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Irak : „Ich wollte Bush vom Krieg abbringen“

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Berlusconi und Bush gelten als enge Verbündete Bild: AP

Silvio Berlusconi, der als einer der engsten Verbündeten Amerikas im Irak-Krieg gilt, wollte Präsident Bush nach eigenen Worten von einer Intervention abhalten. Der italienische Premier, der 3000 Soldaten in den Irak schickte, will von dem Unterfangen nie überzeugt gewesen sein.

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          Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat nach eigenen Worten den Irak-Krieg nie gewollt, sondern versucht, den amerikanischen Präsidenten Bush von einer militärischen Intervention gegen Saddam Hussein abzuhalten.

          In einem Interview mit dem Fernsehsender La7, das an diesem Montag ausgestrahlt werden soll, äußerte Berlusconi, er habe Bush von einem Präventivkrieg abgeraten. Er habe mit verschiedenen Argumenten und Vorschlägen den amerikanischen Präsidenten von einem Waffengang abzuhalten versucht. Denn, so sagte Berlusconi in dem Interview, das er unmittelbar vor einem Besuch in Washington gab, „ich bin nie überzeugt gewesen, daß der Krieg das beste System ist, um in einem Land die Demokratie herzustellen und es aus einer blutigen Diktatur herauszuführen“.

          Gaddafi hätte vermitteln sollen

          Auch eine Vermittlungsaktion des libyschen Diktators Gaddafi sei erwogen worden. Die militärische Option hätte vermieden werden müssen, sagte der Ministerpräsident.

          Berlusconi: Militärische Option hätte vermieden werden müssen
          Berlusconi: Militärische Option hätte vermieden werden müssen : Bild: dpa/dpaweb

          Die Äußerungen Berlusconis überraschten in Rom, weil der Ministerpräsident bisher als „eiserner“ und treuer Verbündeter seines Freundes Bush galt. Berlusconi hatte im Januar 2003 die vom damaligen spanischen Ministerpräsidenten Aznar initiierte Erklärung unterzeichnet, in der sich etliche europäische Regierungschefs in der Irak-Frage klar auf der Seite Washingtons positionierten. Derzeit sind im Irak noch etwa 2900 italienische Soldaten stationiert; Italien hatte von Anbeginn der Besatzung an Truppen im Zweistromland.

          Italienische Truppen sollen vor dem Sommer abziehen

          Verteidigungsminister Martino kündigte indes in einem am Samstag veröffentlichten Interview den Abzug der italienischen Soldaten noch vor dem Sommer an. „Es ist plausibel anzunehmen, daß unser Kontingent im ersten Halbjahr 2006 wieder heimgeholt werden könnte“, sagte Martino der Zeitung „Il Messagero“. In dem von den italienischen Truppen überwachten Gebiet würden mittlerweile 80 Prozent der Sicherheitsaktionen von den irakischen Streitkräften durchgeführt. Italien hat kürzlich schon 300 Soldaten nach Hause geholt. Im kommenden Frühjahr stehen Parlamentswahlen in Italien an.

          Oppositionsführer Prodi sagte, Berlusconis plötzliche Friedenserklärung bedeute, daß er „endlich“ erkenne, daß der Krieg falsch sei; deshalb seien seine Worte ohne Wert und könnten die politische Debatte über eine Beteiligung Italiens an dem Militärkontingent in Afghanistan und im Irak nicht wirklich voranbringen. In den vergangenen Tagen wurde auch über eine Beteiligung italienischer Geheimdienste an Informationen des CIA über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak spekuliert.

          Pentagon beziffert erstmals zivile Opfer

          Das amerikanische Verteidigungsministerium hat erstmals Zahlen über getötete oder verletzte Zivilisten im Irak veröffentlicht. Die Zeitung „New York Times“ hat diese Angaben hochgerechnet und kommt auf etwa 26.000 Zivilisten, die zwischen Januar 2004 und Mitte September 2005 durch Angriffe von Aufständischen im Irak getötet oder verletzt wurden. Die Zahlenbasis der Berechnungen ist laut „New York Times“ vom Sonntag in dem jüngsten Bericht des Pentagons über die Lage im Irak an den Kongreß enthalten. Personen, die von Amerikanern oder ihren Verbündeten getötet wurden, wurden nicht mitgezählt.

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