen soll, will sich auch der frühere Staatspräsident Chatami beteiligen. Das Ministerium hat auf den Antrag noch nicht geantwortet.

          Das iranische Staatsfernsehen verlas am Donnerstag eine Erklärung des iranischen Geheimdienstes, der nach eigenen Angaben am Wahltag eine Serie von Bombenschlägen verhindert haben will. Demnach hätten Terroristen am 12. Juni Sprengsätze in Moscheen und anderen belebten Plätzen verstecken wollen. Mehrere Gruppen mit Verbindungen zu den „Feinden Irans im Ausland“ seien enttarnt worden; auch Israel gehöre dazu.

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