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Asylantrag in Neuseeland : Der erste Klimaflüchtling

Monotonie in der Südsee, Melancholie bei dreißig Grad: Im kiribatischen Schutzgebiet Phoenix Islands Bild: Reuters

Die Inseln Kiribatis versinken allmählich im Meer. Ioane Teitiota ist darum nach Neuseeland geflohen. Er will dort als erster Klimaflüchtling der Welt anerkannt werden.

          Der Wind weht Ioane Teitiotas dichten schwarzen Haarschopf durcheinander. Seine Hände steckt er tief in die Hosentaschen. 16 Grad Lufttemperatur, das ist für den auf einer Tropeninsel Kiribatis geborenen Mann ziemlich kalt. An seinen Füßen trägt er trotzdem nicht mehr als ein Paar Sandalen. Es gibt Gewohnheiten, die nur schwer abzulegen sind, auch oder gerade in der Fremde. Teitiota steht neben seiner Ehefrau Angua auf einem Parkplatz in Glenbrook, einem ländlichen Vorort der größten neuseeländischen Stadt Auckland. Hinter ihnen erstreckt sich grünes Weideland meilenweit über den Horizont.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Früher schauten sie über den weiten, blau-türkisen Ozean. Doch das Meer, das für die Insulaner Kiribatis über Jahrhunderte Quelle ihres Lebens war, auf das sie mit ihren Booten zum Fischen hinausfuhren, ist für die Einwohner zu einer potentiellen Bedrohung geworden. Häuser wurden durch Überflutung zerstört, das Trinkwasser vom Meer versalzen. „Wir haben Angst, dass der Meeresspiegel weiter steigt“, sagt Teitiota mit sanfter Stimme. Der 38 Jahre alte Mann aus dem südpazifischen Inselstaat Kiribati ist groß und kräftig, aber ziemlich schüchtern.

          Höhere Bevölkerungsdichte als in Tokio

          In Kiribati steht das Haus seiner Familie in unmittelbarer Küstennähe. Das Wasser dort steht nicht selten bis zu den Knien. Die 32 Korallenatolle und eine Koralleninsel seiner Heimat sind entlang des Äquators wie kleine Punkte über ein gewaltiges Seegebiet verstreut, etwa auf halbem Weg zwischen Hawaii und Australien.

          Ihre Landfläche beträgt zusammen 810 Quadratkilometer. Die Hälfte der Bewohner lebt auf der Insel Süd-Tarawa, die auch Hauptstadt ist. Die Bevölkerungsdichte ist dort mittlerweile höher als die von Tokio. Die Insel ragt am höchsten Punkt nur drei Meter aus dem Wasser, das gesamte Land im Durchschnitt nur zwei Meter. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern könnte Kiribati binnen weniger Jahrzehnte im Ozean versunken sein.

          Leben im Evakuierungszentrum

          Ioane Teitiota versucht, als erster Mensch der Welt in Neuseeland offiziell als Klimaflüchtling anerkannt zu werden. Er sagt, dass aufgrund des steigenden Meeresspiegels ein Überleben in seiner Heimat unmöglich werde. Vor allem seinen Kindern will er eine Rückkehr deshalb nicht zumuten, sagt er. Riango, zwei Jahre alt, und Tebukaiti, vier, laufen zwischen seinen Beinen hin und her. Die sechs Jahre alte Tochter Yolisa spielt im Inneren eines Gemeindesaals in Glenbrook mit einem Luftballon. An diesem Sonntag treffen sich hier Ioane, seine Familie und andere Asylsuchende aus dem überwiegend christlichen Inselstaat zu einem Gottesdienst.

          Während die Kinder im Saal herumtollen, sind ein paar Frauen in der Küche mit der Vorbereitung des Mittagessens beschäftigt. Wohlriechender Dampf weht herüber, die Stimmung ist ausgelassen. Trotzdem wirkt alles wie in einem Evakuierungszentrum. Viele der Flüchtlinge haben sich auch in den Innenräumen in dicke Jacken gehüllt. Die Männer lungern gelangweilt auf den Stühlen herum und trinken Kaffee.

          Auf dem Boden sind Matratzen und Decken ausgebreitet. Es sind Menschen, die wohl nicht nur auf der Suche nach einer besseren Zukunft nach Neuseeland gekommen sind, sondern überhaupt auf der Suche nach einer Zukunft sind. In ihrer Heimat gibt es keine Arbeit. Es herrscht Überbevölkerung, Bau- und Ackerland werden immer spärlicher.

          Klimawandel in der Gegenwart

          Nach Angaben des Weltklimarats IPCC sind die kleinen Inselstaaten wie Kiribati, Tuvalu und die Marshallinseln wegen ihrer niedrigen Küsten besonders stark von einem steigenden Meeresspiegel bedroht. Er soll bis zum Jahr 2100 um 26 bis 81 Zentimeter höher liegen. Die Häufigkeit von Unwettern und Naturkatastrophen wird zunehmen. „Für uns ist der Klimawandel keine Sache der Zukunft. Es ist ein Ereignis, mit dem wir jetzt zu kämpfen haben“, sagte Kiribatis Präsident Anote Tong kürzlich in einem Fernsehinterview.

          Den Bewohnern seines Landes werde nichts anderes übrigbleiben, als in andere Länder zu flüchten, sagte der Präsident. Seine Regierung hat deshalb auf Fidschi ein großes Grundstück gekauft, auf dem zunächst Nahrungsmittel angebaut werden, wo in Zukunft aber auch Bürger angesiedelt werden könnten.

          Familie droht Abschiebung

          „Auswandern mit Würde“ heißt ein Bildungsprogramm, das der Präsident gestartet hat. Für die Menschen im Gemeindesaal von Glenbrook bedeutet das auch, dass sie den Kindern etwas von der Kultur der Heimat und christliche Werte zu vermitteln versuchen. Denn auch Teitiotas Kinder sind in Neuseeland geboren. Bislang ist unklar, ob sie auch noch zum Ende dieses Jahres dort sein werden. Teitiotas Asylantrag wurde vor einem Jahr zum ersten Mal abgewiesen.

          Ist Ioane Teitiota der erste Klimaflüchtling der Welt?

          Im Mai dieses Jahres scheiterte dann auch das Berufungsverfahren. Der Familie drohte damit Abschiebung noch vor dem Jahresende. Nun aber will Teitiotas Rechtsanwalt Michael Kidd vor dem obersten Gerichtshof noch einmal Berufung einlegen. Der Anwalt sagt, dass Industriestaaten wie Neuseeland durch den jahrzehntelangen Ausstoß von Kohlendioxid für den Klimawandel verantwortlich seien.

          Indirekt sei Ioane Teitiota deshalb einer „Verfolgung“ ausgesetzt. Es ist eine Argumentation, der die Richter bisher nicht folgen wollten. Sie sind der Meinung, dass Teitiota kein Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention ist. Demzufolge gilt als Flüchtling, wer aufgrund seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung Verfolgung fürchten muss.

          Es gab schon früher Stürme und Überschwemmungen

          Von Einflüssen durch die Umwelt und das Klima ist in der 1951 verabschiedeten Konvention aber keine Rede. Teitiotas Anwalt hält sie deshalb für überholt. Auch Fachleute sehen eine „Lücke“ in den bestehenden internationalen Schutzmechanismen für Flüchtlinge. Sie warnen aber davor, die bestehenden Konventionen zu verändern. Anders als beabsichtigt, könnte dies nämlich eher zu einer Verschlechterung der darin verbrieften Rechte anstatt zu einer Verbesserung führen. Sie setzen daher weiter auf die bestehende Konvention, aber auf eine bessere Umsetzung der Flüchtlingsrechte.

          Selbst Flüchtlingslobbyisten fällt es allerdings schwer, eine Antwort auf das Problem zu finden. Klimawandel als Fluchtgrund ist nur schwer nachzuweisen. Selbst wenn etwa Stürme und andere Naturkatastrophen zunehmen, lässt sich ein einzelnes Ereignis, ein einzelner Taifun oder eine bestimmte Dürreperiode nicht unbedingt direkt auf die Veränderungen im Klima zurückführen. Schließlich hat es auch früher schon Stürme, Trockenperioden und Überschwemmungen gegeben, deren Entstehung stets sehr komplex ist. Niemand kann genau sagen, ob ein Mensch vor allem wegen einer Naturkatastrophe vertrieben wurde oder ob auch andere Faktoren eine Rolle spielen.

          Steigende Aufmerksamkeit für das Problem

          Dennoch gilt es als sicher, dass Fälle wie der von Ioane Teitiota statistisch zunehmen werden. Nach Berechnungen internationaler Organisationen könnte es bis zum Jahr 2050 insgesamt 150 bis 300 Millionen Menschen auf der Erde geben, die aufgrund verschlechterter Umweltbedingungen ihre Heimat verlassen haben. Mit ihrer relativen Nähe zu den besonders gefährdeten Inseln im Pazifik bekommen Länder wie Australien und Neuseeland dies nur als erste zu spüren. So hatte die Regierung von Tuvalu im Jahr 2001 bereits vorsorglich versucht, für die gesamte Bevölkerung in Neuseeland Asyl zu beantragen.

          Auch dank solcher Aktionen hat die Aufmerksamkeit für das Problem in den vergangenen Jahren zugenommen, auch wenn dieses Thema bei der in der kommenden Woche anstehenden UN-Klimakonferenz im peruanischen Lima wohl nur am Rand behandelt werden wird. Vor kurzem ernannte das amerikanische Magazin „Foreign Policy“ Ioane Teitiota zu einem seiner hundert „globalen Denker“, weil dieser den Begriff „Klimaflüchtling“ zuerst in die Welt gebracht habe.

          „Und was ist mit uns?“

          Ioane Teitiota war allerdings schon vor etwa sieben Jahren über Fidschi nach Neuseeland gekommen. Die Reise von Kiribati hatte damals etwa sechs Stunden gedauert. Er bekam einen Job auf einer Baustelle und eine Aufenthaltsgenehmigung. Doch die ist schon im Jahr 2010 abgelaufen. Seither lebt die Familie illegal in Neuseeland. Teitiota pflückt nun auf einem Biobauernhof außerhalb von Auckland Gemüse und wartet auf das Berufungsverfahren in letzter Instanz.

          Etwas Hoffnung gibt ihm ein Urteil vom Juni, bei dem die Folgen des Klimawandels zumindest als einer von mehreren Asylgründen anerkannt worden waren. Die neuseeländischen Richter hatten einer Familie aus Tuvalu Bleiberecht gewährt, unter anderem, weil die Familie „von Naturkatastrophen und den nachteiligen Folgen des Klimawandels gefährdet“ sei. Die gewichtigeren Gründe für die Gewährung des Asyls waren aber die Familienumstände.

          „Und was ist mit uns? Unser Fall ist der gleiche“, sagt Ioane Teitiota dennoch trotzig. Er sagt, auch die anderen Migranten aus Kiribati verfolgten seinen Fall mit großer Spannung. Einige von ihnen sitzen auf Plastikstühlen in dem improvisierten Gemeindesaal von Glenbrook. Der Gottesdienst beginnt mit einem mehrstimmigen Gesang. Es folgt die Begrüßung des Sitznachbarn mit einem Handschlag.

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