https://www.faz.net/-gpf-a2c7b

Misshandelte Demonstranten : „Es war die Hölle auf Erden“

Ärzte behandeln am Freitag in Minsk freigelassene Demonstranten, die von der Polizei im Gefängnis gefoltert und geschlagen wurden. Bild: EPA

In Belarus berichten festgenommene Demonstranten über Folter und Schikane in der Haft. Das Regime bestreitet das. Doch die Freigelassenen zeigen ihre misshandelten Körper.

          5 Min.

          Belarus protestiert und feiert zugleich. Weitgehend unbehelligt schwillt der Widerstand gegen den Autokraten Alexandr Lukaschenka an, so dass mancher schon fragt, ob es nur die Ruhe vor dem Sturm ist, vor einem neuerlichen, gewaltsamen Aufbäumen des Regimes. Allein in Minsk hielten am Freitag Lehrer, Schüler und Künstler Aktionen ab. Immer mehr Staatsbetriebe schlossen sich Streiks an – am Nachmittag waren es schon mehr als 25 in mehreren Städten – und hielten Versammlungen ab, die eine ehrliche Auszählung der bei den Präsidentenwahlen abgegeben Stimmen oder Neuwahlen forderten. „Geh weg“, wurde Lukaschenka dabei auch direkt aufgefordert – und die Sicherheitskräfte hielten sich zurück, ließen später Tausende fröhliche Demonstranten durch Minsk ziehen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Schon in der Nacht auf Freitag blieben die Einsatzkräfte im Hintergrund. Zugleich wurden zahlreiche Männer und Frauen unter den mehr als 6700 Menschen, die seit Sonntag festgenommen worden waren, freigelassen: Vor dem Minsker „Zentrum der Isolierung von Rechtsbrechern“, einer als „Zip“ bekannten Haftanstalt, kamen Hunderte Menschen zusammen, um die Geschundenen zu empfangen, die durch die Stahltüren nach draußen kamen, ohne Telefone oder Geldbörsen und in der vielfach zerrissenen Kleidung, die sie trugen, als man sie abgeführt hatte. Im Flutlicht der Scheinwerfer der Haftanstalt berichteten sie von völlig überfüllten Zellen, in denen sie praktisch ohne Wasser und Brot und Sanitäranlagen vegetiert hätten, von Schlägen und Elektroschocks.

          Mit Sturmgewehren bedroht

          Ein junger Mann sagte, die Sondereinsatzkräfte Omon hätten Leute so lange geprügelt, bis man schrie: „Ich liebe Omon.“ Einige junge Festgenommene waren schon am Mittwochabend, sichtlich gezeichnet, im Staatsfernsehen vorgeführt worden, wo sie verkünden mussten, sich nicht wieder an Protesten zu beteiligen. Jetzt zeigen die Freigelassenen Blutergüsse, die von Schlägen auf Rücken, Beine, Knie und ins Gesicht zeugen. Von einer „Hölle auf Erden“ sprach ein Mann. Eine in der Nacht auf Mittwoch festgenommene Notärztin namens Anastassija berichtete dem Internetportal Tut.by, Spezialkräfte hätten ihr und ihren ebenfalls abgeführten Kollegen Sturmgewehre an die Köpfe gehalten.

          In der Zelle konnte Anastassija nicht sitzen. Das erste Wasser bekam sie 15 Stunden nach der Festnahme. Die Wächter hätten gesagt, medizinische Hilfe bekämen sie nicht, und: „Wir werfen eine Granate auf euch, und alles ist zu Ende.“ Sie habe gehört, wie junge Männer gezwungen wurden, die Nationalhymne zu singen, während sie geschlagen wurden. „Das hörten wir jede Nacht.“ Eine andere, die 19 Jahre alte Anja, sagte, die Männer würden in den Hof gelegt, mit Eiswasser übergossen und geschlagen. Andere Frauen berichteten, sie seien mit Vergewaltigung bedroht worden.

          Schon zuvor hatten zwei russische Journalisten unabhängiger Online-Medien, die jeweils fast zwei Tage ebenfalls in Minsk inhaftiert waren, von dem Grauen berichtet: „Leute lagen als lebende Teppiche in Pfützen von Blut“, schrieb etwa Nikita Telischenko vom Internetportal Znak.com. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete über eine „Kampagne verbreiteter Folter und anderer Misshandlungen durch die belarussischen Behörden, welche die friedlichen Proteste um jeden Preis niederschlagen wollen“, und forderte internationalen Druck auf das Regime.

          Das Innenministerium teilte am Freitagmittag mit, insgesamt seien in Belarus mehr als 2000 Menschen freigelassen worden „und der Prozess geht pausenlos weiter“. Mancher vermutete, das Regime ändere seine Taktik von brutaler Härte zu scheinbarem Entgegenkommen. So tauchte der stellvertretende Innenminister, Alexandr Barssukow, in der Nacht vor dem „Zip“ auf, bestritt aber, dass es Misshandlungen gegeben habe. Am Freitagvormittag stieß er neuerlich zu den Wartenden und beteuerte, in den Zellen sei „niemand geschlagen worden“. Es wirkt wie eine ungelenke PR-Offensive.

          Weitere Themen

          Einer von Zehntausenden

          Belarussischer Dichter in Haft : Einer von Zehntausenden

          In Minsk sitzt der belarussische Dichter Dmitri Strozew, ein Vertrauter von Swetlana Alexijewitsch, im Gefängnis. Mit seiner Lyrik protestiert er seit Jahren gegen das Regime von Präsident Lukaschenka.

          Scholz und Altmaier zu neuen Corona-Hilfen Video-Seite öffnen

          Livestream : Scholz und Altmaier zu neuen Corona-Hilfen

          Nach Verkündung der aktuellen Maßnahmen in der Pandemie wollen Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier auch über neue Corona-Hilfen für die Wirtschaft informieren. Verfolgen Sie die Pressekonferenz im Livestream.

          Topmeldungen

          Corona-Debatte im Bundestag : Merkel und der Preis des Menschenlebens

          Von Merkel über Lindner bis zur AfD zog sich eine Frage durch die Debatte im Bundestag: Was gilt ein Menschenleben? Die überzeugendste Antwort gab Ralph Brinkhaus: Wir sind keine Diktatur.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.