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Internet-Spionage : Der schnüffelnde Drache

  • -Aktualisiert am

Bedrohen chinesisische Hacker auch die Kommunikationsstruktur im Westen? Bild: picture-alliance/ dpa

Chinesische Hacker sollen mit Hilfe von in E-Mails versteckten „Trojanern“ ein weltweites Spionagenetz geknüpft haben. Das „Ghostnet“ infizierte Computer des Dalai Lamas, etlicher Regierungen und wohl auch einen Rechner im Nato-Hauptquartier. Peking bestreitet jede Beteiligung.

          Die Mitarbeiter des Dalai Lamas haben gehandelt wie normale Internetnutzer. Sie haben ihre E-Mails unverschlüsselt verschickt und Passwörter eingesetzt, die im Wörterbuch stehen. Und sie haben unverdächtig aussehende E-Mails von Bekannten oder Kollegen gelesen. So konnten Hacker die Organisation des Dalai Lamas zwei Jahre lang ausspionieren und insbesondere ihren E-Mail-Verkehr überwachen.

          Die Hacker, die offenbar aus China kommen, hatten ihr Spionagenetz zuletzt über 103 Länder geknüpft und dabei 1295 Rechner infiziert, die ans Internet angeschlossen waren. Zum „Ghostnet“, wie westliche Informatiker das Netz nach eingehender Untersuchung tauften, gehörten neben den Computern der Organisation des Dalai Lamas die Rechner etlicher asiatischer Regierungen und derer Botschaften in aller Welt.

          „Computer-Infrastruktur des Dalai Lamas beschädigt“

          Infiziert waren zum Beispiel Computer der indischen Botschaften in Deutschland, Belgien, Serbien, Italien, Kuweit, den Vereinigten Staaten oder China. In Deutschland waren auch die Botschaften Indiens, Portugals und Zyperns auf der Liste. Auch die Asiatische Entwicklungsbank, die Nachrichtenagentur Associated Press in Großbritannien, die Organisation der Studenten für ein freies Tibet und sogar ein Rechner im Nato-Hauptquartier gehörten zu den Zielen der Hacker, wie das kanadische „Munk Center for International Studies“ und das Computerlabor der Universität Cambridge herausgefunden haben.

          Der E-Mail-Verkehr der Organisation des Dalai Lama wurde jahrelang überwacht

          Die britischen Forscher nennen die chinesische Regierung als Initiator des Spionagenetzwerkes. „Wir haben in unserem Bericht beschrieben, wie Agenten der chinesischen Regierung die Computer-Infrastruktur des Dalai Lamas beschädigt haben“, schreiben die Forscher Shishir Nagaraja und Ross Anderson aus Cambridge in ihrem Bericht „Der schnüffelnde Drache: Überwachung der tibetischen Bewegung mit Hilfe soziale Schadprogramme“, der ebenso wie der Bericht der kanadischen Ermittler im Internet frei verfügbar ist.

          Die Internetspione hätten „sensible Daten heruntergeladen“. Menschen in Tibet könnten deswegen gestorben sein, fügen die Autoren der Studie hinzu, ohne dafür freilich nähere Erklärungen beizufügen. Der Fall zeige, wie schwierig es sei, „sensible Informationen gegen Angreifer zu verteidigen“.

          Monatelang die Spuren verfolgt

          Aufgeflogen ist das Spionagenetz wohl deshalb, weil die Hacker oder ihre Auftraggeber übermütig wurden. Zum Beispiel bekam ein Diplomat, der per E-Mail vom Dalai Lama eingeladen wurde, einen Anruf der chinesischen Regierung, um ihn auf die diplomatischen Folgen seines Besuches hinzuweisen – und zwar bevor die Mitarbeiter des Dalai Lamas bei dem Diplomaten angerufen hatten. Daraufhin schalteten die Mönche die ausländischen Fachleute ein, die monatelang die Spuren der Hacker verfolgten.

          Diese Spur führte zunächst in den amerikanischen Bundesstaat Kalifornien. Der Dalai Lama hat die Büros seiner Exilregierung zwar im indischen Dharamsala, doch seine Internetseite www.dalailama.com wird ebenso wie der E-Mail-Verkehr auf einem Internetrechner in Kalifornien gespeichert. Die Mönche haben ohne besondere Vorsichtsmaßnehmen E-Mails für ihre politische Arbeit genutzt. Die Zugriffe der Hacker auf die Rechner in Kalifornien erfolgten von Computern aus der chinesischen Provinz Sichuan, wo nach Angaben der beiden Cambridge-Forscher die chinesischen Geheimdienstmitarbeiter sitzen, die auf den Dalai Lama angesetzt sind.

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