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Interview mit Ahmadineschad : Die Wut kommt immer zu spät

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Dann ist da meine Begleiterin. Der Blick von Herrn Scheichan fällt auf ihr Gewand: Es ist enger, aber länger und dunkler als meines. Ich kratze meinen Rest Selbstbehauptung zusammen und überhöre seinen Vorschlag, mit ihr Kleider zu tauschen. Er bittet mich nochmals, auf mein Kopftuch zu achten. Das Problem sei nicht der Präsident, sondern dass man das Gespräch für das Fernsehen aufzeichnen will. Strenge Ajatollahs könnten den Präsidenten kritisieren, wenn er eine so nachlässig gekleidete Frau empfängt. Mir kommt es gar nicht in den Sinn, mich zu wehren: Ein Fernsehinterview war nicht vereinbart. Ich wurde nicht gefragt. Die Wut kommt immer zu spät.

Im Saal stehen zwei Stühle frontal gegenüber, seitlich ein Beistelltisch mit Blumen und dem Doppelporträt des lebenden und des verstorbenen Revolutionsführers. Fernsehleuchten, Kameras und etwa zwei Dutzend Männer stehen herum. Ich werde verkabelt. Und wieder kritisieren sie mein Kopftuch. Entschuldigungen murmelnd, fummeln drei Männer an mir herum.

Kleber kann ich jetzt besser verstehen

Jetzt kommt der Präsident. Er setzt sich, legt die Hände auf die Armlehnen des Stuhls. Er lächelt kurz und nickt mir zu. Er sitzt ruhig da, klein und leicht eingesunken mit nach innen gestellten Füßen in billigen Schuhen. Der Präsident ist in der Maske gewesen, trotzdem sieht er müde aus. Man reicht ihm seine Brille, er putzt sie gründlich, setzt sie auf, sieht mich an, lächelt und sagt: „das Alter“.

Meine erste Frage betrifft Syrien. „Im Namen Gottes, des Barmherzigen“, sagt der Präsident. „Möge der Allmächtige das Kommen des Imam Mehdi beschleunigen.“ In seiner Antwort macht Ahmadineschad den Westen für alle Kriege der letzten hundert Jahre verantwortlich. Er zählt die Kriege auf. Die Antwort dauert mehrere Minuten. Das ist für iranische Verhältnisse nicht viel. Aber ich habe nur eine halbe Stunde Zeit. Mein Mann hat nie so lange geredet. Ich kann den Präsidenten nicht unterbrechen, ohne grob unhöflich zu werden. Kleber kann ich jetzt besser verstehen. Ich habe es leichter, ich kann das Interview für die Zeitung später in eine stringente Form bringen und kürzen.

Die Gestik des Präsidenten ist spärlich. Die meiste Zeit ruhen seine Hände auf den Oberschenkeln. Manchmal legt er sie vor dem Bauch zusammen. Er bleibt klein, er bläst sich nicht auf wie Nicolas Sarkozy, er versucht nicht, sich größer zu machen. Er fixiert mich mit leicht zusammengekniffenen Augen, spricht aber ruhig und ohne Aggression. Meine Begleiterin hält die Freundlichkeit des Präsidenten für eine Botschaft an die westliche Welt. Mich macht sie misstrauisch. Stelle ich zu freundliche Fragen?

Vielleicht habe ich mich doch blamiert

Während der Präsident lange redet, überlege ich, ob ich den Anschuldigungen widersprechen oder zu Syrien zurückkehren soll. Es ist fast unerträglich, seine Weltgeschichte unwidersprochen stehen zu lassen. Vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass das im iranischen Fernsehen gezeigt werden wird. Seine ganze Rechthaberei, der Habitus moralischer Überlegenheit machen mich rasend. Und ich darf nicht einmal die Beine übereinander schlagen.

Ich entscheide mich für Syrien. Das ist nicht sehr schwer. Schwieriger ist es, wenn der Präsident die „Zionisten“ angreift. Jetzt fühle ich mich verpflichtet zu widersprechen, sonst könnte man mir Komplizenschaft unterstellen. Mein Schweigen könnte wie Einverständnis wirken. Das ist absurd, in keinem anderen Interview wird dem Journalisten, wenn er nicht widerspricht, Einverständnis unterstellt. Aber Ahmadineschad ist der Holocaust-Leugner und ich bin Deutsche.

Von mir aus spreche ich das Thema Israel nicht an. Ich will keine Diskussion über den Holocaust und das Existenzrecht Israels, weil ich ohnehin nur dieselben Antworten bekommen würde wie viele andere vor mir. Warum sollte ich Ahmadineschad noch einmal die Bühne geben? Trotzdem habe ich das Gefühl, Rechenschaft ablegen zu müssen. Als deutsche Journalistin fürchte ich, man könnte mir schon deshalb Antisemitismus unterstellen, weil ich dieses Interview führe. Auf allen Seiten muss ich mich rechtfertigen: vor meinen iranischen Freunden, vor meinem inneren Israel.

Nach dem Interview muss der Präsident rasch zum nächsten Termin. „Sie haben gar nichts zum Holocaust gesagt“, sage ich ihm zum Schluss. „Sie haben mich nicht gefragt“, erwidert er. „Sicher hat man es Ihnen verboten. Warum sonst hätten Sie mich nicht gefragt?“ - „Ich kenne Ihre Antworten.“ Er lacht. Vielleicht habe ich mich doch blamiert.

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