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Inhaftierter Regisseur Senzow : Nur noch wenig Hoffnung

Überall in Kiew hängen Forderungen zur Freilassung des ukrainischen Regisseurs Oleg Senzow. Bild: Artur Weigandt

Der in Russland inhaftierte Regisseur Oleg Senzow ist seit hundert Tagen im Hungerstreik. Sein Zustand verschlechtert sich – aber Putin gibt nicht nach. Wie lange kann der Ukrainer noch durchhalten?

          Am Dienstag waren es genau hundert Tage, die Oleg Senzow keine feste Nahrung mehr zu sich genommen hat. Seit dem 14. Mai ist der ukrainische Regisseur in russischer Lagerhaft im Hungerstreik. Er fordert von Russland, alle politischen Gefangenen aus der Ukraine – nach seinen Angaben 64 – freizulassen, sich selbst ausgenommen.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Senzow, 42 Jahre alt und Vater zweier Kinder, wurde im Mai 2014 auf der von Russland annektierten Krim festgenommen. Die Behörden warfen ihm vor, Anschläge organisiert zu haben. Im August 2015 wurde er in Russland wegen Terrorismus zu 20 Jahren Haft verurteilt. Senzow sitzt seine Strafe in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises ab. Passiert ist in den gut drei Monaten seines Hungerstreiks: nichts.

          Schon im Juli sprach der Anwalt Senzows vom schlechten Gesundheitszustand seines Mandanten. Nach einer Herzattacke nehme er nun täglich einige Löffel Nährstoffmischung zu sich. Nach aktuellem Stand wird der Ukrainer über einen Tropf am Leben erhalten. In der vergangenen Woche äußerte sich die Cousine Senzows, Natalie Kaplan. Nach ihrer Aussage schwebt er in Lebensgefahr. „Er hat einen sehr schwachen Herzschlag von 40 Schlägen pro Minute.“ In einem Brief habe Senzow geschrieben, dass er keine Hoffnung mehr habe und sein „Ende“ nah sei.

          Schwach, aber nicht ohne Hoffnung

          Am vergangenen Dienstag durfte die Menschenrechtlerin und Journalistin Soja Swetowa den Inhaftierten auf der Krankenstation der Strafkolonie besuchen. Sie widersprach der Darstellung der Cousine: Senzow sei nicht hoffnungslos. „Er macht den Eindruck eines Menschen, der weiß, was er tut, und bis ans Ende geht“, sagte Swetowa der Zeitung „Nowaja Gazeta“. Sein Gesundheitszustand sei schlecht, aber „natürlich will er leben“. Laut der Zeitung soll Senzow inzwischen wegen des Risikos eines Herzinfarkts auf die Intensivstation verlegt worden sein. Nach Auskunft der Behörden stehe er unter „ständiger Überwachung“ durch medizinisches Personal.

          Auch am hundertsten Tag des Hungerstreiks demonstrierten in vielen Ländern wieder Menschen für eine Freilassung des ukrainischen Regisseurs. So versammelten sich etwa Demonstranten vor der russischen Botschaft in Kiew und in London. Die Liste derjenigen, die Senzows Freilassung fordern, ist lang: Schon im Juni verlangte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko die Freilassung der ukrainischen Gefangenen auf, konnte aber auch mit einem Angebot des Gefangenenaustausches nichts erreichen.

          Putin bleibt unnachgiebig

          Zur Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in Russland forderte das Europaparlament das Land auf, Senzow „sofort und bedingungslos“ freizulassen. Nachdem auch der Aufruf der Botschafter der G-7-Staaten Ende Juni und die Bitte des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, eine „humanitäre Lösung“ zu finden keine Veränderung brachten, lagen die jüngsten Hoffnungen auf dem Treffen zwischen Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Meseberg am vergangenen Samstag. Ob das Thema zur Sprache kam, ist nicht bekannt.

          Bisher gibt sich Putin hart im Fall Senzow. Alle öffentlichen Aufrufe, von Politikern wie Filmschaffenden, von seiner Familie wie Demonstranten auf der ganzen Welt, blieben ungehört. Senzows Mutter hatte sich Ende Juni mit einem Brief an den russischen Präsidenten gewandt, in dem sie um die Freilassung ihres Sohnes bat.

          Im Antwortschreiben des Kremls vom 3. August heißt es: „Die Begnadigungsprozedur beginnt mit dem persönlichen Gesuch des Verurteilten.“ Senzow selbst müsse sich mit der Bitte um Gnade an Putin wenden – ein Schritt, den der inhaftierte Regisseur nach Aussage seiner Cousine nie machen würde. Putins Sprecher Dmitrij Peskow sagte, die Bitte der Mutter könne aus juristischer Sicht nicht erfüllt werden.

          Ein persönlicher Rachefeldzug?

          Einige Beobachter halten es für möglich, dass Putin bereit ist, Senzow zur Abschreckung sterben zu lassen. Das sollen russische Diplomaten gegenüber französischen Gesprächspartnern angedeutet haben. Außerdem soll Senzow sich während einer der Gerichtsverhandlungen über Putins Körpergröße lustig gemacht haben. Eine ukrainische Menschenrechtsgruppe wirft daher sogar die Frage auf, ob es sich im Fall Senzow um einen persönlichen Rachefeldzug Putins handele.

          Hoffnungen ruhen auf einem Gefangenenaustausch. Doch allzu lange darf das Ringen um Senzow nicht mehr dauern. Nach Angaben Swetowas soll der Regisseur 17 Kilogramm, laut seinem Anwalt sogar 30 Kilogramm Gewicht verloren haben.

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