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Terror in Indonesien : Mit dem Koran gegen die Islamisten

Präsident setzt auf „Soft Power“

In seiner Rede in Hamburg will Joko Widodo außerdem berichten, wie Indonesien seit einigen Jahren versucht, den Terrorismus nicht nur mit „harten“ polizeilichen und juristischen Maßnahmen zu bekämpfen, sondern auch mit „Soft Power“, wie er es nennt. So arbeite die Regierung mit den beiden großen islamischen Organisationen des Landes zusammen, die gemeinsam rund 120 Millionen Indonesier zu ihren Mitgliedern zählen. Diese Organisationen spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung islamischer Werte, zu denen auch Toleranz und Mäßigung zählten, sagte Widodo. Indonesien verfolgt außerdem seit einigen Jahren ein Programm zur sogenannten Deradikalisierung inhaftierter Terroristen.

Allerdings hat der Ruf Indonesiens als Musterland des moderaten Islams gerade in den vergangenen Monaten erheblich gelitten. Im Ausland war schon vom Ende der Toleranz zu lesen. Der Hintergrund waren die islamistischen Massenproteste gegen den damaligen Gouverneur von Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok. Die Demonstranten warfen dem Christen Beleidigung des Islams vor. Der Druck wurde so groß, dass Basuki nicht nur die Wahl zum Gouverneur verlor. Er wurde auch wegen Blasphemie zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Fokus auf Extremismus und Terrorismus kommt ungelegen

Da Basuki ein politischer Zögling Widodos ist, wurden die Proteste auch als Angriff auf den Präsidenten mit Blick auf die Neuwahlen in zwei Jahren gewertet. Der Präsident, selbst ein gläubiger Muslim, sagte dieser Zeitung, dass die Angelegenheit am Ende ganz in den Händen der Gerichte gelegen habe. „Als Präsident habe ich in diesen Prozess nicht eingegriffen und konnte es auch nicht“, sagte Widodo. Die Massenproteste seien zudem vor allem politisch und nicht religiös motiviert gewesen. „In Indonesien ist das normal. Wenn wir Wahlen zum Bürgermeister, zum Gouverneur oder zum Präsidenten haben, nehmen die Spannungen vorher zu“, sagte Widodo.

Allerdings deutete Widodo auch an, dass er gegen radikale Gruppen vorgehen wolle, sobald eine Gesetzesänderung für den Umgang mit Massenorganisationen verabschiedet worden sei. Zudem versicherte er, dass in Indonesien weiter eine tolerante Form des Islams vorherrsche. „Ich bin überzeugt, dass die Moderaten in Indonesien immer noch in der Mehrheit sind“, sagte der Präsident. Zu der Auspeitschung von zwei homosexuellen Männern in der Provinz Aceh sagte er, die dort geltende Scharia sei durch das Autonomiegesetz geregelt, das Aceh nach Ende des Bürgerkriegs gewährt worden war. Die Zentralregierung müsse dieses Gesetz respektieren.

Für den Präsidenten, der für seinen Pragmatismus bekannt ist und der vor allem die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu seinem Kernanliegen gemacht hat, kommt der jetzige Fokus auf Extremismus und Terrorismus gleichwohl ungelegen. Er will die ausländischen Investoren überzeugen, dass die Stabilität Indonesiens gesichert ist. So wies er gegenüber dieser Zeitung darauf hin, dass Indonesien mittlerweile von drei der wichtigsten Ratingagenturen auf Investitionsstatus hochgestuft worden sei. Dies sei das erste Mal seit dem Einbruch in der Asien-Krise vor 20 Jahren. Seine Regierung rechnet deshalb mit zusätzlich zehn Milliarden Dollar Kapitalzufluss. „Daran sieht man, dass der globale Markt Vertrauen in Indonesien hat“, sagte Widodo.

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