https://www.faz.net/-gpf-nu91

Indonesien : Nach dem Todesurteil ein Freudenschrei

Attentäter Amrozi will als „Märtyrer” sterben Bild: dpa/dpaweb

Rund zehn Monate nach dem Bombenanschlag auf Bali hat ein indonesisches Gericht die Todesstrafe gegen einen der Hauptverdächtigen, den „lächelnden Bomber“ Amrozi, verhängt.

          Die fünf Richter, die an der Stirnseite des Saales hinter einem langen Tisch sitzen, haben ihre Regungen heute zu Hause gelassen. Unbewegt, den Blick ins Unendliche gerichtet, hören sie zu, wie jeweils einer von ihnen die Urteilsbegründung verliest. Jede Stunde wandert der Schriftsatz zum nächsten. Einmal machen sie eine Pause, um zu trinken.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Dann lesen sie wieder, 300 Seiten Fakten, zusammengetragen in mehr als 20 Verhandlungstagen. 300 Seiten Zeit für den Angeklagten. Wenn die letzten Zeilen verlesen sein werden, brechen seine letzten Stunden an. Niemand im Zuschauerraum zweifelt daran, daß der Angeklagte, der sich so sehr ein Märtyrerende wünscht, an diesem Tag zum Tod verurteilt werden wird.

          Amrozi sitzt allein in der Mitte des Saales, auf einem Bürodrehstuhl, den Rücken zum Publikum. Über ihm kreisen Ventilatoren. Viele Meter trennen ihn von seinen Richtern, den Staatsanwälten und dem Verteidiger. Er ist barfuß und trägt ein langes weißes Hemd und eine grüne Kopfbedeckung, als sei er gerade aus der Moschee gekommen. Stundenlang harrt er auf dem Stuhl aus, manchmal schlägt er rhythmisch seine Knie gegeneinander oder zupft sich an seinem dünnen Kinnbart. Gelegentlich dreht er sich auch um und zeigt sein weiches Gesicht mit den verstörend strahlenden Augen.

          Über zweihundert Menschen getötet

          Um neun Uhr morgens wurde er hereingeführt. Mehr als zwanzig Tage hat er hier zugebracht, mehr als 50 Zeugen gehört, seit Mitte Mai. Heute, am Tag der Urteilsverkündung, verhält er sich nicht anders als sonst. Als er den Saal betrat, ruft er mehrmals auf arabisch "Gott ist groß!". Dazu ballt er seine Faust und reißt sie in die Höhe. Bis zum Ende der Verhandlung lächelt er. "Smiling Bomber" nennen sie ihn in Indonesien.

          Mehr als zweihundert Menschen hat Amrozi getötet. Gerade einmal zehn Monate ist das her. Immer wieder erwähnen die Richter die Opfer in den beiden Nachtclubs, unter ihnen 88 Australier, 38 Indonesier, 22 Briten, sieben Amerikaner, sechs Deutsche. Amrozi dreht sich um und grinst in den Saal. In der ersten Reihe sitzt ein alter Balinese, der fast seine ganze Familie verloren hat. Er verpaßte keinen Verhandlungstag und zeigt schweigend ein kleines Buch herum mit Fotos, die er unmittelbar nach dem Anschlag geschossen hat. Es ist kaum etwas darauf zu sehen, zu dunkel war es, nur ein Aurowrack und etwas Weißes, das ein abgerissener Fuß sein soll.

          Hinter ihm sitzt eine australische Familie, die in Jakarta lebt. Ihre Tochter war in der Nacht vor dem 12. Oktober im Sari Club tanzen. Jetzt wollen sie den Mörder sehen, der beinahe ihre Familie zerstört hätte. Viele sind nicht gekommen, an diesem letzten Tag. "Manche Angehörige können einfach nicht ertragen, daß er so viele Menschen getötet hat und darauf auch noch stolz ist", sagt Theodorus, ein Radioreporter von "Bali Gema Merdeka", der den Prozeß von Anfang an verfolgt hat. "Es ist seine Primitivität, die viele sprachlos macht - und offenbar ihn selber auch."

          Dunstkreis muslimischer Fanatiker

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.