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Misshandelte Demonstranten : „Es war die Hölle auf Erden“

Entschuldigung des Innenministers

Der Innenminister selbst, Jurij Karajew, entschuldigte sich am Donnerstagabend im Staatsfernsehen für Verletzungen von Leuten, die „zufällig“ bei Protesten waren, und rief seine Untergebenen dazu auf, Journalisten freizulassen; immer noch sind etliche Reporter verschwunden. Die Presse sei „heilig“, sagte Karajew, hob aber hervor, die Polizei habe nur auf Gewalt seitens der Demonstranten geantwortet. „Gott sei Dank ist es bei uns nicht zur Revolution gekommen.“ Auch mit Blick auf die Proteste in Staatsbetrieben, ein Alarmsignal für das Regime, wurde Entgegenkommen suggeriert. „Der Präsident hat die Meinung der Arbeitskollektive gehört und angeordnet, das zu klären“, sagte die Vorsitzende des Parlamentsoberhauses, Natalja Kotschanowa, am Donnerstagabend. Auch habe Lukaschenka angeordnet, alle Fälle von Festnahmen bei Protesten zu prüfen.

Am Freitag meldete sich der Machthaber selbst zu Wort und trat als Erstes Gerüchten entgegen, er habe Belarus schon verlassen: „Ich lebe noch und bin nicht im Ausland“, sagte Lukaschenka auf einer Sitzung. Mit Blick auf die Streiks warnte er vor wirtschaftlichen Folgen: Wenn etwa Arbeiter eines Kalidüngerbetriebs „noch zwei Tage streiken, dann bekreuzigen sich die Konkurrenten, Russen und Kanadier“. Und mit Blick auf Minsker Fahrzeughersteller, bei denen ebenfalls Arbeiter streiken: „Heute produziert ihr zehn Trecker nicht, bringt sie nicht auf den Markt, morgen kommen die Deutschen und Amerikaner, bringen ihre Technik dem Russen, bekreuzigen sich auch.“

Lukaschenka behauptete mit Blick auf zwei große Minsker Fabriken, dort hätten nur „20 Leute ihre Meinung gesagt“. Das griffen die angesprochenen Arbeiter des Minsker Traktorenwerks auf: „Wir sind nicht 20 Personen, sondern 16.000“, stand auf einem Banner, das Tausende von ihnen durch Minsk trugen. Auch Mitarbeiter der Minsker Metro, der Lebensader der Hauptstadt, schlossen sich den Protesten an.

Immer mehr Staatsangestellte treten in den Streik, hier in der Automobilfabrik MAZ in Minsk.
Immer mehr Staatsangestellte treten in den Streik, hier in der Automobilfabrik MAZ in Minsk. : Bild: AFP

Auch die Frau, die Lukaschenka allen Anzeichen nach bei den Wahlen besiegt hat, meldete sich zu Wort, aus dem litauischen Exil: Dorthin hatte das Regime Swetlana Tichanowskaja in der Nacht auf Dienstag expediert. Sie sagte in einer Videobotschaft, dort, wo Wahlkommissionen ehrlich ausgezählt hätten, habe sie 60 bis 70 Prozent der Stimmen erhalten, in einem Teil von Minsk neunzig Prozent. „Wir müssen die Gewalt auf den Straßen der belarussischen Städte beenden“, sagte Tichanowskaja und rief das Regime zum Dialog auf. Am Wochenende, forderte Tichanowskaja, sollten die (regimetreuen) Bürgermeister selbst friedliche Massenveranstaltungen im ganzen Land organisieren.

In einer weiteren Botschaft kündigte Tichanowskaja die Gründung eines Koordinierungsrates „zur Sicherstellung des Machttransfers“ an. Sie rief die Zivilgesellschaft, Parteien und Gewerkschaften und bekannte Personen auf, sich dazu an ihren Wahlkampfstab zu wenden. Zudem wandte sich Tichanowskaja an die internationale Gemeinschaft und besonders an die europäischen Länder, bei der Organisation eines Dialogs mit den bisherigen Machthabern zu helfen.

Verbrüderungsszenen von Soldaten und Demonstranten

An diesem Samstag wird in Minsk der erste Demonstrant zu Grabe getragen, der während der Proteste getötet worden war; es könnte eine der größten Beerdigungen der Stadtgeschichte werden. Oder sollte das Regime sich wirklich doch nur eine Atempause verschaffen, um zum Gegenschlag auszuholen? Im wichtigsten Punkt, dem angeblichen Wahlergebnis, blieb es hart: Das am Freitag verkündete offizielle Endergebnis gibt die Zahlen wieder, die das Land in Aufruhr versetzt haben.

Doch erst einmal senkten Sondereinsatzkräfte und Soldaten vor offiziellen Gebäuden der Hauptstadt am Freitagnachmittag ihre Schutzschilde – und ließen sich dafür von jungen Frauen umarmen. Am Abend versammelten sich Tausende Demonstranten vor dem Regierungssitz in Minsk. Obwohl Lukaschenka dazu aufgerufen hatte, nicht auf die Straßen zu gehen, da „man euch und eure Kinder als Kanonenfutter benutzt“, wurden die Demonstranten von den Sicherheitskräften nicht behelligt. Auch in anderen belarussischen Städten strömten Menschenmassen friedlich zusammen. Es gab immer mehr Verbrüderungsszenen von Soldaten und Demonstranten.

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