https://www.faz.net/-gpf-10y66

Inhaftierte Deutsche im Kosovo : Halbgares aus der BND-Gerüchteküche

Das EU-Hauptquartier in Prishtina, auf das die drei verdächtigen Deutschen einen Anschlag verübt haben sollen Bild: dpa

Der Fall der drei inhaftierten Deutschen, die im Auftrag des BND in Prishtina einen Anschlag verübt haben sollen, wird immer rätselhafter. Statt der Lautlosigkeit, mit der Geheimdienste kleine Unstimmigkeiten für gewöhnlich klären, herrscht Getöse. Soll die Geschichte bewusst Aufsehen erregen?

          4 Min.

          Es klingt durchaus glaubhaft, wenn der kosovarische Regierungschef Hashim Thaçi und Kosovos Staatspräsident Fatmir Sejdiu in diesen Tagen immer wieder versichern, ihr Land sei an guten Beziehungen zu Berlin interessiert. Das gilt nicht allein deshalb, weil die Bundeswehr ein wichtiger Truppensteller der in ihrem Einsatzgebiet noch immer beliebten internationalen Kosovo-Schutztruppe Kfor und Deutschland einer der wichtigsten Finanziers des jungen, wirtschaftlich schwer angeschlagenen südosteuropäischen Staates ist.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Eine Eintrübung des deutsch-kosovarischen Verhältnisses wäre auf dem Amselfeld auch deshalb unpopulär, weil viele kosovarische Familien Verwandte in Deutschland haben, die mit ihrem dort verdienten Geld ganzen Dörfern das karge Auskommen aufbessern. Zudem ist es zumindest der politischen Führung in Prishtina durchaus bewusst, dass Deutschland als größter EU-Staat einen wichtigen Beitrag zur Abtrennung der ehemaligen Provinz von dem ungeliebten einstigen „Mutterland“ Serbien geleistet hat.

          „Die EU-Mitgliedschaft ist das Wichtigste“

          Auch beim nächsten kosovarischen Fernziel nach dem Erreichen der Unabhängigkeit im Februar dieses Jahres, dem Beitritt zur EU, erhofft sich die kosovarische Regierung maßgebliche Unterstützung aus Berlin. Dahinter müsse selbst die große Freundschaft der Kosovo-Albaner mit den Vereinigten Staaten zurückstehen, sagte Thaçi vergangene Woche in einem Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“: „Die EU-Mitgliedschaft ist das Wichtigste. Darüber besteht auch Einigkeit mit den Vereinigten Staaten.“ Die Regierung in Prishtina, die noch vor der Unabhängigkeitserklärung gewählt wurde, hat also eine Reihe von Gründen, gute Beziehungen zu Deutschland zu pflegen.

          Umso rätselhafter scheint daher ihr Verhalten in der Angelegenheit der drei inhaftierten deutschen Staatsbürger, die von der kosovarischen Justiz verdächtigt werden, am 14. November einen Anschlag auf das Gebäude der Internationalen Verwaltungsbehörde in Prishtina verübt zu haben. Nach von Prishtina aus verbreiteten Gerüchten handelt es sich bei den drei Männern um Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND). (siehe auch: Video: Bundesregierung bestreitet BND-Verwicklung im Kosovo)

          „Die Deutschen sind verdächtig - nicht mehr“

          Offiziell halten sich Präsident Sejdiu und Ministerpräsident Thaçi zurück und rufen dazu auf, den Fall „nicht zu politisieren“ - was immer das angesichts eines derart politisch aufgeladenen Vorgangs bedeuten mag. Präsident Sejdiu sagte - ganz so, wie es die internationalen Demokratielehrer den kosovarischen Politikern seit Jahren einprägen -, er habe volles Vertrauen in die kosovarische Justiz, die nach internationalen Standards arbeite. Ein Sprecher der kosovarischen Polizei verkündete, die Deutschen seien „Verdächtige und werden als solche behandelt - nicht mehr und nicht weniger“.

          Doch drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet der Geheimdienst Deutschlands Interesse an einer Destabilisierung der Lage in Europas Semiprotektorat auf dem Balkan haben sollte. In Prishtina ist dafür bisher kein annähernd plausibler Grund genannt worden. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es keine Anzeichen dafür, dass weitere Täter an dem Anschlag vom 14. November beteiligt waren, bei dem nur Sachschaden entstand. Allerdings seien die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Staatsanwalt Fatih Tunuzliu wurde mit der Aussage zitiert, unter anderem müsse noch die Auswertung der Durchsuchung der Wohnungen der Verhafteten abgewartet werden.

          Die Presse überschlägt sich mit Verschwörungstheorien

          Weitere Themen

          Riesenprotest im Miniformat Video-Seite öffnen

          „Toy Story“ in Hongkong : Riesenprotest im Miniformat

          Sie sind unglaublich detailgetreu: Demokratieaktivisten in Form von Figürchen und Puppen sind in Hongkong derzeit der letzte Schrei. Wegen der politischen Zensur in der chinesischen Sonderverwaltungszone mussten einige Teile im Ausland hergestellt werden.

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Die Weichen werden gerade neu gestellt, es geht raus aus der Kohleförderung.

          „Soziale Wendepunkte“ : Wenn der Klimaschutz ansteckend wird

          Irgendwann kippt das gesellschaftliche Klima, dann kann es doch noch klappen mit dem Stopp der Erderwärmung. Eine Illusion? Forscher haben sechs „soziale Wendepunkte“ ausgemacht, die allesamt bereits aktiviert sind – und ein Umsteuern einläuten könnten.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.