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Irak : Al Sadr droht Amerikanern im Freitagsgebet

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Al Sadr: „Wir werden unser Blut vergießen” Bild: AP

Während es in Kerbela abermals zu heftigen Gefechten der Besatzungstruppen mit der Miliz von Muqtada al Sadr gekommen ist, erwägt Washington inzwischen, tausende frühere Mitglieder von Saddam Husseins Baath-Partei zu begnadigen.

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          Der radikale Schiiten-Führer Muqtada al Sadr hat den amerikanischen Besatzungstruppen im Irak am Freitag mit Selbstmordanschlägen gedroht, sollten sie Nadschaf angreifen. Nadschaf werde niemals an die Besatzer fallen, sagte Al Sadr vor tausenden Gläubigen bei den Freitagsgebeten in Kufa, das ganz in der Nähe der den Schiiten heiligen Stadt liegt.

          Al Sadr führt den Aufstand der Schiiten gegen die Besatzungstruppen an. Die Amerikaner wollen gegen ihn ein Haftbefehl vollstrecken. Die schiitiasche Mehdi-Miliz liefert sich immer wieder Gefechte im Süden und im Zentrum des Irak mit den Besatzungstruppen. Am Freitag wurde dabei in Kerbela südlich von Bagdad ein bulgarischer Soldat getötet. Die Miliz habe die Soldaten der Allianz mit Sturmgewehren und Granaten angegriffen und zwei Militärfahrzeuge zerstört, berichteten Augenzeugen und die irakische Polizei.

          „Wir werden unser Blut vergießen, um unsere heilige Stadt zu behalten", rief Al Sadr. „Viele Gläubige, Männer und Frauen, sind zu mir gekommen und haben mich um die Erlaubnis gebeten, Märtyrer zu werden und Taten von Märtyrern zu vollbringen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten warten. Aber wenn es einen Angriff auf unsere Städte gibt oder auf unsere religiöse Obrigkeit, werden wir Zeitbomben sein, und wir werden nicht aufhören, bevor wir die Truppen der Feinde zerstört haben.“

          Die Anschläge im Irak reißen nicht ab

          Amerika will Baath-Funktionäre begnadigen

          Die amerikanische Regierung erwägt unterdessen, mehrere tausend Mitglieder der ehemals regierenden Baath-Partei des gestürzten Staatschefs Saddam Hussein zu begnadigen. Vor allem Lehrer, aber auch Armeeoffiziere sollen ihre Arbeitsplätze zurückerhalten, wie der irakische Regierungsrat unter Berufung auf dem amerikanischen Zivilverwalter Paul Bremer am Freitag mitteilte. Auch ranghohe Offiziere der aufgelösten irakischen Streitkräfte sollen neue Aufgaben erhalten.

          Die Einbeziehung von Funktionären und Mitgliedern der ehemaligen Staatspartei in den Wiederaufbau wäre eine Kehrtwende in der bisherigen Irak-Politik Amerikas. Der amerikanische Zivilverwalter Paul Bremer hatte am 16. Mai vergangenen Jahres die Auflösung der Partei verfügt. Nach Bremers Erlaß wurden alle Parteimitglieder aus den Führungspositionen in Ministerien, Universitäten und Krankenhäusern entfernt.

          Die amerikanische Regierung plant nach Angaben der Zeitung „USA Today“ den Aufbau einer irakischen Freiwilligen-Truppe für den Kampf gegen die Aufständischen. Die geplante Elitestreitmacht aus Freiwilligen solle besonders schlagkräftig ausgerüstet werden. Die Freiwilligen-Truppe solle aus Personal der regulären irakischen Armee rekrutiert werden. „Wir haben es bisher nicht richtig angefaßt“, zitierte die Zeitung General Paul Eaton, der für die Ausbildung der neuen Kräfte zuständig ist. „Wir brauchen einen neuen Ansatz.“

          Laut Medienberichten will Washington auch den Einfluß der geplanten Übergangsregierung im Irak nach dem 30. Juni begrenzen. Wie die „Washington Post“ am Freitag unter Berufung auf Außenamtsstaatssekretär Marc Grossman berichtete, soll das Gremium keine neuen Gesetze auf den Weg bringen dürfen. Außerdem würden die amerikanischen Streitkräfte die Kontrolle über die Sicherheit im Irak behalten. Die amerikanische Botschaft in Bagdad solle personell aufgestockt werden und ihren Einfluß bei Entscheidungen geltend machen.
          Nach Angaben der Tageszeitung „New York Times“ ist das Weiße Haus nicht einig, an wen die Macht am 30. Juni übergeben werden soll. Der bisherige provisorische Regierungsrat soll durch eine Übergangsregierung ersetzt werden.

          Spannungen nehmen zu
          Unterdessen nahmen die Spannungen im Irak rund um die von amerikanischen Truppen belagerte Stadt Falludscha wieder zu. Die amerikanische Militärführung forderte die Aufständischen in der Sunniten-Hochburg abermals dazu auf, ihre Waffen abzugeben. Andernfalls würden „andere Optionen erwogen, inklusive die Wiederaufnahme der Offensivoperationen“, sagte ein amerikanischer Militärsprecher in Bagdad.

          Rund 2000 amerikanische Marineinfanteristen belagern Falludscha seit Anfang April. Bei einer ersten Angriffswelle waren nach Krankenhausangaben mehr als 600 Menschen umgekommen, darunter viele Zivilisten. Die amerikanischen Truppen setzten daraufhin ihre Offensive aus, hielten aber den Belagerungsring aufrecht. Anfang der Woche einigte sich das amerikanische Militär mit Würdenträgern aus Falludscha darauf, daß die Aufständischen ihre Waffen niederlegen und das Militär die Belagerung für Zivilisten etwas lockert.

          Bemühungen um Stabilität

          Nach einem Aufruf von Stammesführern in Nadschaf zu einem Ende der Gewalt hat der Präsident des irakischen Regierungsrats, Massud Barsani, neue Bemühungen der Sicherheitskräfte bestätigt. Das Innenministerium und seine Abteilungen versuchten nach Kräften, Sicherheit und Stabilität in Nadschaf und anderen Städten zu schaffen, in denen Milizionäre des schiitischen Predigers Muktada El Sadr aktiv sind, erklärte Barsani am Donnerstag in einem Brief an die Stammesführer.

          Bundesgrenzschützer wahrscheinlich tot

          Unterdessen bestätigte Innenminister Schily am Donnerstag abend vor ausländischen Journalisten, daß die beiden im Irak vermißten Bundesgrenzschützer „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ tot sind. Die Bundesgrenzschutzbeamten waren Anfang April verschwunden, als sie in einem Konvoi vom jordanischen Amman in die irakische Hauptstadt Bagdad unterwegs waren. Sie sollten routinemäßig Sicherheitskräfte an der deutschen Botschaft in Bagdad ablösen. Der Bundesgrenzschutz ist mitverantwortlich für den Schutz von mehr als 50 deutschen Auslandsvertretungen.

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