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Sturm auf Amerikas Botschaft : Mit Nadelstichen fing es an

Irakischer Soldat vor der amerikanischen Botschaft in Bagdad Bild: dpa

Proiranische Milizen setzen zum Sturm auf die Botschaft der Vereinigten Staaten im Irak an. Präsident Trump reagiert zornig – will aber keinen Krieg.

          3 Min.

          Geradezu zornig verbreitete der amerikanische Präsident Donald Trump am letzten Tag des vergangenen Jahres auf Twitter, dass Iran zur Verantwortung gezogen werde. Das sei keine Warnung, fügte er hinzu, sondern eine Drohung. Die scharfe Reaktion Washingtons hatte einen Grund. Denn es ist vierzig Jahre her, dass iranische Revolutionäre in Teheran die amerikanische Botschaft gestürmt hatten und 52 Diplomaten der Vereinigten Staaten 444 Tage als Geiseln hielten. Diese Demütigung gehört zu den traumatischsten Episoden der jüngeren amerikanischen Geschichte.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Vier Jahrzehnte danach versuchten nun in Bagdad mehr als tausend Angehörige proiranischer Milizen, die dortige Botschaft Amerikas zu stürmen. Gelungen ist ihnen das zwar nicht. Sie richteten aber einen beträchtlichen Schaden an und lösten die erwartete Reaktion aus. Denn Präsident Trump, der mit dem Versprechen angetreten war, amerikanische Soldaten nach Hause zu holen, schickt nun abermals weitere Einheiten in den Nahen Osten und macht Iran für den Aufmarsch vor der Botschaft verantwortlich.

          „Tod für Amerika“

          Trump schwächte noch am Silvesterabend seine Drohung ab, als er sagte, er rechne nicht mit einem Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Iran. Da hatte Irans Revolutionsführer Ali Chamenei – auch er über Twitter und auf Englisch – die Welt bereits wissen lassen, dass Iran ohne zu zögern die Konfrontation mit denen aufnehme, die es bedrohten, und jene auch treffen werde. Den Angriff auf die amerikanische Botschaft rechtfertigte er mit den „amerikanischen Verbrechen im Irak und Afghanistan“. Sie hätten dazu geführt, dass diese Nationen Amerika hassten. Iran wolle zwar keine Kriege, verteidige aber „seine Interessen, seine Würde und seinen Ruhm“. Zu verteidigen gilt es seit einigen Monaten vor allem seine Interessen im Irak. Denn eine breite Protestbewegung, die vor drei Monaten begonnen hat, will nicht nur die proiranische regierende Klasse in Bagdad stürzen, sondern auch Iran aus dem Land vertreiben. Parallel hatten sich über Monate Iran und die Vereinigten Staaten im Irak Nadelstiche versetzt, die sich gegenseitig hochschaukelten und schließlich in der letzten Dezemberwoche eskalierten.

          31. Dezember 2019: Amerikanische Soldaten gehen mit Tränengas gegen Demonstranten vor.

          Bereits im Mai hatte das amerikanische Außenministerium aufgrund der angespannten Sicherheitslage aus der Botschaft in Bagdad und dem Konsulat in Arbil Personal abgezogen. Dann schlugen im September zwei Raketen nahe des Botschaftsgeländes in Bagdad ein. Zudem meldete die amerikanische Regierung, dass es in den vergangenen zwei Monaten im Irak elf Angriffe gegen amerikanische Staatsbürger gegeben habe. Auf das Konto der irakischen Kataib Hizbullah, die Teil der „Volksmobilisierung“ ist, sollen mehrere Angriffe auf jene Gegend gehen, in der auch die amerikanische Botschaft liegt, sowie auf Militärbasen, auf denen amerikanische und irakische Soldaten stationiert sind.

          Vor dem Beginn des aktuellen Konflikts befanden sich auf der Grundlage eines bilateralen Militärabkommens 5200 amerikanische Soldaten im Irak. Sie haben den Auftrag, den „Islamischen Staat“ (IS) zu bekämpfen und irakische Truppen für diesen Kampf auszubilden. Einer der schwersten Angriffe der proiranischen Milizen richtete sich am Freitag gegen einen Stützpunkt in Kirkuk. Dabei wurde ein amerikanischer Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma getötet, mehrere amerikanische und irakische Soldaten wurden verletzt. Die Vereinigten Staaten antworteten mit Vergeltungsangriffen auf Stützpunkte der proiranischen Milizen im Irak. Am Sonntag bombardierten Kampfflugzeuge fünf Basen der Kataib Hizbullah im Irak und in Syrien. Dabei wurden mutmaßlich 27 von deren Kämpfern getötet, unter ihnen ein ranghoher Kommandant. Mehr als 50 Personen wurden verletzt.

          Es waren daher vor allem Mitglieder der schiitischen Kataib Hizbullah, die am Dienstag versuchten, die amerikanische Botschaft in Bagdad zu stürmen. Dabei war zunächst unklar, wie es ihnen gelungen ist, in das schwer bewachte und gut abgeschirmte Regierungsviertel einzudringen. Für die meisten Bürger des Iraks ist dieser Stadtteil im Zentrum Bagdads unerreichbar; ein besonderer Ausweis ist dafür erforderlich, man muss zahlreiche Sicherheitskontrollen passieren. Ohne Hilfe lokaler Sicherheitskräfte können die mehreren Tausend Kämpfer und Sympathisanten der Milizen, die Flaggen der „Volksmobilisierung“ und der Kataib Hizbullah mit sich trugen, nicht bis vor die Botschaft gelangt sein. Videos in den sozialen Medien zeigen, wie irakisches Sicherheitspersonal den wütenden Demonstranten beim Versuch geholfen hat, die Botschaft zu stürmen. Die Menge skandierte „Tod für Amerika“, Demonstranten zerstörten mit langen Eisenstangen Überwachungskameras und Wachhäuschen, sie brachen das Eisentor zur Botschaft auf und setzten den Eingangsbereich in Brand. Kurz zuvor waren der Botschafter und weiteres Personal evakuiert worden. Der Mob besprühte die Wände mit Graffiti und warf Molotow-Cocktails.

          An der proiranischen Machtdemonstration beteiligten sich vor allem die Milizen Kataib Hizbullah, Asaib Ahl al-Hak und Badr sowie deren einflussreiche Anführer. Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo sagte, der Angriff sei von „Terroristen inszeniert“ worden. Einen von ihnen, Abu Ali al Muhandis, nannte er beim Namen. Er führt die Kataib Hizbullah an und ist die Nummer zwei bei der Dachmiliz der „Volksmobilisierung“, die 2014 zur Verteidigung gegen den IS gegründet worden war, heute aber mit ihren Kämpfern und Waffen eines der wichtigsten Instrumente zur Verteidigung der iranischen Interessen im Irak ist.

          Am Aufmarsch vor der Botschaft beteiligte sich am Dienstag auch der Nationale Sicherheitsberater Falah al Fayyad. Zuvor hatte der Nationale Sicherheitsrat erklärt, die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten zu überprüfen. Die amerikanischen Luftangriffe hätten „Dutzende von Märtyrern und Verletzten unter unseren heldenhaften Truppen“ gefordert, erklärte der Sicherheitsrat. Nur wenige Iraker zeigten Verständnis für den massiven amerikanischen Vergeltungsschlag vom Wochenende.

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