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Irak : Feuerprobe für den Brandstifter

Geisterstadt: Das von den Kämpfen gezeichnete Falludscha Bild: AP

Die Regierung des Ministerpräsidenten Nuri al Maliki ringt in heftigen Gefechten mit Dschihadisten um die Kontrolle im Westen des Iraks. Washington will helfen, aber keine Soldaten schicken.

          Als Nuri al Maliki im Staatsfernsehen den Sieg über die Dschihadisten ankündigte, hatten seine Sicherheitskräfte die Kontrolle über die Stadt Falludscha schon verloren. Der irakische Ministerpräsident ließ am Samstag keinen Zweifel daran, mit eiserner Faust gegen die islamistischen Extremisten vorgehen zu wollen, die seine Regierung in der sunnitischen Westprovinz Anbar herausfordern. „Alle Terrorgruppen“ würden besiegt werden, die Führung in Bagdad werde „nicht nachgeben“, bis dies erreicht und die „Rettung unseres Volkes“ vollendet sei. Der Polizeichef von Anbar teilte am selben Tag mit, seine Männer hätten sich zurückgezogen, die Menschen in Falludscha seien „Gefangene“ der Dschihadisten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Die Gefechte in der Provinzhauptstadt Ramadi und in Falludscha dauerten am Sonntag an. In Ramadi schien die Offensive gegen die Kämpfer der mit Al Qaida verbündeten Extremistengruppe „Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien“ erfolgreicher zu sein. Ein Stammesführer sagte dem Sender Al Arabija, Stammeskämpfer und örtliche Sicherheitskräfte hätten die Extremisten, die zum Teil aus Syrien eingesickert sind, zu 90 Prozent aus Ramadi vertrieben.

          Rauch steigt aus einem Ratsgebäude in Falludscha auf.

          Aus Falludscha waren solche Erfolgsmeldungen ausgeblieben. Ein Bewohner sagte, der Ort gleiche einer Geisterstadt, durch deren leere Straßen nur Dschihadisten patrouillierten. Offenbar erhalten die Kräfte der Regierung dort weniger Unterstützung. Die sunnitischen Stammesführer der Provinz haben wenig übrig für die schiitisch dominierte Führung Malikis, der sie vorwerfen, die Sunniten des Landes zu marginalisieren.

          Maliki hatte Ende Dezember Protestlager der Sunniten in Anbar zu „Extremistennestern“ erklärt und der Armee das Kommando zum Angriff gegeben. Außerdem ließ er einen bekannten sunnitischen Parlamentsabgeordneten festnehmen, es kam zu einer Schießerei, bei der der Bruder des Abgeordneten, eine Schwester und drei Leibwächter getötet wurden.

          Aufruf zum Aufstand

          Stammesführer in Anbar riefen daraufhin zum Aufstand auf. Je mehr die Unerbittlichkeit und Härte, mit der Maliki seine (sunnitischen) Widersacher drangsaliert, unter seinen Anhängern Zustimmung finden, desto mehr entfremden sich die Sunniten, was wiederum den Dschihadisten nutzt. Der Sender Al Dschazira berichtetete am Sonntag, Stammeskämpfer in Falludscha hätten das Militär daran gehindert, in die Stadt zu gelangen – nicht etwa, weil sie die Dschihadisten unterstützten, sondern weil sie Gegner Malikis seien. Die Sicherheitskräfte, die sich an den Stadtrand zurückgezogen hätten, verhandelten mit Stammesführern über eine Zusammenarbeit.

          Patronen liegen nach Kämpfen in der irakischen Stadt Ramadi auf der Straße

          Dass es entscheidend ist, wem die Unterstützung der Stämme gilt, haben schon die Amerikaner schmerzvoll erfahren. Ihre Besatzungstruppen entrichteten im „Sunnitischen Dreieck“ um Ramadi und Falludscha einen hohen Blutzoll; nicht zuletzt Falludscha war Schauplatz erbitterter Kämpfe. Das Blatt wendete sich, als es ihnen gelang, mehrere Stammesführer im Kampf gegen Al Qaida auf ihre Seite zu ziehen.

          Außenminister John Kerry versicherte denn auch am Sonntag, dass die amerikanische Regierung in Kontakt mit den ihr bekannten Stammesführern in der Provinz Anbar stehe. Amerika werde „alles tun, was möglich ist“, um den gegen Al Qaida kämpfenden Milizen und der irakischen Regierung zu helfen. Doch anstatt konkret zu benennen, worin die Hilfe aus Washington besteht, hob der Minister in Jerusalem lieber hervor, was nicht zum Möglichen gehöre: eine Rückkehr amerikanischer Truppen in das Land, das sie vor zwei Jahren verlassen haben, um den Irakern auf dem Schlachtfeld beizustehen. „Es ist ihr Kampf, aber wir werden ihnen bei diesem Kampf helfen“, versicherte Kerry.

          Maliki in Washington - ein unangenehmer Besuch

          Vor zwei Monaten hatte Präsident Barack Obama Maliki nach langer Abwägung die Lieferung von Waffen zugesagt. Der Iraker hatte damals einen Washington-Besuch absolviert, der beiden Seiten eher unangenehm war. Maliki hatte 2011 dafür gesorgt, dass der Irak den Amerikanern kein Abkommen über eine fortgesetzte Truppenstationierung anbot, das für Washington akzeptabel gewesen wäre. Daher tat er sich schwer, angesichts der explodierenden Gewalt Amerika nun doch um militärische Unterstützung zu ersuchen.

          Obama wiederum hatte den Rückzug aus dem Irak als Anfang des Endes einer Kriegsdekade gepriesen – und Maliki als guten Demokraten, der die Volksgruppen versöhne. Doch längst hat der Ministerpräsident die Sunniten entfremdet und mit seinem autoritären Regierungsstil auch Schiiten gegen sich aufgebracht. Senatoren riefen das Weiße Haus auf, Maliki dafür nicht mit amerikanischen Waffen zu belohnen.

          Am Ende gab die uferlose Gewalt aus Syrien den Ausschlag. Obama versprach die Lieferung von Lenkraketen; ein Teil der 75 zugesagten „Hellfires“ wurde offenbar bereits geliefert. Für März ist die Lieferung von Überwachungsdrohnen angekündigt. In Washington wurde säuerlich vermerkt, dass sich Maliki für diese Hilfe bei der Aufstandsbekämpfung nicht sonderlich dankbar gezeigt habe, sondern auf prestigeträchtigeren F-16-Kampfflugzeugen beharre, um eine Luftwaffe aufzubauen.

          Kerry spricht von „Barbarei“

          Seit die Dschihadisten ihre Terrorlager im Westirak verlassen haben, um die beiden Städte nahe Bagdad zu erobern, ist freilich auch mit Hellfire-Raketen nicht mehr viel auszurichten. Außenminister Kerry sprach von einer „Barbarei“ und verkündete: „Dieser Kampf ist größer als der Irak.“ Allerdings hatte er sich auf seiner Pressekonferenz in Jerusalem erst auf Nachfrage überhaupt zum Irak geäußert. Und von Obama heißt es, erstmals verbringe er seinen Weihnachtsurlaub auf Hawaii ohne gravierende politische Störungen.

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