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Terror in Indonesien : Mit dem Koran gegen die Islamisten

Besonnen: Joko Widodo geht beim Anti.Terror-Kampf seinen eigenen Weg. Bild: AFP

Trotz Niederlagen im Nahen Osten bleibt die Expansionskraft des „Islamischen Staates“ ungebrochen. Nun sind die Terroristen in Südostasien aktiv. Im Kampf gegen die Miliz setzt Indonesiens Präsident nicht nur auf Waffengewalt.

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          Im Nahen Osten mag sich der „Islamische Staat“ (IS) auf dem Rückzug befinden. Global betrachtet, ist die Expansionskraft der Terroristen aber nicht erlahmt. Das zeigen nicht zuletzt die seit sechs Wochen anhaltenden Kämpfe in der südphilippinischen Stadt Marawi. Südostasien ist zunehmend in den Fokus der Islamisten geraten. In Marawi liefern sich lokale Verbündete der Terrormiliz schwere Kämpfe mit dem philippinischen Militär und lassen sich bislang auch nicht durch schwere Luftangriffe verjagen. Das Ziel soll es sein, Territorium in dem Gebiet zu erobern, um ein eigenes Kalifat zu errichten. Insbesondere in Nachbarländern wie Malaysia und Indonesien ist die Befürchtung groß, dass die Auseinandersetzung auch auf andere Gebiete übergreifen könnte. Er sei aber optimistisch, dass sich das Problem durch Zusammenarbeit zwischen den Nachbarländern in den Griff bekommen ließe, sagte der indonesische Präsident Joko Widodo im Interview mit dieser Zeitung in seinem Präsidentenpalast in Jakarta.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Lage ist brisant: Auch Terroristen aus den Nachbarländern sind an den Kämpfen beteiligt. Es wird erwartet, dass der IS bei wachsendem Druck in seinen Stammgebieten im Nahen Osten seine Aktivitäten in der Region weiter ausbauen könnte. Indonesien, das größte muslimische Land der Erde, sieht sich auch im Inland mit einer erhöhten Bedrohung durch den IS und mit ihm verbundene lokale Gruppen konfrontiert. Im vergangenen Jahr attackierten mehrere Terroristen Ziele im Zentrum von Jakarta. Im Mai dieses Jahres folgte ein Selbstmordattentat auf eine Busstation der Hauptstadt, vergangene Woche wurden zwei Polizisten bei einer Moschee mit Messern angegriffen. Am Dienstag erhielt eine Polizeistation im Süden der Stadt einen Brief, in dem gedroht wurde, Jakarta in ein zweites Marawi zu verwandeln. An der Außenwand hing eine schwarze IS-Flagge. Wegen der zunehmend angespannten Lage soll Präsident Widodo auch beim G-20-Gipfel in Hamburg über die Erfahrungen seines Landes im Kampf gegen den Terror eine Rede halten.

          Der Präsident hatte zu dem Thema auch einige Tage zuvor mit dem philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte telefoniert. Dieser Zeitung gegenüber nannte Widodo den Staatschef des Nachbarlandes, der für seinen blutigen Anti-Drogen-Krieg berüchtigt ist, einen „starken Anführer“. Indonesien, Malaysia und die Philippinen, die drei Länder, in deren Grenzgebiet sich die Terroristen teilweise nahezu frei bewegen, hatten schon vor der Krise im Süden der Philippinen zum ersten Mal gemeinsame Seepatrouillen beschlossen. Sie sollen für Sicherheit in den Seegebieten sorgen, in denen es einen Anstieg der Entführungen durch die Terrorgruppe Abu Sayyaf gegeben hat. Dazu gehörten unter anderem die zwei vietnamesischen Seeleute, deren Leichen am Mittwoch im Süden der Philippinen gefunden worden waren. Sie waren von ihren Entführern enthauptet worden.

          Darüber hinaus sollen die Patrouillen auch verhindern, dass weiter Terroristen über die Grenzen gelangen können, etwa um sich den Kämpfen in Marawi anzuschließen. Einem von Duterte vorgeschlagenen Einsatz indonesischer Kräfte in Marawi erteilte Präsident Widodo dieser Zeitung gegenüber eine Absage. Die Philippinen könnten gleichwohl von den Erfahrungen Indonesiens im Umgang mit Extremisten profitieren. Der zuständigen Spezialeinheit der indonesischen Polizei war es in den vergangenen Jahren gelungen, Terrorgruppen wie Jemaah Islamiah in ihrer Operationsfähigkeit zu schwächen. Auf den Philippinen wird der Kampf gegen den Terror dagegen vom Militär geführt. Doch die Soldaten sind vor allem im Dschungelkampf geschult und haben keine Erfahrung mit Häuserkämpfen wie in Marawi.

          Präsident setzt auf „Soft Power“

          In seiner Rede in Hamburg will Joko Widodo außerdem berichten, wie Indonesien seit einigen Jahren versucht, den Terrorismus nicht nur mit „harten“ polizeilichen und juristischen Maßnahmen zu bekämpfen, sondern auch mit „Soft Power“, wie er es nennt. So arbeite die Regierung mit den beiden großen islamischen Organisationen des Landes zusammen, die gemeinsam rund 120 Millionen Indonesier zu ihren Mitgliedern zählen. Diese Organisationen spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung islamischer Werte, zu denen auch Toleranz und Mäßigung zählten, sagte Widodo. Indonesien verfolgt außerdem seit einigen Jahren ein Programm zur sogenannten Deradikalisierung inhaftierter Terroristen.

          Allerdings hat der Ruf Indonesiens als Musterland des moderaten Islams gerade in den vergangenen Monaten erheblich gelitten. Im Ausland war schon vom Ende der Toleranz zu lesen. Der Hintergrund waren die islamistischen Massenproteste gegen den damaligen Gouverneur von Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok. Die Demonstranten warfen dem Christen Beleidigung des Islams vor. Der Druck wurde so groß, dass Basuki nicht nur die Wahl zum Gouverneur verlor. Er wurde auch wegen Blasphemie zu zwei Jahren Haft verurteilt.

          Fokus auf Extremismus und Terrorismus kommt ungelegen

          Da Basuki ein politischer Zögling Widodos ist, wurden die Proteste auch als Angriff auf den Präsidenten mit Blick auf die Neuwahlen in zwei Jahren gewertet. Der Präsident, selbst ein gläubiger Muslim, sagte dieser Zeitung, dass die Angelegenheit am Ende ganz in den Händen der Gerichte gelegen habe. „Als Präsident habe ich in diesen Prozess nicht eingegriffen und konnte es auch nicht“, sagte Widodo. Die Massenproteste seien zudem vor allem politisch und nicht religiös motiviert gewesen. „In Indonesien ist das normal. Wenn wir Wahlen zum Bürgermeister, zum Gouverneur oder zum Präsidenten haben, nehmen die Spannungen vorher zu“, sagte Widodo.

          Allerdings deutete Widodo auch an, dass er gegen radikale Gruppen vorgehen wolle, sobald eine Gesetzesänderung für den Umgang mit Massenorganisationen verabschiedet worden sei. Zudem versicherte er, dass in Indonesien weiter eine tolerante Form des Islams vorherrsche. „Ich bin überzeugt, dass die Moderaten in Indonesien immer noch in der Mehrheit sind“, sagte der Präsident. Zu der Auspeitschung von zwei homosexuellen Männern in der Provinz Aceh sagte er, die dort geltende Scharia sei durch das Autonomiegesetz geregelt, das Aceh nach Ende des Bürgerkriegs gewährt worden war. Die Zentralregierung müsse dieses Gesetz respektieren.

          Für den Präsidenten, der für seinen Pragmatismus bekannt ist und der vor allem die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu seinem Kernanliegen gemacht hat, kommt der jetzige Fokus auf Extremismus und Terrorismus gleichwohl ungelegen. Er will die ausländischen Investoren überzeugen, dass die Stabilität Indonesiens gesichert ist. So wies er gegenüber dieser Zeitung darauf hin, dass Indonesien mittlerweile von drei der wichtigsten Ratingagenturen auf Investitionsstatus hochgestuft worden sei. Dies sei das erste Mal seit dem Einbruch in der Asien-Krise vor 20 Jahren. Seine Regierung rechnet deshalb mit zusätzlich zehn Milliarden Dollar Kapitalzufluss. „Daran sieht man, dass der globale Markt Vertrauen in Indonesien hat“, sagte Widodo.

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