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Irak : Das gescheiterte Modell

Wache in Falludscha Bild: dpa/dpaweb

Der Waffenstillstand in Falludscha hätte zeigen sollen, daß Amerika im Irak politische Lösungen aushandeln kann. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

          3 Min.

          Die Widerstandshochburg Falludscha hätte ein Modell werden sollen. Hoffnungsvoll hatten die amerikanischen Besatzer mit den nichtmilitanten Einwohnern der Stadt einen Waffenstillstand ausgehandelt. Das Abkommen schien anzudeuten, daß im Irak - unter Ausschaltung der Extremisten - politische Lösungen möglich sind. Und wenn sie in Falludscha möglich sind, sollte das erst recht auf andere Städte zutreffen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Der friedenswillige Teil der 300.000 Einwohner von Falludscha ist zu schwach, und die Extremisten sind zu stark. Weil sie ihre Waffen nicht abliefern wollten, haben sich die amerikanischen Besatzer in der Nacht zum Mittwoch doch zu dem entschlossen, was sie hatten vermeiden wollen: zum Kampf um eine Stadt und ihre einzelnen Häuser.

          Ein angeblicher Waffenstillstand

          Seit dem 5. April belagern die amerikanischen Besatzer Falludscha. Sie vermuten, daß sich in der Stadt bis zu zweitausend gewaltbereite Extremisten verschanzt haben könnten. Nachdem bei den Kämpfen der ersten Wochen sechshundert Menschen getötet worden waren, haten die Amerikaner über die Vermittlung der „Islamischen Partei“ und der sunnitischen „Vereinigung der muslimischen Theologen“, die ihren Sitz in Falludscha hat, einen Waffenstillstand ausgehandelt.

          Es schien zunächst, als ob die irakischen Unterhändler dazu auch von den Militanten, die sich vor allem im Norden der Stadt versteckt haben, ermächtigt worden waren. Denn einem Angriff der amerikanischen Besatzungsmacht hätten sie wenig entgegensetzen können. Die überlegenen Besatzer aber fürchteten den Blutzoll einer Stadtschlacht.

          Nur „Schrott“ abgegeben

          Die militanten Extremisten haben aber ihre Waffen nicht, wie die Amerikaner in der Waffenstillstandsvereinbarung gefordert hatten, abgeliefert. Was abgegeben worden ist, bezeichneten die amerikanischen Kommandeure als „Schrott“.

          Vermutlich haben die Sympathisanten der Extremisten die Zeit sogar genutzt, um sich außerhalb von Falludscha neu zu organisieren. Auffallend ist, daß es in den vergangenen Wochen, in denen Falludscha umkämpft war, kaum Guerillaangriffe und Attentate im übrigen Teil des sunnitischen Dreiecks gegeben hat.

          Wer sind die Extremisten?

          Unklar ist indessen weiter, wie viele Extremisten sich in der Stadt zusammengezogen haben und wie viele davon dem Terrornetzwerk Al Qaida zuzurechnen sind. Die Vereinigten Staaten behaupten, daß neben Resten der Republikanischen Garden Saddams auch Abu Musab Zarqawi, einer der wichtigsten Anführer von Al Qaida im Irak, an den Kämpfen von Falludscha beteiligt sei.

          Demgegenüber sagt einer der lokalen Stammesführer, Mansur al Hadithi, daß die meisten „Widerstandskämpfer“ aus Falludscha selbst stammten.

          Verlust an Glaubwürdigkeit

          Was ein Modell für politische Lösungen auch in anderen Städten hätte werden können, ist mit der Wiederaufnahme der Bombardierung von Falludscha gescheitert. Zudem sind die irakischen Unterhändler in die Kritik ihrer sunnitischen Glaubensbrüder geraten und haben erheblich an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

          In einem Flugblatt, für das der „Irakische Widerstand in Falludscha“ verantwortlich zeichnet, heißt es, der Waffenstillstand sei „eine Inspiration des Satans“ gewesen. Denn er habe das Machtgleichgewicht zugunsten der Besatzer verändert. „Unsere Mudschahedin hatten die Situation unter Kontrolle, dann hat der Waffenstillstand sie geschwächt“, zitiert der Nachrichtensender Al Dschazira aus dem Flugblatt.

          Beginn des „zivilen Ungehorsams“

          Der Sender ließ Abdaldschabbar Kubaisi zu Wort kommen, den Vorsitzenden der „Nationalen Irakischen Koalition“. Er machte den Waffenstillstand dafür verantwortlich, daß der im ganzen Irak angelaufenen Solidarisierungskampagne für Falludscha der Schwung genommen worden sei.

          Zusammen mit der von Muqtada al Sadr angeführten Erhebung im Südirak und mit den Kämpfen in Bagdad habe es einen „Beginn des zivilen Ungehorsams“ gegeben, behauptet Kubaisi. Das sei durch den Waffenstillstand beendet worden.

          Die Truppen bleiben

          Die Vereinigung der muslimischen Theologen rechnet nicht damit, daß die Amerikaner ihre Truppen in nächster Zeit aus Falludscha abziehen werden. Vielleicht hat sie deswegen für einen Waffenstillstand geworben. Der ist an dem zweiten Geburtstag Saddam Husseins nach dem Fall seines Regimes zusammengebrochen.

          An dem Geburtstag vor einem Jahr hatte die Begeisterung über die Befreiung des Irak gerade in Falludscha ihren ersten Dämpfer erhalten. Damals hatten Demonstranten das Hauptquartier in der Stadt belagert und angegriffen. Die verunsicherten amerikanischen Soldaten erwiderten das Feuer. Seither ist Falludscha nicht zur Ruhe gekommen.

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