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Ende des INF-Vertrags : Was tun gegen russische Marschflugkörper?

Am 23. Januar 2019 präsentierte Russland das Schachtrohr der SSC-8. Es lässt genaue Rückschlüsse auf die Größe des Marschflugkörpers zu. Bild: dpa

Die Nato will kein Wettrüsten mit Moskau. Dann muss sie sich aber wenigstens gegen die neue nukleare Bedrohung verteidigen können. Das hat auch Folgen für die Luftabwehr der Bundeswehr.

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          Am Freitag wird der für Europa wichtigste Abrüstungsvertrag Geschichte sein. Denn dann läuft der INF-Vertrag über landgestützte Mittelstreckensysteme endgültig aus, nachdem ihn vor sechs Monaten zuerst die Amerikaner und dann die Russen gekündigt haben. Bei der Nato macht man sich keine Hoffnungen mehr, dass Moskau in letzter Minute einlenken und seine Marschflugkörper, die gegen den Vertrag verstoßen, verschrotten könnte. Gespräche zwischen Russen und Amerikanern vorige Woche in Genf blieben ohne Ergebnis. Es ging da auch schon gar nicht mehr um den „alten“ INF-Vertrag, sondern um ein neues Regelwerk. Die Amerikaner wollen China einbeziehen, die Russen sollen darauf kühl reagiert haben – weil sie nicht glauben, dass Peking dabei mitspielt.

          Die Nato hat sich auf das Aus des INF-Vertrags vorbereitet. Schon abgestimmt ist eine Erklärung, die am Freitag veröffentlicht werden soll. Sie wird, wie frühere Stellungnahmen, Russland die Schuld für das Scheitern zuweisen, die Solidarität in der Allianz bekräftigen und Gegenmaßnahmen in Aussicht stellen. Dazu gehört ausdrücklich nicht, dass die Verbündeten nukleare Mittelstreckenwaffen in Europa nachrüsten. „Maßvoll und defensiv“ werde die Reaktion sein, kündigte Generalsekretär Stoltenberg an. Die Verteidigungsminister haben Ende Juni ein Maßnahmenpaket dazu auf den Weg gebracht. Die Allianz will mehr tun für die Aufklärung der russischen Systeme und die Überwachung ihres Luftraums. Zudem kündigte Stoltenberg an: „Wir werden uns darüber hinaus unsere Luftverteidigung und Raketenabwehr ansehen.“

          Das war vorsichtig formuliert, aber es ist der wichtigste Punkt. Das Bündnis muss sich wirksam gegen atomwaffenfähige russische Marschflugkörper verteidigen können, wenn es selbst solche Systeme nicht in Europa stationieren will. Neu ist die Bedrohung zwar nicht: Russland besitzt schon heute nuklear bewaffnete Marschflugkörper, die von U-Booten und Langstreckenbombern abgefeuert werden können – der INF-Vertrag verbot nur landgestützte Systeme. Doch hat sich die Nato in den vergangenen zehn Jahren auf etwas ganz anderes konzentriert: Raketen mit ballistischer Flugbahn, die im Weltraum abgefangen werden. Im Auge hatte die Allianz dabei Iran. Entsprechend wurden die Stützpunkte ausgewählt: ein Radar in der Türkei, Abfangstationen in Rumänien und Polen, ein Lenkwaffenzerstörer im Mittelmeer.

          Langsam, aber winzig

          Gegen russische Marschflugkörper taugt das alles nichts. Deren Flugbahn kann man nicht mit Computerprogrammen vorherberechnen. Sie sind klein und wendig. Am besten sind sie noch in der Anflugphase zu orten. Um Treibstoff zu sparen, bewegen sie sich dann in einer Höhe von fünf- bis sechstausend Metern – eher wie ein Flugzeug, 900 Kilometer schnell. Für 2300 Kilometer brauchen sie zweieinhalb Stunden, eine ballistische Rakete schafft das in ein paar Minuten. Also: Langsam sind sie, die Marschflugkörper, aber trotzdem schwer zu erkennen. Die russische SSC-8, die gegen den INF-Vertrag verstößt, ist gerade mal einen halben Meter dünn und gut sechs Meter lang – vergleichsweise winzig. Mit heutigen Radaren sieht man sie erst, wenn sie achtzig Kilometer oder weniger entfernt ist. Und dann bleiben bloß noch ein paar Minuten Zeit, um sie abzuschießen.

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