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Interview mit Ahmadineschad : Die Wut kommt immer zu spät

  • -Aktualisiert am

Ein Schweigen könnte wie Einverständnis wirken: Mahmud Ahmadineschad im Gespräch mit F.A.S.-Redakteurin Christiane Hoffmann Bild: Mysam Akbari

Es ist nicht leicht, einen Gesprächstermin bei Mahmud Ahmadineschad zu bekommen. Aber will man ihm überhaupt die Bühne eines Interviews geben?

          „Blamier dich nicht“, sagt meine iranische Freundin, als sie von dem bevorstehenden Interview mit Mahmud Ahmadineschad hört. Bisher hätten sich alle westlichen Journalisten mit dem iranischen Präsidenten blamiert. Eigentlich sollte man ihm gar nicht die Bühne eines Interviews geben, sagt sie. Die Eltern meiner Freundin wurden vom Geheimdienst der Islamischen Republik ermordet.

          Im März hatte Claus Kleber für das ZDF ein Interview mit Ahmadineschad geführt. Darin trat Kleber in staatsmännischer Pose als Vertreter der westlichen Welt auf. Er stilisierte das Interview zu einer Verhandlung, erwartete von Ahmadineschad Zugeständnisse im Atomstreit - und scheiterte kläglich. Er hatte sich freiwillig in die Rolle begeben, die Ahmadineschad westlichen Journalisten zugedacht hat. Sie sollen als Stellvertreter des Westens dessen Politik, Kultur und Geschichte rechtfertigen. Kleber wirkte sachlich schlecht vorbereitet und über weite Strecken sprachlos. Mit süffisantem Lächeln führte Ahmadineschad ihn vor. „Warum haben die Zionisten das Recht, die ganze Welt zu bedrohen? Warum werden Länder, die den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben haben, diskriminiert?“ Kleber wurde dafür kritisiert, dass er nicht widersprach, als Ahmadineschad Israel als „künstlichen Staat“ bezeichnete.

          Um halb vier kommt der erlösende Anruf

          Es ist Ahmadineschads Art, die Konventionen westlicher Interviews zu unterlaufen. Er kontert mit Gegenfragen, versucht, Journalisten in eine Diskussion zu verwickeln. „Jetzt frage ich Sie: Wenn der Holocaust kein Mythos war, warum sollten die Palästinenser dafür bezahlen?“ Er stellt rhetorische Fragen und spricht sofort weiter. Das ist das Dilemma: Widerspreche ich nicht, bleiben die Anschuldigungen stehen. Tue ich es doch, lasse ich mich auf eine sinnlose Diskussion ein, die meine Interviewzeit stiehlt.

          Um dem Dilemma zu entgehen, überlege ich mir auf die zu erwartenden Angriffsfragen kurze Antworten. Um mich nicht zu blamieren, probe ich das Interview. Mein Mann spielt Ahmadineschad. Für die Proben gibt es genug Zeit. Zwischen der generellen Zusage und dem Interview vergehen fünf Monate. Nach mehreren vagen Terminvorschlägen wird es dann sehr kurzfristig anberaumt. Am Sonntagabend weiß ich Bescheid, am Montagabend um sieben soll ich schon fliegen. Fünf Stunden vor Abflug sitze ich im Büro des iranischen Botschafters in Berlin. Wir warten, dass Teheran die Genehmigung für das Visum erteilt. Der Botschafter ist bei der Anbahnung des Interviews eine Schlüsselfigur gewesen. Ohne seine Fürsprache wäre es nicht zustande gekommen. In der iranischen Kultur zählen persönliche Beziehungen und Vertrauen.

          Der Botschafter sagt, das Visum sei nur noch eine Formalität. Wir trinken Tee. Er hoffe, dass ich das Interview unvoreingenommen führen werde, sagt der Botschafter. Schließlich hätte ich fünf Jahre in Teheran gelebt. Ich wisse ja, wie das in Iran ist: Dort sind sie überzeugt, dass alle westlichen Medien von den Amerikanern gesteuert werden. Auf der Wanduhr mit den persischen Mosaiken wandert unbarmherzig der Zeiger. Um drei klingelt das Telefon auf dem Beistelltischchen. Man weiß noch nichts, aber bis um fünf werde man sicher eine Antwort aus Teheran haben. „Um fünf? Sie will um sieben fliegen. Gehen Sie der Sache nach.“ Es wird Kaffee gebracht. Wir sprechen über die Nuklearverhandlungen. Der Botschafter nennt Israel beim Namen. Er sagt nicht: „das zionistische Regime“. Er ist ein Pragmatiker. Um halb vier kommt der erlösende Anruf.

          Und wieder kritisieren sie mein Kopftuch

          Tags darauf im Präsidentenpalast in Teheran bereitet mich Herr Scheichan, der Leiter des Presseamts, auf das Interview vor. Ich solle den Präsidenten mit „Herr Präsident“ anreden. Ich solle die Beine nicht übereinanderschlagen, weil der Präsident das auch nicht tut. Herr Scheichan ist sehr unzufrieden mit meinem Hedschab: Die Leinenbluse sei zu hell und zu durchsichtig, die Ärmel zu kurz, das Kopftuch rutsche. Herr Scheichan blickt sich suchend um, als hoffe er, irgendeinen Tschador zu finden, den er mir überstülpen kann. Aber im Präsidentenpalast gibt es nur Männer: Sekretäre, Portiers, Vorzimmerherren. Ich begegne an diesem Nachmittag nur einer einzigen Frau: Sie macht bei mir die Körperkontrolle am Sicherheitscheck.

          Dann ist da meine Begleiterin. Der Blick von Herrn Scheichan fällt auf ihr Gewand: Es ist enger, aber länger und dunkler als meines. Ich kratze meinen Rest Selbstbehauptung zusammen und überhöre seinen Vorschlag, mit ihr Kleider zu tauschen. Er bittet mich nochmals, auf mein Kopftuch zu achten. Das Problem sei nicht der Präsident, sondern dass man das Gespräch für das Fernsehen aufzeichnen will. Strenge Ajatollahs könnten den Präsidenten kritisieren, wenn er eine so nachlässig gekleidete Frau empfängt. Mir kommt es gar nicht in den Sinn, mich zu wehren: Ein Fernsehinterview war nicht vereinbart. Ich wurde nicht gefragt. Die Wut kommt immer zu spät.

          Im Saal stehen zwei Stühle frontal gegenüber, seitlich ein Beistelltisch mit Blumen und dem Doppelporträt des lebenden und des verstorbenen Revolutionsführers. Fernsehleuchten, Kameras und etwa zwei Dutzend Männer stehen herum. Ich werde verkabelt. Und wieder kritisieren sie mein Kopftuch. Entschuldigungen murmelnd, fummeln drei Männer an mir herum.

          Kleber kann ich jetzt besser verstehen

          Jetzt kommt der Präsident. Er setzt sich, legt die Hände auf die Armlehnen des Stuhls. Er lächelt kurz und nickt mir zu. Er sitzt ruhig da, klein und leicht eingesunken mit nach innen gestellten Füßen in billigen Schuhen. Der Präsident ist in der Maske gewesen, trotzdem sieht er müde aus. Man reicht ihm seine Brille, er putzt sie gründlich, setzt sie auf, sieht mich an, lächelt und sagt: „das Alter“.

          Meine erste Frage betrifft Syrien. „Im Namen Gottes, des Barmherzigen“, sagt der Präsident. „Möge der Allmächtige das Kommen des Imam Mehdi beschleunigen.“ In seiner Antwort macht Ahmadineschad den Westen für alle Kriege der letzten hundert Jahre verantwortlich. Er zählt die Kriege auf. Die Antwort dauert mehrere Minuten. Das ist für iranische Verhältnisse nicht viel. Aber ich habe nur eine halbe Stunde Zeit. Mein Mann hat nie so lange geredet. Ich kann den Präsidenten nicht unterbrechen, ohne grob unhöflich zu werden. Kleber kann ich jetzt besser verstehen. Ich habe es leichter, ich kann das Interview für die Zeitung später in eine stringente Form bringen und kürzen.

          Die Gestik des Präsidenten ist spärlich. Die meiste Zeit ruhen seine Hände auf den Oberschenkeln. Manchmal legt er sie vor dem Bauch zusammen. Er bleibt klein, er bläst sich nicht auf wie Nicolas Sarkozy, er versucht nicht, sich größer zu machen. Er fixiert mich mit leicht zusammengekniffenen Augen, spricht aber ruhig und ohne Aggression. Meine Begleiterin hält die Freundlichkeit des Präsidenten für eine Botschaft an die westliche Welt. Mich macht sie misstrauisch. Stelle ich zu freundliche Fragen?

          Vielleicht habe ich mich doch blamiert

          Während der Präsident lange redet, überlege ich, ob ich den Anschuldigungen widersprechen oder zu Syrien zurückkehren soll. Es ist fast unerträglich, seine Weltgeschichte unwidersprochen stehen zu lassen. Vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass das im iranischen Fernsehen gezeigt werden wird. Seine ganze Rechthaberei, der Habitus moralischer Überlegenheit machen mich rasend. Und ich darf nicht einmal die Beine übereinander schlagen.

          Ich entscheide mich für Syrien. Das ist nicht sehr schwer. Schwieriger ist es, wenn der Präsident die „Zionisten“ angreift. Jetzt fühle ich mich verpflichtet zu widersprechen, sonst könnte man mir Komplizenschaft unterstellen. Mein Schweigen könnte wie Einverständnis wirken. Das ist absurd, in keinem anderen Interview wird dem Journalisten, wenn er nicht widerspricht, Einverständnis unterstellt. Aber Ahmadineschad ist der Holocaust-Leugner und ich bin Deutsche.

          Von mir aus spreche ich das Thema Israel nicht an. Ich will keine Diskussion über den Holocaust und das Existenzrecht Israels, weil ich ohnehin nur dieselben Antworten bekommen würde wie viele andere vor mir. Warum sollte ich Ahmadineschad noch einmal die Bühne geben? Trotzdem habe ich das Gefühl, Rechenschaft ablegen zu müssen. Als deutsche Journalistin fürchte ich, man könnte mir schon deshalb Antisemitismus unterstellen, weil ich dieses Interview führe. Auf allen Seiten muss ich mich rechtfertigen: vor meinen iranischen Freunden, vor meinem inneren Israel.

          Nach dem Interview muss der Präsident rasch zum nächsten Termin. „Sie haben gar nichts zum Holocaust gesagt“, sage ich ihm zum Schluss. „Sie haben mich nicht gefragt“, erwidert er. „Sicher hat man es Ihnen verboten. Warum sonst hätten Sie mich nicht gefragt?“ - „Ich kenne Ihre Antworten.“ Er lacht. Vielleicht habe ich mich doch blamiert.

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