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Interimspräsident  Turtschinow : Der Stellvertreter

Enger Vertrauter von Julija Timoschenko: Interimspräsident Oleksandr Turtschinow Bild: REUTERS

Wo auch immer Julija Timoschenko in ihrer politischen Karriere stand: Auf Oleksandr Turtschinow konnte sie sich immer verlassen. Wie sie dürfte er korrupte Strukturen aus der Nähe gesehen haben. Als Interimspräsident der Ukraine hängt von ihm jetzt viel ab.

          Während ihrer ganzen politischen Karriere konnte sich Julija Timoschenko auf einen Mann verlassen, mit dem sie seit Ende der achtziger Jahre zusammenarbeitet: Oleksandr Turtschinow, seit Sonntag Interimspräsident der Ukraine. Er vertrat sie an der Spitze der vor 15 Jahren gemeinsam gegründeten Partei, als sie im Gefängnis saß. Wann immer Timoschenko Ministerpräsidentin war, bekleidete Turtschinow eine Schlüsselfunktion im Machtgefüge.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Beide stammen aus Dnipropetrowsk in der Ostukraine, das in den ersten anderthalb Jahrzehnten der Unabhängigkeit des Landes das informelle wirtschaftliche und politische Machtzentrum des Landes war. Ihre Kooperation begann damit, dass Turtschinow der vier Jahre älteren Timoschenko half: Er war Funktionär des kommunistischen Jugendverbands, der in der Endphase der Sowjetunion die organisatorische Basis für die ersten privaten Unternehmen war, und sie brauchte am Anfang ihrer ersten Karriere, der einer Geschäftsfrau, Unterstützung.

          Korrupte Strukturen aus der Nähe gesehen

          Der 1964 geborene Turtschinow lernte in jener Zeit noch andere Leute kennen, die bald die Geschicke der Ukraine bestimmen sollten: den späteren Präsidenten Leonid Kutschma und Pawlo Lasarenko, der in seiner kurzen Amtszeit als Ministerpräsident Mitte der neunziger Jahre zum Inbegriff politischen Raubrittertums wurde.

          Wie die korrupten Strukturen entstanden, die die ukrainische Wirtschaft bis heute im Griff haben, dürfte Turtschinow aus der Nähe gesehen haben – so wie auch Timoschenko, die damals als Gashändlerin zu großem Reichtum kam: Turtschinow arbeitet Anfang der neunziger Jahre in Dnipropetrowsk zunächst als Vorsitzender des dortigen Privatisierungskomitees und dann in Kiew als Wirtschaftsberater für Kutschma. Ihren gemeinsamen politischen Aufstieg begannen Turtschinow und Timoschenko in Lasarenkos Partei, mit dem sie indes noch brachen, bevor das ganze Ausmaß seiner Machinationen bekannt wurde.

          Kurz Chef des Geheimdienstes SBU

          In die Opposition zu Präsident Kutschma gingen beide, als dieser 2001 das kurze Experiment einer Reformregierung abbrach, in der Timoschenko für Energiefragen zuständig war, und als er die Ministerin nach ihrem Sturz gleich auch noch ins Gefängnis werfen ließ. In den Jahren darauf war Turtschinow einer der wichtigsten Organisatoren der Oppositionsbündnisse, die schließlich zur Revolution in Orange 2004 führten, mit der Viktor Janukowitsch für einige Jahre von der Macht verdrängt wurde. In den darauffolgenden Streitigkeiten des demokratischen Lagers stand Turtschinow fest an Timoschenkos Seite. In ihrer ersten Amtszeit als Ministerpräsidentin 2005 war er ein halbes Jahr lang Chef des Geheimdienstes SBU, den er vergeblich zu reformieren versuchte. Dieser Zeit verdankt er einen etwas zweifelhaften Ruf. Denn bei dem Versuch, politische Morde und diverse Korruptionsaffären aufzudecken, machte er keine glückliche Figur.

          Nun hängt von Turtschinows Geschick viel für die Zukunft der Ukraine ab. Dabei sagt er selbst, Politik sei nicht seine Leidenschaft: In einem normalen Land wäre er lieber Wissenschaftler oder Prediger in seiner baptistischen Gemeinde.

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