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Irak : Gegen den „Islamischen Staat“

IS-Kämpfer im Irak (Archivbild Juni 2014) Bild: dpa

Von Al Qaida redet niemand mehr. Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ stellt die arabischen Staaten in Frage und hebt die Grenzen auf. Konflikte werden zu Glaubenskriegen.

          Von Al Qaida redet niemand mehr. Denn eine viel größere Gefahr versetzt heute den Nahen Osten und die Welt in Angst und Schrecken: die Terrorgruppe des „Islamischen Staats“. Die arabische Welt befindet sich in der tiefsten Krise seit dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts und der Zerstörung von Bagdad im Jahr 1258. Das Vordringen des „Islamischen Staats“ steht für zwei Aspekte dieser Krise: für den Zerfall von Staaten und für die Konfessionalisierung der Konflikte.

          Der „Islamische Staat“ kontrolliert bereits jeweils ein Drittel Syriens und des Iraks. Damit ist die Grenze zwischen beiden aufgehoben. Die Folge ist, dass jene, die den „Islamischen Staat“ bekämpfen wollen, eine Strategie für beide Länder brauchen. Es reicht nicht, die nordirakischen Kurden zu bewaffnen. Auch Luftschläge allein reichen nicht, denn ihnen können die Dschihadisten mit ihren kleinen, beweglichen Einheiten rasch ausweichen.

          Und wenn der Druck auf die Dschihadisten im Irak wächst, ziehen sie sich vorübergehend nach Syrien zurück, wie es auch in diesen Tagen geschieht. Der Westen muss daher zwischen dem syrischen Staat und dem „Islamischen Staat“ entscheiden. Die Herrscher in Damaskus jedenfalls sind allein nicht in der Lage, den Norden und Osten Syriens zurückzuerobern.

          Krieg gegen alle Andersgläubigen

          Staaten zerfallen, Grenzen lösen sich auf, und die Konflikte werden zu Glaubenskriegen. Denn der „Islamische Staat“ verspricht seinen Anhängern ein Leben in einem sunnitischen Staat. Seine bewaffneten Einheiten führen Krieg gegen alle Andersgläubigen und gegen zwei Staaten, deren Herrscher sie als Schiiten verdammen. Sie versprechen, die goldene Zeit wiederherzustellen, in denen von 661 bis 1258 die beiden ersten arabischen (und sunnitischen) Großreiche ihre Zentren in Damaskus und Bagdad hatten.

          Erschreckend ist, wie tatenlos die sunnitisch-arabische Welt dem grausamen Morden der Dschihadisten zusieht. Die Araber lamentieren über Gaza, über den Genozid an den Christen und Yeziden schweigen sie. Ihr Aufschrei bleibt aus.

          Transnationaler Dschihad

          Dabei sind auch sie bedroht. Al Qaida hatte sich kleiner Zellen und vieler Einzeltäter für Attentate bedient, die außer dem vagen Schlachtruf vom „Dschihad“ kein politisches Ziel verfolgten. Der „Islamische Staat“ aber ist mit seinem Programm und seiner Organisation zu einem transnationalen Dschihad fähig.

          An seiner Spitze steht ein selbsternannter „Kalif“; seine Krieger kommen aus der ganzen muslimischen Welt - Araber, Tschetschenen, Uiguren, sogar Europäer. Der „Islamische Staat“ hat Eigenschaften eines Staats: eine Justiz, welche die Scharia anwendet; eine Verwaltung, die Steuern und Zölle eintreibt; bewaffnete Einheiten, die von der syrischen und der irakischen Armee schwere Waffen erbeutet haben. Der „Islamische Staat“ ist finanziell unabhängig; er hat das Vermögen der Christen und Yeziden konfisziert, Muslime können sich durch einen Ablass von Verfehlungen freikaufen. Die Terrororganisation ist reich; ihr Geld und ihre Waffen erleichtern das Rekrutieren. Dieser „Staat“ sichert seine Herrschaft mit enthemmter Gewalt zur Abschreckung und mit einer professionellen Propaganda, die diese Gewalt über Videos verkündigt. Massenhinrichtungen, Enthauptungen durch das Schwert und Kreuzigungen drohen denen, die sich dem mittelalterlichen Islam dieses „Staats“ nicht beugen.

          Großzügige Helfer

          Fehler sind gemacht worden. Unter den neuen Rekruten befinden sich auch solche, die die Amerikaner in den sunnitischen Provinzen in den Jahren 2006 und 2007 für den Kampf gegen Al Qaida ausgebildet hatten. Zudem flossen von 2011 an reichlich Gelder aus den reichen Monarchien der Arabischen Halbinsel, von angeblich Verbündeten des Westens, an islamistische Extremisten; viele von ihnen schlossen sich dem „Islamischen Staat“ an. Hinzu kam im Westen die Fehleinschätzung, dass das Regime des syrischen Präsidenten Assad auch ohne ausländische Intervention allein durch die sunnitischen Aufständischen gestürzt werden könne. Die islamistischen Extremisten aber hatten großzügige Helfer.

          Der „Islamische Staat“ ist in der Geschichte des Islams nicht die erste Bewegung, die den Mord zum Ritual erhebt und den systematischen Terror als politische Waffe einsetzt. Die Sekte der Assassinen - auf sie geht der Begriff „Attentat“ zurück - hatten vom 11. bis zum 13. Jahrhundert bereits den Teil der Levante, in dem heute der „Islamische Staat“ mordet, in Angst und Schrecken versetzt. Heute haben die Araber die Wahl, ob sie in einer solchen Zeit leben wollen oder im 21. Jahrhundert. Die große Mehrheit wird die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts dem Joch des „Islamischen Staats“ vorziehen.

          Der Weg nach oben wird aber viele Jahre dauern, und die Araber müssen ihn allein gehen. Gelingen wird er nur, wenn die arabischen Muslime zu einem Religionsfrieden untereinander finden, sich gemäßigte Sunniten und extremistische Sunniten aussöhnen, auch Sunniten und Schiiten. Gelingen wird er außerdem nur dann, wenn in einem Staat für alle Staatsbürger die gleichen Rechte gelten und nicht ganze Bevölkerungsteile zugunsten einer Gruppe ausgeschlossen werden. Die Einsicht dazu ist aber noch nicht ausreichend vorhanden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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