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Ende des INF-Vertrags : Was tun gegen russische Marschflugkörper?

Noch schwieriger wird es, wenn der Marschflugkörper in sein Zielgebiet kommt. Dann geht er in den sogenannten Konturenflug und bewegt sich ganz nah am Boden, mit bloß fünfzig Metern Abstand. In welligem Terrain kann der Marschflugkörper Überwachungsradare unterfliegen und ist zeitweilig unsichtbar. Allerdings benötigt er selbst ein Höhenradar, um sich im Gelände zu orientieren. Das sendet wiederum Signale aus, die man orten kann. Dafür ist aber ein ganz dichtes Netz von Messstationen notwendig, was extrem teuer wäre. So lassen sich nur kleine Gebiete schützen. Zumal Marschflugkörper aus allen möglichen Richtungen angreifen können – das gehört zur Einsatztaktik dieser Waffe.

Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Bekämpfung: aus der Luft und vom Boden aus. In der Luft kann man Awacs-Flugzeuge einsetzen, die fliegenden Radare der Nato. Sie können Marschflugkörper im Anflug und im Konturenflug orten, weil sie „von oben“ gucken. Die Daten werden dann an Jagdflugzeuge übermittelt, die über geeignete Abfangraketen verfügen. Bei den modernen amerikanische F-35-Kampfflugzeugen ist das der Fall. Sie müssten allerdings schon in der Luft, also vorgewarnt sein. Vom Boden aus ist eine Bekämpfung erst in der Endphase möglich, wenn Marschflugkörper ihr Zielgebiet erreichen. In der Nato gibt es dafür zwei Systeme. Eines haben Franzosen und Italiener gemeinsam entwickelt. Weiter verbreitet ist das andere: Patriot. Das haben die Vereinigten Staaten bei sich eingeführt und später an Deutschland, die Niederlande, Spanien und Griechenland verkauft. Auch Polen und Rumänien wollen es anschaffen.

Patriot ist in die Jahre gekommen

Die Bundeswehr hat Patriot seit dreißig Jahren, das System ist ganz schön in die Jahre gekommen. Man kann es nicht mit anderen Systemen vernetzen („Plug and play“). Außerdem kann eine Patriot-Batterie immer nur eine Himmelsrichtung überwachen. Für Rundum-Schutz braucht man deshalb schon vier Batterien, und die Bundeswehr hat gerade mal zwölf insgesamt. Für die Landesverteidigung heißt das: Nur wenige Gebiete können überhaupt geschützt werden, die Hauptstadt Berlin und noch zwei Bevölkerungszentren, vielleicht die Rhein-Main-Region und das Ruhrgebiet. Vielleicht auch München oder Stuttgart. Schon diese Auswahl würde kein Politiker gerne treffen.

Das Luftverteidigungssystem Meads bei einem Testschuss 2003

Die Bundeswehr sucht deshalb seit langem nach Ersatz für Patriot. Schon 2005 gab der Bundestag einen Nachfolger in Auftrag. Er wurde Meads genannt und gemeinsam mit Italien und den Vereinigten Staaten entwickelt. Doch als er 2011 fertig war, sprangen die Amerikaner ab. Ein paar Jahre lang blieb das Projekt in der Schwebe, bis sich das Verteidigungsministerium 2015 zu einer Grundsatzentscheidung durchrang: Die entwickelte Technologie soll die Grundlage des nächsten deutschen Luftverteidigungssystems bilden. Seitdem sind schon wieder vier Jahre vergangen. Das erste Angebot des Herstellers MBDA wurde vom Ministerium als unzureichend abgelehnt, vor kurzem, im Juni, folgte ein zweites Angebot. Das wird jetzt geprüft, der Bundestag wird sich wohl im nächsten Jahr damit befassen. Wie üblich bei derartigen Großprojekten sind die Kosten mit den Anforderungen und Jahren gestiegen. Die Rede ist jetzt von rund zehn Milliarden Euro für sieben bis acht Systeme.

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