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IRA : Geldwaschmaschine im Schleudergang

  • -Aktualisiert am

26,5 Millionen Pfund Fluchtgeld aus dem bisher größten Bankraub hat zu Geldwäsche im großen Stil geführt. Die „Geldverstopfung“ offenbart die Schattenwirtschaft. London und Dublin wollen hart durchgreifen.

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          Ein schwarzer Jeep, den die Dubliner Polizei an den Straßenrand gewinkt hatte, gibt einem irischen Untersuchungsrichter gerade eine Menge Rätsel auf.

          Das Auto war aus Nordirland, der Fahrer aus dem Süden. Der Mann hatte zwar sechs Mobiltelefone, wollte aber nicht reden. Er ist Koch, doch in seiner Reisetasche hatte er nur einen Jumbo-Waschpulverkarton der Marke Daz. Als die Beamten den Karton aufzupften, sahen sie, daß er vollgestopft war mit 94.000 Euro. Dieses Daz hatte heute einen ganz besonderen Stoff gewaschen: Geld.

          „Jerry McCabe, Versorgungsoffizier der Polizeikantine“

          Auf einem der Handys rekonstruierte die Polizei einen Text: „Finde einen guten Kurs für 100. Wenn er nicht gut ist, hauen wir ab. Gemeint waren natürlich 100.000. Die eingebaute Lachnummer, das Waschgeldversteck im Daz-Karton, scheint anzudeuten, daß die Leute, die auf derart großem Fuß waschen, Humor haben. Welche Sorte von Humor das ist und welche Art von Leuten das sind, verrät der letzte Hinweis.

          Der festgenommene Hotelkoch namens Bullman hatte sein Tauschgeschäft auf einer Fachmesse für Speisen und Getränke abgewickelt, für die er sich angemeldet hatte als „Jerry McCabe, Versorgungsoffizier der Polizeikantine . Die „Polizeikantine hätten die Beamten ihm noch durchgehen lassen, wenn auch ergrimmt; den „Jerry McCabe aber nicht. Das war einer von ihnen gewesen, ein Kamerad, der von Leuten wie Bullman erschossen worden war.

          Anstrengende Wäsche

          Aus dem Untergrund der geteilten Insel quillt plötzlich Geld, und immer mehr Leute scheinen es auf jede nur denkbare Weise loswerden zu wollen. In einem Hinterhof von Cork wurde ein junger Mann überwältigt, der seine Maschinenpistole neben sich gelegt hatte und gerade dabei war, sackweise Pfundnoten zu verbrennen. All das sind die Nachwehen des größten Bankraubs der hiesigen Geschichte, der am 20. Dezember in Belfast verübt worden war. Jener Bullman ist nur eines der kleinsten Rädchen einer Waschmaschine von kaum vorstellbaren Ausmaßen, die seither auf Hochtouren läuft.

          Ein harmloses Vorbeben hatten Kassen und Überwachungskameras nordirischer Parkhäuser schon am 21. Dezember registriert. Immer mehr Kunden parkten immer kürzer. Für ein paar Minuten Standzeit wurde ein Zwanzigpfundschein in den Automaten geschoben und das Wechselgeld geerntet. Bis sie zu auffällig wurde, hat diese einfachste Methode bestimmt ein paar Säcke voll sauberer Ware erbracht. Das Problem ist nur, es muß unmenschlich viel Geld gewaschen werden, 26,5 Millionen Pfund.

          Saubermänner werden zu Kollateralschäden

          Am anderen Ende der Liste ertappter Saubermänner erscheinen deshalb plötzlich auch Namen wie Phil Flynn. Sein Rücktritt als Bankdirektor hatte vor ein paar Tagen die ganze irische Gesellschaft erschreckt - diesmal die gute, nicht die andere. Flynn hat zwar eine republikanische Vergangenheit, ist aber seit mehr als zehn Jahren geläutert. Heute ist oder vielleicht war er der angesehenste Bankier der Republik, Berater des Dubliner Ministerpräsidenten Ahern, geachtete Stütze der Gesellschaft und Gönner der Gewerkschaftsbewegung. Ihm selbst wird derzeit gar nichts vorgehalten. Doch er hat Geschäftsverbindungen zu einem anderen Finanzier namens Cunningham, in dessen Garage in Cork die Polizei gerade 17 Müllsäcke mit 2,3 Millionen Pfund entdeckt hatte.

          Funde dieses Kalibers und Rücktritte dieser Art häufen sich. Schon in normalen Verhältnissen sind finanzielle Organisationen weiter vernetzt, als arglose Teilhaber wissen. Der vorläufig letzte Kollateralschaden ist ausgerechnet der Chef der nordirischen Polizeiverwaltung, Sir Desmond Rea; er hat hastig das Amt des Direktors einer Belfaster Baufirma niedergelegt. Eine andere Verästelung soll bis nach England hinüberreichen und einen Ehrenmann in Verlegenheit bringen, der sogar beweisen kann, daß er der argloseste Mann der britischen Gegenwart sei: der vorige Ehemann der Frau Camilla Parker Bowles.

          Ausruf des Glasnost

          Über das stille Geld der IRA werden Legenden erzählt. Manche schätzen, die Organisation setze jedes Jahr zwischen zehn und dreißig Millionen Pfund um. Nur ein Teil davon stamme aus kriminellen Quellen wie Bankraub, Benzinschmuggel, Schutzgelderpressung und dergleichen. Ein anderer Teil ist mittlerweile legal, wenn auch vielleicht mit Hilfe artistischer Buchführung. In Derry munkelt man, die Bomber der IRA hätten die Stadt nur deshalb verschont, weil die meisten Geschäfte sowieso ihr gehörten. Es heißt, die Behörden wüßten mehr, als ihnen lieb sei, drückten aber um des nordirischen Friedens willen die Augen zu. Schließlich machten die protestantischen Dunkelmänner ihr Geld nicht anders.

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