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Irak-Debatte : Vom "Falken" zum Skeptiker: David Kelly

  • Aktualisiert am

David Kelly erhielt vor seinem Tod eine schriftliche Rüge Bild: AP

Seine Rolle in der Debatte um Fälschungen und Übertreibungen von Geheimdienstberichten zu irakischen Massenvernichtungswaffen, trieb den langjährigen Mitarbeiter des britischen Verteidigungsministeriums in den Selbstmord.

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          In den letzten drei Jahren vor seinem Tod war der 59 Jahre alte David Kelly wissenschaftlicher Berater des Sekretariats für Proliferation und Rüstungskontrolle der britischen Regierung. Der Mikrobiologe hatte zuvor, zwischen 1991 und 1998, als Waffeninspekteur im Irak gearbeitet. Die Vereinten Nationen machten ihn 1994 zum Chefberater für biologische Kriegführung im Irak. Diesen Posten bekleidete er bis 1999.

          Nach Angaben der Zeitung "The Independent" gehörte Kelly der Glaubensgemeinschaft der Baha'í an. Er habe sich größte Mühe gegeben, die Iraker zu verstehen, und habe ein offenes Ohr für die Leiden der Bevölkerung unter Saddam Hussein gehabt. In den letzten Jahren habe er sich von einem "Falken" zum Skeptiker entwickelt. Die Inspekteure hätten keine Anhaltspunkte mehr dafür gefunden, daß der Irak Massenvernichtungswaffen entwickele. Deshalb sei es ihm immer schwerer gefallen, der offiziellen Regierungslinie zu folgen.

          Langjährige Arbeit im Verteidigungsministerium

          Kelly arbeitete auch als leitender Inspekteur russischer Anlagen für biologische Kriegführung zwischen 1991 und 1994. Die Inspektionen waren Ergebnis eines Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Rußland. Den größten Teil seines Berufslebens verbrachte Kelly als Bediensteter des britischen Verteidigungsministeriums. Er arbeitete unter anderem im Chemie-Forschungszentrum in Porton Down in der Grafschaft Wiltshire, wo er zum Leiter der Abteilung für Mikrobiologie aufstieg. Er war auch für andere Ministerien und Behörden tätig, stets als Berater für sein Spezialgebiet Rüstungskontrolle. Zu seinen Aufgaben gehörten unter anderem Kontakte mit Journalisten, die etwas über "Verteidigungsangelegenheiten" wissen wollten. Einer dieser Kontakte wurde jetzt dem Vater dreier erwachsener Töchter offenbar zum Verhängnis.

          BBC brachte Kelly in Bedrängnis

          Am 29. Mai berichtete die BBC in ihrem Inlandshörfunk, die Regierung habe ein Geheimdienstdossier über irakische Massenvernichtungswaffen "sexier" gemacht. Als Quelle nannte der Autor des Berichts, Andrew Gilligan, einen "ranghohen" Regierungsbeamten. Zu einer Staatsaffäre wuchs sich die Angelegenheit erst aus, als der BBC-Journalist in einer Zeitung zusätzlich behauptet hatte, die Veränderungen in dem Dossier seien auf Veranlassung von Alastair Campbell, dem Kommunikationsdirektor des Premierministers, vorgenommen worden.

          Am 8. Juli gab das Verteidigungsministerium bekannt, ein Beamter - später wurde der Name David Kelly bekannt - habe freiwillig zugegeben, mit Gilligan gesprochen zu haben. Verteidigungsminister Hoon soll zuvor dafür gesorgt haben, daß drei Zeitungen den Namen Kelly erfahren. Eine Woche später wurde Kelly vom außenpolitischen Ausschuß des Parlaments eingehend befragt. Die Abgeordneten kamen zu dem Schluß, Kelly sei nicht die Quelle des BBC-Berichts. Zwei Tage nach dem Auftritt im Ausschuß verließ David Kelly abends sein Haus und wurde am Freitag in der Nähe tot aufgefunden. Am Sonntag gab die BBC bekannt, der "ranghohe" Beamte sei David Kelly gewesen.

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