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Irak : Böse Erinnerungen an Somalia

  • -Aktualisiert am

Nach den Anschlägen in Falludscha Bild: dpa/dpaweb

Nach den bestialischen Morden von Falludscha versichert die Regierung Bush, sie werde sich nicht einschüchtern lassen. Trotzdem werden bei den Amerikanern Erinnerungen an das Debakel von Mogadischu wach.

          5 Min.

          Die Orgie der Gewalt war gut vorbereitet. Ohne militärische Eskorte näherte sich der kleine Konvoi mit drei zivilen Geländewagen der Stadtmitte. Die vermummten Männer mußten gewußt haben, daß in ihnen amerikanische Geschäftsleute fuhren. Als sie das Feuer eröffneten, konnte der erste Wagen noch beschleunigen und entkommen. Vielleicht wußten sie sogar, daß die vier späteren Opfer für eine Privatfirma aus dem amerikanischen Bundesstaat North Carolina gearbeitet haben, davor aber Berufsoffiziere gewesen waren. Nicht wenige Bewohner von Falludscha waren aber der Meinung gewesen, die vier hätten für den amerikanischen Geheimdienst CIA gearbeitet. Das berichtet die Zeitung "New York Times".

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Plötzlich war die breite Straße voller wütender Menschen. Rasch herbeigeeilte Kameraleute filmten, was geschah und an Barbarei kaum zu überbieten ist: Bewohner von Falludscha lynchten die noch lebenden Insassen der beiden anderen Wagen. Danach banden sie einen Leichnam an ein Auto, an dem das Bild des ermordeten Hamas-Führers Jassin hing, und schleiften den Toten durch die Straßen. Zwei völlig verstümmelte Leichen hängten sie, geschlachteten Schafen gleich, an ihren Füßen auf. Kinder und Erwachsene tanzten um dabei und schrien: "Falludscha, das Grab der Amerikaner."

          "Es sieht aus wie in Mogadischu"

          In den Vereinigten Staaten weckten die Bilder aus Falludscha böse Erinnerungen. "Es sieht aus wie in Mogadischu", äußerten zahlreiche Amerikaner gegenüber den Medien. Die damaligen Aufnahmen von dem Mob, der die Leiche eines amerikanischen Soldaten 1993 durch die Straßen Mogadischus schleifte, haben sich tief in die amerikanische Psyche eingegraben. Die Bevölkerung war damals schockiert von dem Haß, der aus den Bildern sprach, und der Kongreß war empört. Der Druck auf die damalige Regierung wurde schließlich so stark, daß sich Präsident Clinton gezwungen sah, die amerikanischen Truppen, die einen UN-Einsatz in Somalia unterstützten, 1994 aus dem Land abzuziehen.

          Doch einen Rückzug aus dem Irak werde es nach dem Attentat in Falludscha nicht geben, versicherte die amerikanische Regierung jetzt. "Die Feinde des Friedens wollen unseren Willen erschüttern, aber das schaffen sie nicht", teilte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, in Washington mit. Er wiederholte, was die Regierung schon so oft gesagt hat, wenn sich im Irak wieder einmal ein besonders blutiger Anschlag ereignete: daß Amerika sich nicht einschüchtern lasse, daß die Demokratie im Irak Fuß fasse und daß es keinen Weg zurück gebe. "Die Iraker wollen, daß wir bleiben und die Arbeit zu Ende führen, und das werden wir tun", bekräftigte McClellan.

          Grausame Einzelheiten ersparen

          In der amerikanischen Bevölkerung haben die Bilder aus Falludscha bei einigen Zweifel an dem Irak-Einsatz gestärkt, zumal bei jenen, die ohnehin Bushs Irak-Politik kritisieren. Andere äußerten dagegen, daß es bedauerlicherweise keinen Krieg ohne Opfer gebe. Doch wurde die amerikanische Öffentlichkeit bislang auch kaum mit Aufnahmen von getöteten amerikanischen Soldaten oder auch von getöteten amerikanischen Zivilisten konfrontiert. Die amerikanischen Fernsehsender haben sich bis zu den Ereignissen in Falludscha im wesentlichen darauf beschränkt, Bilder von umgekommenen Irakern zu zeigen. Daß die jüngsten Fernsehbilder von den verbrannten Leichen der Regierung Bush alles andere als willkommen sind, zumal mitten im Präsidentschaftswahlkampf, verhehlte auch McClellan nicht.

          "Ich hoffe, daß jeder bei seiner Berichterstattung verantwortungsvoll handelt", mahnte der Sprecher des Weißen Hauses Journalisten. Ungeachtet dieser Mahnungen veröffentlichte zum Beispiel die Zeitung "Washington Post" dennoch auf der Titelseite ein Farbfoto von dem wütenden Mob, der auf die verkohlten Leichen in Falludscha einschlug. Andere Zeitungen, wie die "New York Times" und die "Los Angeles Times", entschieden dagegen, die grausige Szene erst auf hinteren Seiten abzubilden. Einige Fernsehsender hatten zunächst erwogen, ganz auf die Videoaufnahmen aus Falludscha zu verzichten, beschränkten sich dann aber darauf, einige Bilder zu verzerren, um dem amerikanischen Zuschauer grausame Einzelheiten zu ersparen.

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