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Regionalwahl in der Lombardei : „Mailand sollte die Stadt der Frauen werden“

Francesco Airoldi ist 48 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er arbeitet für den Nationalen Forschungsrat, einer italienischen Behörde zur Förderung der Wissenschaft. Bild: Anna-Lena Ripperger

Die Lombardei ist eine der wohlhabendsten Regionen Italiens. Sie trägt fast ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Trotzdem wünscht sich ein Mailänder Familienvater einen Richtungswechsel – und einen sozialdemokratischen Regionalpräsidenten.

          Zwei Tage vor der italienischen Parlamentswahl und der Regionalwahl in der Lombardei steht Francesco Airoldi am Ausgang der Mailänder U-Bahn-Station Porta Genova und verteilt Flugblätter für den Kandidaten des Partito Democratico. Während zwei Meter neben ihm Drogenhändler ihre Ware tauschen und schick gekleidete Mailänder zum Aperitivo eilen, erklärt er, warum die Wahlen am Sonntag die wichtigsten seit langem sind.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Im Schatten der italienischen Parlamentswahlen droht die Regionalwahl in der Lombardei ein bisschen unterzugehen. Warum sollten die Lombarden sie trotzdem ernst nehmen?

          Unsere Region muss sich verändern, ihre Verwaltung muss sich verändern. Mailand war schon immer ein wichtiger Bezugspunkt für ganz Italien, mit einer starken Wirtschaft, innovativen Ideen, aber auch, was das ehrenamtliche Engagement angeht, die Solidarität mit den Schwächeren. Um diesen Weg weiterzugehen, braucht Mailand eine starke Region im Rücken, die auf europäischer Ebene konkurrenzfähig ist.

          Und bisher ist sie das nicht? Im Rest von Italien hält man die Lombardei fast schon für ein Paradies.

          Im Verhältnis geht es uns relativ gut, das stimmt. Aber das heißt nicht, dass wir nicht an uns arbeiten müssten, zum Beispiel im Gesundheitswesen. Wir haben zwar renommierte Krankenhäuser und eine gute Versorgung, aber die Wartezeiten sind viel zu lang. Niemand mit Brustkrebsverdacht sollte monatelang auf eine Mammographie warten müssen. Ein anderes Beispiel ist der Verkehr: In der Po-Ebene gibt es so gut wie keinen Wind, das ganze Jahr über nicht. Deshalb können wir es uns nicht leisten, die Luft noch länger zu verschmutzen. Und diese beiden Aufgaben, die Steuerung von Mobilität und Gesundheitswesen, die liegen nach italienischem Recht in den Händen der Region Lombardei.

          Die bislang von Roberto Maroni von der rechtspopulistischen Lega regiert wurde, die in den Umfragen zuletzt vorne lag.

          Die rechten politischen Kräfte sind leider stark in der Lombardei. Und indem Matteo Salvini den zweiten Teil des Parteinamens – „Nord“ – gestrichen hat, hat er die Lega zu einem Sammelbecken nicht nur für rechtspopulistische, sondern für rechtsextreme Kräfte gemacht. Solche engstirnigen Leute, die gegen Migranten hetzen und „Italiener zuerst“ rufen, können einer Region wie der Lombardei, die vom Austausch mit anderen Kulturen immer profitiert hat, nur schaden. Deswegen unterstütze ich den Kandidaten des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), Giorgio Gori.

          Gori ist den Umfragen zufolge zwar beliebter als der Mitte-Rechts-Kandidat Attilio Fontana, dessen rassistische Kommentare auch in Deutschland Schlagzeilen machten. Aber in den Umfragen liegt das Mitte-Rechts-Bündnis trotzdem vorne.

          Giorgio Gori ist nicht nur Bürgermeister von Bergamo, er hat auch Erfahrungen als Unternehmer. Bevor er in die Politik eingestiegen ist, hat er erfolgreich eine Fernsehproduktionsfirma aufgebaut. Er ist jemand, der den Unternehmergeist, für den Mailand und die Lombardei stehen, authentisch verkörpern kann. Deshalb werbe ich für ihn, Mitglied des PD bin ich nicht. Auch wenn Matteo Renzi und Paolo Gentiloni viel dafür getan haben, dass Italien nach der größten Wirtschaftskrise unsere Geschichte wieder auf die Beine kommt.

          Der Campus der Mailänder Universität Bicocca

          Was wünschen Sie sich für Mailand, für Ihre Region?

          Meine Vision ist, dass Mailand ein zweites Berlin wird, eine Stadt, die sich ständig neu erfindet, die die Leute gerne besuchen, weil es hier Dinge zu entdecken gibt, nicht nur Shopping in der Via Montenapoleone. Die Expo 2015 hat schon ihren Teil dazu beigetragen, jetzt brauchen wir neue Visionen. Wir könnten zum Beispiel die Stadt der Frauen werden. Mailand ist für Frauen eine sichere Stadt, eine, in der sie Beruf und Familie vereinbaren können – was in anderen Teilen Italiens schwierig bis unmöglich ist. Wir Mailänder könnten da Vorreiter werden und uns so auch auf europäischer Ebene ein Alleinstellungsmerkmal sichern. Vorbild könnte die jüngste unserer Universitäten sein: Die Bicocca wurde erst 1998 gegründet und hat sich in vielen Forschungsbereichen schon einen wahnsinnig guten Ruf erworben – und sie wird derzeit von zwei Frauen geführt.

          Referendum über mehr Autonomie

          Am 22. Oktober 2017 hat die norditalienische Region Lombardei in einer Volksabstimmungen mit großer Mehrheit für eine größere Autonomie von der Zentralregierung in Rom gestimmt. Etwa 95 Prozent sprachen sich für mehr Unabhängigkeit von Rom aus. Die Wahlbeteiligung betrug 40 Prozent. Auch in der Region Venetien war am selben Tag über eine Ausweitung der Autonomie abgestimmt worden. Eine Unabhängigkeit vom Zentralstaat verfolgen die Regionen nicht.

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