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Interview : Holkeri: "Gewalt kann den politischen Dialog nicht verhindern"

  • Aktualisiert am

Harri Holkeri Bild: dpa/dpaweb

Der ehemalige finnische Regierungschef Harri Holkeri wurde im Juli von UN-Generalsekretär Annan zum Chef der UN-Mission im Kosovo (Unmik), der größten UN-Mission überhaupt, ernannt. Ein F.A.Z.-Gespräch.

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          Der ehemalige finnische Regierungschef Harri Holkeri wurde im Juli von UN-Generalsekretär Annan zum Chef der UN-Mission im Kosovo (Unmik), der größten UN-Mission überhaupt, ernannt. Die albanische Bevölkerungsmehrheit in der formal zu Serbien und Montenegro gehörenden Provinz erwartet von der UN mit wachsender Ungeduld eine Entscheidung über den endgültigen Status ihrer Heimat, der in ihren Augen nur lauten kann: staatliche Unabhängigkeit. Viele der etwa 100 000 in der Provinz verbliebenen Serben fühlen sich dagegen ihres Lebens nicht sicher. In den vergangenen Wochen kam es zu zahlreichen brutalen Anschlägen auf Angehörige der serbischen Minderheit: Erst wurde eine serbische Familie im eigenen Haus erschlagen, dann mehrere serbische Zivilisten, darunter auch Kinder, erschossen oder durch Anschläge getötet. Mit Harri Holkeri sprach unser Korrespondent Michael Martens.

          Bombenanschläge, Schießereien und ethnisch motivierte Morde - es hat in den vergangenen Wochen einen deutlichen Anstieg der Gewalt im Kosovo gegeben. Was sind die Gründe?

          Mein Start als Chef der UN-Verwaltung im Kosovo ist in der Tat überschattet worden von tragischen Ereignissen, von entsetzlichen Verbrechen. Ich glaube jedoch nicht, daß alle diese Vorfälle unbedingt Teil eines bestimmten Programms sind. Aber sie zeigen, daß die Spannungen gestiegen sind. Es wird alles unternommen, um die Täter zu finden. Die Polizei arbeitet hart. Wir haben bestimmte Vermutungen, aber uns fehlen noch Beweise, um die Schuldigen vor Gericht bringen zu können. Dazu brauchen wir auch eine bessere Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung.

          Also auch ein effektiveres Zeugenschutzprogramm?

          Ja, das ist ein Teil der Herausforderung. Einige Leute haben Angst um ihre Sicherheit. Fragen der Sicherheit und der Rechtsstaatlichkeit spielen deshalb eine zentrale Rolle bei meiner Arbeit. Ich möchte mehr tun, als Verbrechen nur zu verurteilen. Ich muß mich fragen lassen, wo meine Taten sind. Wir müssen Mittel und Wege finden, um jeden Bürger im Kosovo schützen zu können. Aber sogar in den fortgeschrittensten Ländern der Welt gibt es Leute, die Angst haben, als Zeugen auszusagen.

          Was macht Sie so sicher, daß die Gewalttaten nicht in einem Zusammenhang stehen?

          Ich habe gesagt, sie stehen nicht zwangsläufig in einem Zusammenhang. Es gibt nicht nur zwischen Albanern und Serben Schwierigkeiten. Es existieren auch inneralbanische und innerserbische Konflikte. Nicht jeder Gewaltakt muß einen ethnischen Hintergrund haben. Außerdem gibt es schließlich auch im Kosovo das unpolitische, gewöhnliche Verbrechen.

          Früher wurden Ausländer nicht Opfer der politischen Gewalt im Kosovo. Das scheint sich mit der Ermordung eines indischen UN-Polizisten Anfang August geändert zu haben. Einige sehen darin schon einen möglichen Wendepunkt der Entwicklung: Die Staatengemeinschaft werde im Kosovo nicht mehr als Kraft der Befreiung, sondern als unwillkommene Besatzungsmacht empfunden, behaupten sie.

          Um ein solches Verbrechen wie die Ermordung des UN-Polizisten zu verüben, genügt ein Mensch. Um den Abzug des Gewehrs zu ziehen, muß dieser Mensch nur einen Finger bewegen. Steht hinter dem Täter automatisch eine organisierte Gruppe von Verbrechern oder Terroristen? Niemand weiß es. Ich hoffe, das war ein Einzelfall.

          Sie wollen sagen, die Bedeutung der Vorfälle werde übertrieben?

          Auf keinen Fall. Wir nehmen diese Vorfälle sehr, sehr ernst. Aber wir müssen vorsichtig damit sein, sie gleich in einen bestimmten Zusammenhang einzuordnen.

          Es gibt die Ansicht, die Täter wollten mit den Anschlägen den Beginn des geplanten politischen Dialogs zwischen den Regierungen des Kosovos und Serbiens verhindern.

          Gewalt kann den politischen Dialog aber nicht verhindern. Natürlich mag es extremistische Gruppen geben, die kriminelle Handlungen begehen, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Aber die Regierungen in Belgrad und Prishtina haben sich deutlich gegen Gewalt ausgesprochen. Sie wollen den Dialog. Auf dem EU-Gipfel in Thessaloniki, wo Delegationen aus Belgrad und Prishtina zu Gast waren, gab es gute Signale zum Beginn eines solchen Dialogs. Daran müssen wir anknüpfen. Der Dialog ist nicht nur im Interesse von Belgrad und Prishtina. Er ist im Interesse der UN-Verwaltung, der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten und aller Beteiligten. Ich werde nun in Belgrad und Moskau Gespräche zur Vorbereitung des Dialogs führen. Später reise ich nach Genf, wo ich meinen Vorgänger Michael Steiner treffen werde, dann nach Brüssel. Dort werde ich unter anderem mit dem EU-Außenpolitikbeauftragten Javier Solana sprechen und Gespräche im Nato-Hauptquartier haben. Wenn ich dann zurückkehre, werde ich hoffentlich einen detaillierteren Vorschlag machen können, wann und wo der Dialog beginnen kann. Es gibt noch viele Fragen zur Agenda und zum Ort der Gespräche. Sie können natürlich weder in Belgrad noch in Prishtina stattfinden. Brüssel wurde erwähnt, aber das ist nicht die einzige Möglichkeit.

          Unmittelbar nach dem Gipfel in Thessaloniki hieß es noch, die serbisch-albanischen Gespräche seien für Ende Juli zu erwarten, dann war vom September die Rede. Beginnen die Gespräche noch in diesem Jahr?

          Ich bin realistisch und optimistisch. Wenn wir pragmatisch daran arbeiten, kann der Dialog natürlich noch in diesem Jahr beginnen.

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