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Irak : Kerbela in Angst vor neuem Terror

Opfer des Anschlages werden in Kerbela zu Grabe getragen Bild: dpa/dpaweb

Eine Woche nach den Anschlägen herrschen in der für Schiiten heiligen Stadt Kerbela im Zentralirak noch immer Trauer, Wut und Entsetzen.

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          Die Pilger sind fort, der Zorn ist aber geblieben. Fünf Millionen Pilger aus der gesamten schiitischen Welt waren an Aschura, dem großen Trauertag der Schiiten, in Kerbela, fast doppelt so viele wie in den Jahrzehnten der Diktatur Saddams. Allein aus Iran waren eine halbe Million Pilger gekommen. Sie sind alle abgereist, und die Hotels sind wieder leer. Geblieben ist aber der Zorn auf jene, die am vergangenen Dienstag das große Blutbad angerichtet haben.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Immer wieder treffen Blicke der Verachtung die Fremden. "Amerikaner", zischt es. Die Wut entlädt sich aber nicht. Die Einwohner von Kerbela und die letzten Pilger sind auf die Besatzungsmacht nicht gut zu sprechen. Der arbeitslose Muhammad al Kazem macht seinem Ärger Luft: Die Amerikaner seien doch Feinde des Islams, an der Normalisierung des Iraks hätten sie kein Interesse, und letztlich steckten sie hinter den mörderischen Explosionen, schreit der Mann wild. Jeden Tag kommt er auf den großen Platz zwischen den Schreinen von Hussein und Abbas, den beiden Söhnen Alis. Wie viele andere sucht auch er Arbeit und hofft, sie beim theologischen Seminar der heiligen Stadt zu finden. Ein anderer Mann beschwichtigt. Er wirft den Amerikanern nur vor, von den Anschlägen rechtzeitig gewußt, aber nichts unternommen zu haben.

          Straßen sind gereinigt

          Auch ein kleiner See am Pilgerbezirk ist den Muslimen heilig. Hier verehren sie die Stelle, an der Hussein von seinen Feinden am Trinken gehindert worden war. Er sollte verdursten, überwand jedoch seine Feinde. Eine Brücke führt über das Gewässer, zu dem die Pilger in Stufen hinuntersteigen. Die Straßenlampe am Brückenbeginn ist bis hoch oben mit Blut bespritzt, die Wand des angrenzenden Haus wurde aber gerade von den Blutflecken und Körperfetzen gereinigt, die an ihr gehangen hatten. In dem Haus hatte einst Ali gelebt.

          Nur wenige hundert Meter sind es von dort zu den Schreinen mit den vergoldeten Kuppeln, unter denen seine ermordeten Söhne Hussein und Abbas begraben liegen. Am Festtag drängten sich hier so viele Pilger, daß sich keiner mehr bewegen konnte. Eine Handgranate schickte am See Menschen in den Tod; vor dem Haus war es ein Selbstmordattentäter, der sich Sprengstoff um den Leib gebunden hatte.

          Auf dem Weg zu den beiden Schreinen detonierten zwei weitere Granaten. Ein Hotelbesitzer sagt, ein abgerissener Kopf sei auf das Dach seines Hotels geschleudert worden. Die Straße ist nun gereinigt, die Hotelfassade auch. Nur die zerborstenen Fensterscheiben sind nicht ausgetauscht worden.

          Furcht vor weiteren Anschlägen

          In der Stunde nach den vier koordinierten Attentaten bahnten sich viele Krankenwagen einen Weg ins Zentrum. Einer von ihnen hatte soviel Sprengstoff geladen, daß die Wirkung der Detonation verheerend gewesen wäre. Rechtzeitig ist der Wagen entdeckt worden. In den Tagen nach den Anschlägen wurden dann drei Männer verhaftet. Iraker war keiner von ihnen, alle drei sollen zu der Terrorgruppe des Al-Qaida-Führers Zarqawi gehören.

          Die Verhaftungen haben die Furcht vor weiteren Anschläge nicht verdrängt, denn die drei waren in dem Monat vor den Attentaten nach Kerbela gekommen. Niemand weiß, wie viele Terroristen sich weiter in der Stadt versteckt halten. In den Tagen vor Aschura hatte es keine Personenkontrollen der fünf Millionen Pilger gegeben. Heute aber muß sich jeder, der sich dem heiligen Bezirk nähert, einer ausgiebigen Kontrolle unterziehen. Einst hat die heilige Stadt unter der Diktatur Saddams gelitten, heute leidet sie unter dem Terror von Fanatikern.

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