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Irak : Vorwürfe gegen irakische Polizei: „Akt des Terrors“

  • Aktualisiert am

Autobomben in Bagdad hinterlassen Spuren der Verwüstung Bild: dpa

Nach der „Massenentführung“ in Bagdad sind der Polizeichef des Stadtteils Karrada und vier seiner Kollegen verhaftet worden. Schiitische Milizen sollen die Polizei infiltriert haben. Auch am Mittwoch gab es Tote bei Anschlägen und Gefechten.

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          Nach der Massenentführung im Irak sind in Bagdad der Polizeichef des Stadtteils Karrada und vier weitere Polizeioffiziere verhaftet worden. Das Innenministerium teilte mit, sie seien verantwortlich, für das, was geschehen sei und würden zu dem Vorfall verhört. Im Stadtteil Karrada hatten am Dienstag Dutzende Unbekannte, die offenbar echte Polizeiuniformen trugen und in mehr als 20 Polizeiwagen vorfuhren, Angestellte des Hochschulministeriums entführt. Augenzeugen berichteten im staatlichen Sender Al Iraqija, die Entführten seien in Lastwagen in Richtung des Schiitenviertels Sadr City abtransportiert worden.

          Die irakische Polizei beschäftigt 135.000 Polizisten. Auch amerikanische Berichte beklagen seit langem die verbreitete Korruption in der Polizei sowie die schlechte Ausbildung und die geringe Disziplin. Zudem ist auch bekannt, daß schiitische Milizen die Polizei infiltriert haben. Der Zustand der irakischen Polizei ist eine Folge davon, daß sowohl die amerikanische Besatzungsmacht wie die gestürzte Baath-Diktatur die Polizei zugunsten der Armee vernachlässigt haben. Unter Saddam Hussein war die Polizei ein Auffangbecken für Iraker, die keine andere Arbeit fanden.

          Ministerpräsident Maliki gestand die Verwicklung der Milizen in die Entführung ein. Die Entführung sei die Folge eines „Konflikts zwischen Milizen“ und habe daher „nichts mit Terrorismus“ zu tun, sagte Maliki dem Sender Al Iraqiya TV. Er ordnete ein massives Vorgehen gegen Milizen an, die an Entführungen beteiligt sind. Im Parlament nannte der sunnitische Hochschulminister al Udschaili die Entführung einen „Akt des Terrors“. Die sunnitische „Vereinigung der muslimischen Religionsgelehrten“ machte das von den Schiiten kontrollierte Innenministerium verantwortlich.

          Schwer bewacht: Maliki in der Universität Bagdad

          Widersprüchliche Zahlen

          Nach wie vor widersprechen sich die Zahlen zu den Entführten. Der irakische Regierungssprecher al Dabbagh gab 39 Entführte an, von denen 16 Angestellte des Ministeriums seien. Bis auf zwei seien inzwischen alle freigelassen, sagte er am Mittwoch. Al Iraqiya berichtet, die meisten seien in Bagdad befreit worden. Ein Sprecher des Hochschulministeriums nannte dagegen „mehr als 100 Entführte“, von denen inzwischen 40 wieder auf freiem Fuß seien. Der schiitische Fernsehsender Al Furat berichtete am Mittwoch, noch immer befänden sich 25 Personen in der Gewalt der Entführer.

          Maliki bedauerte am Mittwoch bei einem Besuch der Universität Bagdad, daß Wissenschaftler, die ihrem Land dienten, entführt würden. Er wolle verhindern, daß die Universitäten unter konfessionellen Einfluß gerieten. Das Hochschulministerium wird von Sunniten kontrolliert, die Sunniten haben an der Professorenschaft einen überproportional großen Anteil. Als Folge von Drohungen, Entführungen und Morden verließen schon mehrere tausend Wissenschaftler den Irak.

          Bei Anschlägen und Gefechten kamen am Mittwoch im Irak mehr als 20 Menschen um. In Bagdad wurden elf Menschen bei der Explosion einer Autobombe getötet. Bei Anschlägen in Baquba und Mossul kamen zwei irakische Journalisten ums Leben. Die amerikanischen Streitkräfte meldeten am Mittwoch den Tod von vier Soldaten in der Provinz Anbar.

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