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Initiative „RemainerNow“ : Von Brexit-Befürwortern zu Brexit-Gegnern

  • Aktualisiert am

Brexit-Gegner in London (Symbolbild) Bild: EPA

Im Vereinigten Königreich haben ehemalige Brexit-Befürworter das Lager gewechselt – und dafür eigens eine Initiative gegründet. Ihr Ziel: Die Brexit-Entscheidung von 2016 soll revidiert werden. Doch woher kommt der Sinneswandel?

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          Der Name ihrer Initiative ist Programm. Die „RemainerNow“, zu deutsch „Jetzt Brexit-Gegner“, wollen jetzt doch in der EU bleiben – und den Brexit auf den letzten Metern noch verhindern. Das wollen sie durch ein zweites Referendum erreichen, die Entscheidung vom Juni 2016 soll revidiert werden.

          Gary Maylin ist einer von ihnen. Er kommt aus Norwich im Osten Englands und hatte sich ursprünglich für das Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU eingesetzt – er wollte nach mehr als vier Jahrzehnten Mitgliedschaft seines Landes wieder „Souveränität“. Heute erinnert er sich, dass er in seiner Entscheidung damals durch ein wahres Brexit-Sperrfeuer beeinflusst wurde.

          „Mein Abgeordneter war für den Austritt, alle Argumente, die ich hörte, waren gegen den Verbleib in der EU“, sagte Maylin der Nachrichtenagentur AFP. Daraus bildete sich bei ihm die Meinung, dass die EU für jede Menge Fehlentwicklungen verantwortlich sei – „die Unfähigkeit unserer Regierung, unser Schicksal zu kontrollieren“.

          Viele enttäuschte Brexit-Unterstützer

          Das Vereinigte Königreich, die weltweit fünftgrößte Wirtschaft, befindet sich in politischen Turbulenzen. Weniger als zehn Wochen vor dem vereinbarten Termin droht der ungeregelte EU-Austritt: Flugzeuge müssten wegen fehlender Fluglizenzen womöglich am Boden bleiben, Waren würden am Zoll feststecken und Reisende in Grenzkontrollen.

          Ob Maylin das hat kommen sehen? Wahrscheinlich nicht. Vor zweieinhalb Jahren gehörte er noch zu den knapp 52 Prozent der Wähler, die für den Brexit stimmten. Heute würde er anders entscheiden. „Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass wir als Nation auf uns allein gestellt nicht erfolgreich sein können“, sagt er. Erst in einem vereinten Europa sei Großbritannien stark, nicht als unabhängiges Land. Dazu führt Maylin alles Mögliche ins Feld: von US-Präsident Donald Trump bis zum rasanten Aufstieg Chinas.

          Vor einigen Tagen fuhr er mit einem Dutzend anderen vom Brexit abgekommenen Menschen zum Parlament in London, um dort Parlamentarier mit ihren Positionen zu konfrontieren. Das Treffen wurde von der Initiative „RemainerNow“ organisiert. Der EU-Anhänger Andrew Davidson hat sie in seiner Freizeit ins Leben gerufen hat. Ihn hatte das Ergebnis des Volksentscheids „verstört“ und deshalb suchte er nach sogenannten Brexiteers, die ihre Entscheidung im Nachhinein bereuten.

          In Davidsons persönlichen Umfeld, in sozialen Medien und im Fernsehen habe er viele enttäuschte Brexit-Unterstützer erlebt, sagte er. Das Zeil seiner Bewegung, ein zweites Referendum, lehnt die Regierung von Premierministerin May beharrlich ab. Jüngste Meinungsumfragen zeigen, dass ein zweiter Volksentscheid eine Mehrheit für den EU-Verbleib ergeben würde. Doch überzeugte Brexit-Anhänger bestreiten das.

          Streit um Brexit entzweit Freunde

          Christopher Oram aus der Grafschaft Dorset in Südwest-England ist ebenfalls Teil der Initiative. Vor zweieinhalb Jahren hätten die Abgeordneten im Zusammenhang mit dem Brexit das Blaue vom Himmel versprochen: eingespartes Geld, vorteilhafte Handelsabkommen und eine blühende Zukunft. „Dann hörte ich, dass wir aus dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheiden werden – ein ganz schöner Schock.“ Oram sieht sich getäuscht: „Alle Versprechen wurden gebrochen.“

          Für die ehemaligen Brexit-Befürworter war es nicht leicht, ihren Meinungswandel öffentlich zu machen. Bei Freunden und Familienangehörigen, die weiter zum Brexit stehen, stoßen sie auf Unverständnis. Maylin wird nach eigenen Worten in den sozialen Medien gemobbt.

          Und Oram hat sich mit seinem besten Freund überworfen. „Er ist immer noch der Ansicht, das wir die EU verlassen sollten. Das sorgt für viele Spannungen zwischen uns“, erzählt er. „Unsere Partner haben schon gesagt, dass wir am Essenstisch nicht mehr über den Brexit sprechen dürfen.“ Andere Freunde gehen Oram ganz aus dem Weg. „Ich finde es verstörend, wenn Menschen nicht akzeptieren, dass ich das Recht habe, meine Meinung zu ändern.“

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