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Interview mit Jasmila Žbanić : „In Srebrenica sind wir alle Verlierer“

Gedenken an das Massaker: Eine überlebende bosnische Muslima betet in Srebrenica vor den Gräbern ihrer getöteten Angehörigen Bild: AFP

Jasmila Žbanićs Spielfilm über das Massaker von Srebrenica spaltet Bosnien. Im Interview sagt die Regisseurin: „Wenn Srebrenica jetzt wieder geschähe, würde die EU wiederum keinen Finger rühren.“

          4 Min.

          Frau Žbanić, Sie sind das Wagnis eingegangen, einen Spielfilm über das Massaker von Srebrenica zu drehen. Wie lässt sich die Geschichte dieses Verbrechens erzählen?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ich habe von Anfang an klargemacht, dass ich nie in der Lage sein würde, die Fülle dessen, was in Srebrenica geschehen ist, auf die Leinwand zu bringen. Es wurden 30.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben, jede Person hat jemanden, der getötet wurde, und die meisten Menschen haben Dutzende getöteter Familienmitglieder. Alle haben ihren Lebensgeschichte, ihren Charakter, ihre Schmerz. Meine größte Anstrengung galt der Frage, wie die Gefühle und Dilemmata dieser Menschen einem Publikum nahegebracht werden können, das in seiner Mehrheit solche Schrecken nicht hat erleben müssen. Wie kann man diese Zahlen und große Wörter wie ,Völkermord‘ in eine menschliche Geschichte verwandeln? Und warum sollte das Publikum diesen Film sehen, wenn er uns nichts über unser heutiges Leben erzählt? Ich glaube, Srebrenica ist heute relevant, weil es zeigt, wie fragil die Institutionen sind, die uns beschützen sollen. Vor unseren Augen brachen die Vereinten Nationen zusammen, brachen die Versprechen zusammen, dass die Menschen sicher sein würden. Woran kann man glauben, wenn alles, was wir als menschliche Zivilisation geschaffen haben, durch die Macht der Gewalt demontiert wird? Ich denke, dass ist die Frage unserer Zeit. Und anders, als es viele Westler darstellen, geht es dabei eben nicht um irgendwelche Balkan-Stämme, die sich bekämpfen. Donald Trump, Viktor Orban, Wladimir Putin und andere zerstören die Institutionen hier und jetzt. Das passiert, wenn wir keinen Weg finden, um unsere fragilen Institutionen zu schützen. Mein Film zeigt, was passiert, wenn wir nicht rechtzeitig reagieren.

          Regisseurin Jasmila Žbanić

          Was sind die spezifischen Schwierigkeiten oder potenzielle Fallen beim Erzählen von Srebrenica?

          Ich hatte von Anfang an das Gefühl, durch ein Minenfeld zu gehen. Weil Srebrenica ein so riesiges politisches Thema ist und es immer noch einen großen Streit um die Perspektive gibt. Obwohl der internationale Gerichtshof festgestellt hat, dass das, was in Srebrenica passiert ist, Völkermord war, gibt es Erzählungen, die es vermeiden, die Morde in Srebrenica als Genozid anzuerkennen. Der Bürgermeister von Srebrenica, das heute zur bosnischen Serbenrepublik gehört, bestreitet dies beispielsweise. Der Kampf der offiziellen politischen Sichtweisen dauert an. Als Filmemacherin beschloss ich, die Geschichte einer Person und ihres Schicksals zu erzählen – also musste ich der dramaturgischen Wahrheit des Films folgen und gleichzeitig den historischen Fakten treu bleiben. Meine Hauptfigur ist Aida, eine Frau, die als Übersetzerin für die Vereinten Nationen arbeitet. Ihre zwei Söhne und ihr Ehemann sind unter den Flüchtlingen, aber sie steht auch auf der anderen Seite, weil sie für niederländischen Befehlshaber der Blauhelmtruppe übersetzt. Sie ist zwischen zwei Welten, und das macht das Drama noch komplizierter.

          Was bedeutet das Massaker für Bosnien – und was sollte es für Europa und die Welt bedeuten?

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