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Indonesien : Bloß keine Milde

Ein Gefängniswärter in Kerobokan: Hier sitzen die beiden wegen Drogenhandels verurteilten Australier im Todestrakt. Bild: dpa

Australien versucht, die Hinrichtung zweier Männer auf Bali zu verhindern. Doch Jakarta reagiert immer unwilliger, je größer der diplomatische Druck wird.

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          Den Vorschriften zufolge werden die Australier Andrew Chan und Myuran Sukamaran erst 72 Stunden vorher über den Termin ihrer Hinrichtung informiert. Diese erfolgt in Indonesien durch ein zwölfköpfiges Erschießungskommando, wobei nur drei der Gewehre mit echten Patronen ausgestattet sind, damit am Ende niemand sichergehen kann, wer tödliche Schüsse abgegeben hat. Die Todeskandidaten können sich aussuchen, ob sie im Stehen oder Sitzen erschossen werden und ob sie eine Augenmaske tragen wollen. Die Schüsse werden aus einer Distanz von fünf bis zehn Metern abgegeben.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Es ist das erste Mal, dass in Indonesien zwei australische Staatsbürger hingerichtet werden sollen. Die einzige Hoffnung für die beiden zum Tode Verurteilten sind noch ein Revisionsversuch in letzter Minute und eine Korruptionsbeschwerde, der zufolge die Richter im Jahr 2006 ein milderes Urteil im Austausch gegen Geld versprochen hätten. Da die Hinrichtung mit großer Wahrscheinlichkeit aber noch in diesem Monat erfolgen wird, nehmen die diplomatischen Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern täglich zu. Australiens Regierung versucht, mit unzähligen Appellen Druck auf Jakarta auszuüben. Die indonesische Regierung wiederum hält angesichts dessen umso ausdrücklicher an der Entscheidung fest.

          150.000 Australier halten Mahnwachen

          In den vergangenen Tagen haben sich in Sydney und anderen Städten Tausende zu Mahnwachen versammelt, um Gnade für die beiden Australier zu fordern. 150.000 Menschen haben eine Petition zu ihren Gunsten unterschrieben. Dabei zweifelt auch in Australien niemand an der Schuld der Männer. Sie gehörten zu den „Bali Nine“, die im Jahr 2005 in Denpasar verhaftet worden waren, weil sie planten, 8,3 Kilogramm Heroin nach Australien zu schmuggeln.

          Die beiden Männer bereuten ihre Taten heute jedoch zutiefst, sagte die australische Außenministerin Julie Bishop vergangene Woche in einer engagierten Rede vor dem Parlament. „Zehn Jahre nach ihrem Verbrechen sind Andrew und Myuran andere Menschen“, sagte die Ministerin. Der eine habe im Gefängnis ein Theologiestudium beendet, der andere ein Kunststudium absolviert. Sie seien regelrechte Modellhäftlinge, die sich ganz der Hilfe für die anderen Gefangenen verschrieben hätten.

          In dem diplomatischen Zwist stoßen sehr unterschiedliche Interessenlagen aufeinander. Auf der einen Seite das vom christlichen Weltbild geprägte Australien, das Indonesien weismachen will, dass „Milde kein Zeichen der Schwäche“ sei, um es in den Worten eines australischen Ministers auszudrücken. Auf der anderen Seite das überwiegend muslimische Indonesien, das sich nach Angaben von Präsident Joko Widodo inmitten einer „Drogenkrise“ befindet, die sich nur durch hartes Durchgreifen bekämpfen lässt.

          Regierungschefs in Indonesien und Australien unter Druck

          In beiden Ländern werden die Regierungen zudem von Männern geführt, die zwar noch nicht lange im Amt sind, aber schon mit Regierungskrisen zu kämpfen haben. Australiens Tony Abbott hat in der vergangenen Woche nur knapp eine innerparteiliche Vertrauensabstimmung überstanden. Joko Widodo hat gerade erst seinen Kandidaten für das Amt des Polizeichefs fallenlassen müssen, nachdem die nationale Antikorruptionsbehörde Ermittlungen gegen ihn aufgenommen hatte.

          Myuran Sukumaran und Andrew Chan: Die beiden Männer waren 2005 in Denpasar verhaftet worden, weil sie Kokain nach Australien schmuggeln wollten.

          Joko Widodo, der auf einer Popularitätswelle ins Präsidentenamt gespült worden war, will nun offenbar Härte zeigen. Schließlich wurde er im Vergleich zu seinem einstigen Gegenkandidaten, dem früheren General Prabowo Subianto, und zu seiner eigenen Parteivorsitzenden, der früheren Präsidentin Megawati Sukarnoputri, bisher als schwach wahrgenommen. Nachdem unter seinem Vorgänger die Vollstreckung der Todesstrafe über Jahre durch ein Moratorium ausgesetzt war, das erst im Jahr 2013 aufgehoben wurde, hat Widodo nun eine Kehrtwende vollzogen. Allein im Januar wurden fünf Ausländer wegen Drogendelikten hingerichtet.

          Insgesamt warten nun sieben Ausländer auf die Vollstreckung ihrer Todesurteile, neben den Australiern auch Personen aus Ghana, Nigeria, Brasilien, den Philippinen und Frankreich. Joko Widodo begründet das damit, dass angesichts eines wachsenden Drogenproblems in Indonesien schnell gehandelt werden müsse. Tatsächlich erscheinen die Zahlen, die er nennt, bedrückend: Demnach gibt es 4,5 Millionen Drogenabhängige, die dringend in den Entzug gehören. Täglich fänden 40 bis 50 Indonesier den Tod, weil sie illegale Drogen konsumiert hätten. Allerdings äußerten Wissenschaftler erhebliche Zweifel an den Statistiken, die diesen Zahlen zugrunde liegen.

          Hinrichtungen als politisches „Spektakel“

          Kritiker werfen Widodo zudem vor, er mache ein politisches „Spektakel“ aus der Hinrichtung von Menschen. In dieser schwierigen Lage versucht Australien nun immer verzweifelter, auf Indonesien einzuwirken. Die Regierung in Canberra erinnerte daran, dass sich Indonesien seinerseits sehr dafür einsetze, eigene Staatsbürger im Ausland vor der Hinrichtung zu bewahren. Zudem warnte Außenministerin Julie Bishop, dass viele Australier in Zukunft auf Reisen nach Indonesien verzichten könnten. Australien könnte auch dem Beispiel der Niederlande und Brasiliens folgen, die ihre Botschafter nach der Hinrichtung von Staatsbürgern aus Indonesien abgezogen haben.

          Abbott erinnerte Indonesien am Mittwoch auch noch an die umfangreiche Unterstützung aus Canberra nach dem Tsunami im Jahr 2004. In Jakarta wurde das nicht gerne gehört. „Drohungen gehören nicht zur Sprache der Diplomatie, und niemand mag Drohungen“, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Armanatha Nasir.

          Trotzdem kam es nahezu in letzter Minute zu einer Verzögerung bei der Hinrichtung der beiden Australier, die eigentlich schon diese Woche hätte stattfinden sollen. Denn das Gefängnis von Nusa Kambangan auf der Insel Java, in das die Australier für die Vollstreckung des Urteils verlegt werden sollten, verfügt derzeit nicht über genügend Kapazitäten, um die Todeskandidaten aufzunehmen. Beide bekamen daher noch einmal mehr Zeit, um sich von ihren Familien zu verabschieden.

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